Jedes Jahr feiert sich beim "Deutschen Comedypreis" die Branche selbst. In einer dreistündigen Live-Show, mit den immer gleichen Nominierten und Gewinnern. Lustig sein ist dafür aber offenbar kein Kriterium.

Meine Meinung
von Felix Reek, Freier Autor

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165 Minuten können ganz schön lang sein. Erst recht, wenn die Sendezeit am Ende auch noch um zehn Minuten überzogen wird. Und man sich unweigerlich fragt: Wie kann eine Halle voller Menschen, deren Job es ist, lustig zu sein, bloß so wenig unterhaltsam sein?

Es ist das zweite Mal, dass RTL den "Deutschen Comedypreis" live überträgt, ohne Moderator, stattdessen wechseln sich die Laudatoren ab. Live-Fernsehen und Show-Events sind schließlich die letzte große Hoffnung des linearen Fernsehens im Überlebenskampf mit Streaming-Anbietern wie Netflix. Besser macht es das nicht.

Manche der Comedians, die ihre Kollegen ehren, haspeln sich wirr durch ihre Monologe, andere spulen Ausschnitte aus ihrem Programm ab. Es gibt Dicken-Witze, Türken-Klischees, wie ein Seehund heulen oder einfach mal "Penis" rufen.

Dazwischen feiert sich die Branche selbst: "Jeder, der hier sitzt, ist geil. Jeder wird hier gefeiert", sagt Chris Tall. Womit die Veranstaltung ziemlich genau auf den Punkt gebracht wäre.

Spannung kann so nicht aufkommen. Wie auch? Schnell ist klar: Same procedure as every year - dieselben Gesichter, dieselben Nominierten. In der Kategorie "Beste Komikerin/Bester Komiker" sind Ralf Schmitz, Carolin Kebekus, Luke Mockridge, Chris Tall und Mario Barth nominiert. Genau wie im letzten Jahr.

Neu in dieser Reihe ist nur Martina Hill. Am Ende gewinnt Luke Mockridge, gewählt per Online-Voting vom Publikum, der auch als erfolgreichster Live-Act ausgezeichnet wird. Ein Komiker, der vielen erst seit seinem mäßig gelungenen Skandälchen im ZDF-Fernsehgarten ein Begriff sein dürfte, aber auch große Hallen füllt. Warum, ist zumindest nach den Einspielern aus seiner Tour nicht klar.

John Cleese kommt als Flamingo auf die Bühne

Thomas Gottschalk offenbar auch nicht, der die ganze Show über neben ihm in der ersten Reihe sitzt. Er starrt staatsmännisch geradeaus, als wüsste er nicht so genau, was er eigentlich hier soll. Ach ja, er verleiht den Preis für das Lebenswerk an John Cleese.

In gewohnt alles umarmender Art und Weise schlendert er über die Bühne und bemängelt das Fehlen der Eurovisions-Hymne. Hella von Sinnen schreit sie ihm aus den Zuschauerrängen entgegen. Dann landet er noch einen Michelle-Hunziker-Witz, der aber offenbar zu spontan für RTL ist, da es dem Kameramann nicht gelingt, die zum Gag dazugehörige Person im Publikum zu zeigen.

John Cleese, der Mann, dem man "allein für seinen Silly Walk jeden Preis geben müsste, den es auf der Welt gibt", betritt derweil in einem rosa Flamingo-Kostüm die Bühne. Viel mehr hat auch er nicht hinzuzufügen.

Im Gegensatz zu vielen Preisträgern, ist John Cleese aber wenigstens erschienen. Olli Dittrich grüßt aus einem Flieger (Beste Parodie, "Der tiefe Fall der Trixie Dörfer"), das Ensemble von "Der Junge muss an die frische Luft" (erfolgreichste Kino-Komödie) vertritt Hape Kerkeling, Christian Ulmen und Fahri Yardim ("jerks.", beste Comedy-Serie) schwänzen die Veranstaltung zum dritten Mal in Folge. Und schicken auch niemanden, um den Preis abzuholen.

Stattdessen überspielt RTL die peinliche Situation mit zwei animierten Trophäen, die müde Gags über die beiden Hauptdarsteller reißen. Den Höhepunkt der Verweigerung setzt Jan Böhmermann, der als Comedy-Innovator ausgezeichnet wird. Statt ihm rollt ein iPad mit einer Fliege herein, auf dem groß sein Gesicht prangt. Wo er sich per Video genüsslich über die immer gleichen Witze und Preisträger lustig macht.

"Pastewka" bekommt einen Sonderpreis

Dabei gibt es durchaus Überraschungen. Özcan Cosar, der nach zwei Stunden einen Preis erhält, ist der erste der durchprofessionalisierten Komiker, der sich wirklich freut. Trotz des müden Überleitungs-Gags von Ingolf Lück: "Ich habe die Ehre, den Preis für den besten Newcomer zu überreichen. Ja, ich nehme den Preis an."

Oder Annette Frier und ihre Schwester Caroline, die die nominierten Satire-Shows mit den schlimmsten Facebook-Kommentaren dazu vorstellen. Dass sich die "Mitternachtsspitzen" in dieser Kategorie gegen die "Systemhuren", die "heute show" und "Extra 3" durchsetzen, hatte wohl keiner erwartet. Schließlich ist die Sendung bereits seit 31 Jahren auf Sendung.

Der Rest der Show liefert erwartbare Ergebnisse. Carolin Kebekus bekommt noch einen Preis für "Pussy Terror TV" (Beste Comedy-Show), Vorjahressieger Luke Mockridge versucht so zu schauen, als würde er es ihr gönnen. Den Abschluss der Show bildet das Ensemble von "Pastewka", das eine Ehrenrunde nach der gerade abgedrehten letzten Staffel für Amazon Prime dreht und dafür einen Sonderpreis erhält.

Nach mehr als drei Stunden "Deutscher Comedypreis" ist es dann endlich geschafft mit der Erkenntnis: Es gibt viele witzige deutsche Komiker. Auf den "Deutschen Comedypreis" haben die meisten von ihnen aber offensichtlich keine Lust.

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