• Schauspielerin Michaela May feiert ihren 70. Geburtstag.
  • Zu ihrem Ehrentag erschien die Autobiografie "Hinter dem Lächeln", in der sie offen wie nie private Schicksalsschläge mit der Öffentlichkeit teilt.
  • Im Interview mit unserer Redaktion erklärt sie, warum es für sie an der Zeit war, Familiengeheimnisse zu lüften.
Ein Interview

Frau May, Sie gelten als fröhlicher, stets gut gelaunter Mensch. Insofern ist der Prolog Ihrer Autobiografie eine Überraschung. Das Kapitel heißt "Ich möchte leben!" und berichtet von Ihren persönlichen Schicksalsschlägen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Michaela May: Es ging vor allem darum, mich freizumachen. Das war der ursächliche Grund, überhaupt dieses Buch zu schreiben. Zudem ist es mir ein Anliegen, das Interesse der Leute zu wecken, die wie ich ein Rucksack mit sich herumschleppen. Fast jeder Mensch blickt doch auf negative Erlebnisse oder sogar Traumata zurück, die nicht vollständig verarbeitet wurden. Vielleicht kann ich anderen Menschen helfen, indem ich ihnen anhand meiner eigenen Geschichte aufzeige, wie man trotz familiärer Schicksalsschläge ein glückliches und unbeschwertes Leben führen kann.

Der Buchtitel lautet "Hinter dem Lächeln". Hat man Sie in der Vergangenheit zu Unrecht in diese "Gute-Laune-Ecke" gesteckt? Wollten Sie das damit zur Sprache bringen?

Nein, das nicht, aber Sie haben es ja eingangs erwähnt. Ich werde zwar nicht immer, aber schon sehr oft als eine starke und fröhliche Person eingeschätzt und besetzt, was meine Rollen angeht. Das mag zu einem großen Teil auch stimmen, doch es ist nicht so, dass mir in meinem Leben das Glück immer zugeflogen ist. Manchmal muss man sich mit Menschen vielleicht näher beschäftigen, bevor man sie beurteilt. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Mit dem Buchtitel "Hinter dem Lächeln" möchte ich den Blick dafür schärfen, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen.

Sie schreiben über den Tod ihrer Mutter vor drei Jahren und über ihre drei Geschwister, die allesamt in jungen Jahren freiwillig aus dem Leben geschieden sind. Ihre Mutter wollte nicht, dass Sie ständig darauf angesprochen werden. Mit dem Buch riskieren Sie aber genau das. Wieso diese Kehrtwende?

Es hängt mit dem Tod meiner Mutter im Januar 2019 zusammen. Bis dahin gab es keinerlei Überlegungen, mein früheres Leben noch einmal aufrollen zu lassen. Schließlich wusste ich, dass ich damit bei meiner Mutter die Wunden immer wieder aufgerissen hätte. Bei drei Kindern, die sie beerdigen musste, kann man sich vorstellen, wie groß der Schmerz war. Und dieser Schmerz kam ohnehin jedes Jahr zu besonderen Anlässen wie Geburtstagen oder Todestagen aufs Neue hoch. Alles darüber hinaus wollten wir umgehen, die Tür war zu.

So merkwürdig es klingen mag: Hat sich diese Tür mit dem Tod Ihrer Mutter wieder geöffnet?

In dieser Hinsicht war der schmerzliche Tod meiner Mutter auch eine Befreiung, wenn Sie das meinen!?

Darauf wollte ich hinaus, ja. Haben Sie erst heute, also über 40 Jahre nach dem Tod Ihrer Geschwister, damit begonnen, das Erlebte zu verarbeiten?

Zumindest spürte ich neben der Trauer, dass ich auf einmal ein Stück weit frei und wieder bereit war, mich mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dieses Buch zu schreiben, ist ein Teil meiner Verarbeitung. Aber noch einmal: Ich möchte nicht nur mich erleichtern, sondern hoffentlich auch andere Menschen, die ähnliche Gefühle umtreiben.

