Florian Silbereisen lud zur Samstagabendshow "Die Besten im Sommer" ein und präsentierte einen verstörenden Mix aus Schlager, Musical und Volksmusik. Für unseren Autor eine Reise in die Vergangenheit mit sehr vielen Fragen und einem enttäuschenden Ende.

Christian Vock
Ein Kommentar
von Christian Vock

Ich habe als kleiner Junge beim Besuch der Großeltern immer den Musikantenstadl von Karl Moik sehen müssen. Mit dem Hias. Und dem Dackel Wastl. Das waren die einzigen Abende meiner Kindheit, an denen ich froh war, ins Bett gehen zu müssen. Ich schlug das dann sogar manchmal selbst vor. Schon damals ahnte ich, dass da irgendwas nicht stimmen konnte mit diesen Trachtenleuten. Ich wusste es nur noch nicht in Worte zu fassen. Im Bett habe ich mich dann oft in den Schlaf geweint.

Trotzdem ist aus mir ein weltoffener und toleranter Mensch geworden. So weltoffen, dass ich mir die gestrige Show von Florian Silbereisen, für mich so etwas wie der junge Karl Moik, angesehen habe - auch wenn ich mit Volksmusik und Schlager heute so wenig anfangen kann wie damals. Aber es ist viel Zeit vergangen seit Hias und Wastl.

Wieso macht er das?

Doch noch bevor auch nur eine einzige Schlagerzeile gesungen ist, tauchen die ersten Fragen auf. "Die Besten im Sommer" nennt Silbereisen seine Show. Die Besten worin? Und warum nur im Sommer? Was machen die Besten im Winter? Sind sie da nicht mehr die Besten? Wie kommt es zu diesem Absturz? Woher weiß der Silbereisen das jetzt schon? Und was machen die Besten vom Frühling heute? Egal, ich freue mich einfach auf die Besten und schon geht's los. Mit feuchten Händen betrete ich wieder die Welt der Gaudimaxen und Blasmusikbuam.

20.15 Uhr: Florian Silbereisen seilt sich von der Hallen-Decke und hat dabei riesige Wunderkerzen an den Beinen, die Funken sprühen. Weitere Fragen tauchen auf. Wieso macht er das? Hat er gesehen, dass seine Füße brennen? Warum kommt er nicht einfach durch die Tür? Dazu singt er ein Lied: "Samstag Nacht und du hast nur deine Lieder und die Sehnsucht kommt wieder in jeder Samstag Nacht." Silbereisen begrüßt die Zuschauer in Riesa, reißt die Arme hoch und brüllt "Wahnsinn!". Ich habe zum ersten Mal ein ungutes Gefühl im Bauch.

Voxxclub und der zwanzigste letzte Auftritt

Der erste Gast wird mir als Semino Rossi vorgestellt. Zusammen mit seinem Kumpel Umberto singt er "Rot sind die Rosen". Wahrscheinlich meinen die beiden nur die roten Rosen. Es gibt ja auch weiße. Oder gelbe. Ich finde, das hätten sie dazu sagen müssen. Der Vorwurf geht vor allem an Herrn Rossi, denn sein Freund Umberto kann den Text offenbar nicht so gut. Aber geschickt gemacht, die Show. Erstmal etwas lau anfangen und das Publikum auf die Folter spannen, bevor dann die Besten kommen.

Doch erst mal kommt eine Gruppe namens Voxxclub. Die sehen so ein bisschen aus wie die bayerische Version dieser Rodeo-Clowns, die den Stier ablenken sollen, wenn der Reiter vom Bullen gefallen ist. Aber die Jungs haben keinen Bullen dabei, sondern sind so etwas wie der Running Gag des Abends. Herr Silbereisen erklärt nämlich, dass heute das letzte Mal ist, an dem die Band zu sechst auftritt. Das sagt er dann vor jedem ihrer zahlreichen Auftritte an diesem Abend.

20.40 Uhr: Ich frage mich zum ersten Mal, warum ständig Cheerleader eingeblendet werden. Ein Mann namens Guido kommt herein und spielt mit anderen Musikern Geige. Muss eine große Nummer sein, der Geigen-Guido, denn er tritt laut Selbstauskunft bald in China auf. Denn "Musik ist für die Leute da. Egal, ob man schwarze, weiße oder gelbe Haut hat", erklärt Guido. Interessant, dass 2015 immer noch jemand glaubt, dass Chinesen gelbe Haut haben. Niveau: 0, Vorurteile: 1.

Ich schäme mich für Andy Borg

Dann taucht plötzlich ein bekanntes Gesicht von früher auf. Andy Borg singt "Das Boot mit den beiden Fischern von San Juan fährt zu der schönen Insel und kommt nie an." Warum es nicht ankommt, kann ich nicht sagen, aber ich glaube, er hat es erklärt. Zwei junge Damen kommen herein und wollen ihm eine Goldene Schallplatte überreichen. "Das ist deine", sagt Florian Silbereisen. "Welche?", fragt Herr Borg an die Damen gerichtet. Knaller, und ich dachte, Herr Brüderle hätte damals alle Altherrenzoten mitgenommen. "Ihr wisst ja, wo meine Garderobe ist", verabschiedet Andy Borg die beiden Damen. Ich schäme mich für ihn.

Ich frage mich, wann endlich die Besten kommen. Jürgen Drews singt "Ein Bett im Kornfeld". Wirklich. Ich wünschte, ich könnte Oma fragen, ob ich ins Bett gehen darf. Frauen in Cocktailkleidern und High Heels tragen Fackeln und Fahnen auf die Bühne während Silbereisen und Voxxlub aus "Les Misérables" vorsingen. Ein LKW-Fahrer singt "Nessun Dorma" aus Puccinis Turandot. Hansi Hinterseer zeigt Silbereisen, wie man Wasserski fährt. Ich verstehe das alles nicht.

"Schädelweh, Schädelweh"

22.05 Uhr: Bin kurz weggenickt. Sollten während meines Sekundenschlafes die Besten dagewesen sein, wäre das jetzt echt ärgerlich. Feuerherz, La Goassn, Ross Anthony und Beatrice Egli haben ihre Auftritte. Ich wundere mich, warum es so aussieht, als ob sie alle nur die Lippen zur Musik bewegen. Die Besten würden so etwas nicht machen.

22.55 Uhr: "Jetzt ist es soweit", setzt Silbereisen an und ich spitze die Ohren. Aber er meint nicht die Besten, sondern nur den wirklich letzten Auftritt von Voxxclub. Aber da glaube ich dem Herrn Silbereisen schon nichts mehr. "Schädelweh, Schädelweh, der Schädel tut so weh", singen Voxxclub. Wie recht sie haben.

23.18 Uhr: Silbereisen beendet die Show und ich bleibe verstört zurück. Ich habe mir nun drei Stunden Dauergrinsen angesehen, Werbung für die Tourneen und neuen Alben der "Künstler", Häppchenmusik und einen Moderator, der seinem Publikum ständig erklärt, dass alles grandios und klasse ist. Die Besten in was auch immer habe ich aber nicht gesehen. Ich weine mich in den Schlaf. So wie damals.