Schon wieder ein Marvel-Film? Noch dazu mit einem neuen Superhelden, den außer Comic-Nerds kein Mensch kennt? Der keinen schneidigen High-Tech-Anzug hat, sondern mit einem samtenen Zauberercape rumläuft? Klingt jetzt nicht gerade nach dem nächsten Hit. So kann man sich täuschen. Gestatten: "Doctor Strange".

Stellen wir den Neuen erst mal vor: Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) - der titelgebende "Doctor Strange" - ist ein Neurochirurg, der nicht nur verdammt gut ist, sondern auch verdammt gut weiß, wie gut er ist. Er holt auch schon mal ohne technische Hilfsmittel eine Kugel aus einem Gehirn. Und anschließend erzählt er allen, wie gut er ist.

Aber natürlich kann das nicht ewig so weitergehen. Dafür ist der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit zu groß und sind die Autos, die Strange gerne fährt, zu schnell. Und so erweist sich der Griff ans Handy bei geschätzten 200 Sachen auf der kurvigen Küstenstraße bei Nacht als der eine Griff zu viel - und Dr. Strange schießt nicht nur durch die Leitplanke, sondern wie eine Kanonenkugel aus seinem alten Leben. Wer hoch fliegt, kann eben auch tief fallen.

Dass er den Unfall überlebt und nur die Funktion seiner Hände verliert, sollte an sich schon Grund zur Dankbarkeit sein. Aber die liegt dem lieben Doktor nicht so. Also widmet er sich fortan der verbissenen Suche nach einem Handspezialisten und der Pflege seiner schlechten Laune.

Mental ganz unten angekommen und nach zahlreichen erfolglosen Behandlungen auch ziemlich pleite, bekommt er schließlich den Tipp, nach Nepal zu reisen. In einer Einrichtung namens Kamar-Taj wartet bereits die "Die Altehrwürdige" auf ihn. Entgegen Stranges Hoffnung versteht sie sich aber weniger auf klassische Handchirurgie als auf die Heilung des Geistes. Und da der Blick ins eigene Innere für Dr. Strange außer Arroganz und Egoismus wenig bis nichts zu bieten hat, ist er davon zunächst nicht sonderlich begeistert.

Cumberbatch: Darum wäre er fast nicht "Doctor Strange" geworden.

Zeit für eine erste Zwischenbilanz: Benedict Cumberbatch, der blasse, dünne, vornehme Engländer als Superheld - kann das klappen? Bis zu diesem Zeitpunkt klappt das ganz vorzüglich. Cumberbatch nimmt sich die als "Sherlock" antrainierte Arroganz, dieses Wissen, besser zu sein als alle anderen, gibt noch einen Schuss ekelhafte Coolness hinzu - fertig ist ein Dr. Strange, dem man nur allzu gerne beim Absturz zuschaut.

Ein bisschen "Matrix", ein bisschen "Harry Potter"

Irgendwann sieht der sture Doktor auch ein, dass er die Funktion seiner Hände nicht zurückbekommt und lässt sich darauf ein, sich von der Altehrwürdigen (erstaunlich lustig und mit einigen ziemlich coolen Kampfszenen: Tilda Swinton) in die Kunst der spirituellen Selbsterkenntnis und Heilung und damit auch der Zauberei und der Kontrolle mehrerer Dimensionen einführen zu lassen. Und siehe da, Dr. Strange ist nicht nur ein ordentlicher Chirurg, sondern auch ein passabler Zauberer.

Dass man dabei an "Batman Begins", "Matrix" und auch ein bisschen an "Harry Potter" denken muss - geschenkt. Es geht schließlich um einen Zaubereiazubi, der sich in Fernost einen Lehrer sucht und Zugang zu mehreren Dimensionen hat. Auch wirken einige Actionszenen wie direkt aus "Inception" geklaut. Wenn die Altehrwürdige gegen den Bösewicht Kaecilius (Mads Mikkelsen) kämpft und die Straßenzüge von London nach Belieben umklappt, sieht das aber tatsächlich noch ein bisschen besser aus als das Original - sorry, Christopher Nolan.

Überhaupt: Optisch und was den Witz angeht, ist hier alles in bester Comicverfilmungstradition - mit drögen Dialogen und schlechten Special Effects darf man sich hier natürlich nicht blicken lassen. Wo sich die letzten Avengers-Filme und vor allem die Rivalen aus dem Hause DC ("Batman v Superman") aber zuletzt in wahren Action- und Zerstörungsorgien ergingen, ist das hier deutlich homogener verteilt. Es knallt seltener. Dafür dann aber richtig hübsch.

Tilda Swinton im Interview zu ihrer schrägen Rolle in "Doctor Strange".

Kann Cumberbatch Superheld?

Und Benedict Cumberbatch jetzt so? Er wäre nicht der theatererprobte Schauspieler, wenn er den demütigen Neubeginn des Doktors als Zauberlehrling inklusive gelegentlichen Zweifeln und Arroganzanfällen nicht mal so eben aus dem Ärmel schütteln würde. Im besten Sinne. Bleibt die Frage: Kann er auch Superheld, so mit Kampf- und Actionszenen?

Machen wir es kurz: Er kann. Blass ist er immer noch, den einen oder anderen Muskel hat er aber trainiert und fügt seiner schon jetzt extrem breiten schauspielerischen Palette eine weitere Facette hinzu. Was kann der Typ eigentlich nicht?

Im großen Finale von "Doctor Strange" geht es dann mit ordentlich Getöse und dem einen oder anderen Zeitreisetrick in den Kampf gegen Kaecilius und dessen bösen Boss, der die von Strange und seinen Zaubererkollegen bewachten Tore zwischen unserer Welt und der Dimension des Bösen einreißen will. Und der einst so stolze Doktor hat gerade noch rechtzeitig die Erkenntnis, dass er seine speziellen Fähigkeiten vielleicht nicht nur zum eigenen Vorteil, sondern auch zur Rettung der Welt verwenden könnte.

Was "Doctor Strange" dann endgültig zu einem der bisher besten Marvel-Filme (vielleicht sogar dem besten) macht, ist aber auch noch die Figur des Dr. Strange an sich. Wo sich Iron Man auf seinen Hight-Tech-Anzug verlassen kann (und muss) und Captain America sowohl auf seine medizinisch manipulierte Muskelmasse als auch seinen Schild, läuft für Stephen Strange ohne die Kraft seines Geistes und seiner Gedanken gar nichts. Im hochgezüchteten Avengers-Universum ein wirklich wohltuender Anachronismus.

Da sei dem Doktor sein samtener Schwebemantel am Ende wirklich gegönnt.

"Doctor Strange" startet am 27. Oktober in den Kinos.