Sie wagen jedoch nicht nur den Blick zurück, sondern auch in die Gegenwart. Untermauert wird dieser Eindruck mit Hilfe eines Dalai-Lama-Zitates eingangs des Buches …

Das ist mir ganz wichtig. Ich versuche mich darauf zu fokussieren, was mir der Moment bringt. Das Gestern kann ich nicht ändern und das Morgen kenne ich noch nicht. Ich möchte den Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben, die Augen zu öffnen, frei und unbeschwert zu leben, um Dinge zu sehen, die man vor lauter Trauer gar nicht wahrnehmen kann.

May: "Publikum soll lachen, weinen und mit mir auf Reisen gehen"

Ist das eine Parallele zwischen der langjährigen Darstellerin und der frisch gebackenen Autorin Michaela May: Menschen Dinge oder Sichtweisen mit auf den Weg zu geben?

Das glaube ich weniger. Natürlich möchte ich als Schauspielerin das Publikum unterhalten, aber doch eher aus einem eigenen Interesse heraus – weil man selbst Lust aufs Spielen oder Eintauchen in eine Rolle, in ein anderes Leben hat. Es geht nicht in erster Linie darum, eine Message zu verbreiten. Ja, das Publikum soll lachen, weinen und mit mir auf Reisen gehen – der Antrieb aber ist ein anderer als der einer Autorin, die ein autobiografisches Werk verfasst.

Ihre Filmografie ist beachtlich. Da wird es doch bestimmt Rollen gegeben haben, in denen Sie sich persönlich wiederfanden …

Nein, ich verweigere mich dagegen zu sagen, dass ich Rollen hatte, die mir persönlich entsprachen. So etwas gibt es nicht. Natürlich ist jede Rolle ein Stück von mir, weil ich ihr meine Seele und meinen Körper verleihe, um sie glaubwürdig darzustellen. Aber die Geschichte dahinter hat nichts mit mir zu tun. Je weiter die Rolle von mir weg ist, desto mehr Spaß machen mir die Dreharbeiten.

Sie hatten laut Ihres Buches damals, als Ihre Geschwister starben, "das Gefühl, dass die ganze Welt um mich herum stirbt". Fühlt es sich aktuell mit Blick auf den Krieg gegen die Ukraine und Corona ähnlich an?

Jeden Tag, wenn ich die Nachrichten sehe. Und damit bin ich natürlich nicht alleine, dieses Gefühl kennt jeder. Ich denke, mit Blick auf die Zeit, in der wir gerade leben, hat mein Buch noch einmal eine ganz andere Aktualität bekommen. Nämlich, dass man in ein Schicksal hineingezogen wird, mit dem man überhaupt nicht gerechnet hat, wenn man nach dem 2. Weltkrieg geboren wurde. Sowohl politisch als auch hinsichtlich des Gesundheitswesens fühlen wir alle eine gewisse Ohnmacht. Auch hier gilt es, anzupacken und den Moment zu nutzen, um die Krisen gemeinsam zu überwinden.

Michaela May: "Habe gelernt, wie kurz das Leben eigentlich ist"

Inwiefern packen Sie selbst mit an? Es ist kein Geheimnis, dass Sie sich sozial stark engagieren …

Meine beiden Hauptprojekte sind ja dauerhafter Natur. Bei Mukoviszidose handelt es sich um eine genetische Krankheit, die immer bekämpft werden muss. Wir arbeiten weiterhin daran, Medikamente und Behandlungsmethoden zu finden, was wir bereits getan haben, um diese Krankheit zu erleichtern und den jungen Patienten vielleicht sogar eine normale Lebenserwartung zu ermöglichen. Wir haben bereits 30 Jahre dazugewonnen! Zudem widme ich mich mit meinem Schauspielkollegen Elmar Wepper seit 2019 als Schirmherrin von "Retla e. V." der Aufgabe, Senioren aus der Einsamkeit zu holen. Die Pandemie hat viele Senioren noch mehr in die Isolation geführt, weil sie mit der Außenwelt noch weniger verbunden sind als zuvor ohnehin schon. Mit der Ukraine-Krise hat meine gemeinnützige Arbeit eher indirekt etwas zu tun. Aber wir stellen fest, dass durch die aktuelle Situation insbesondere bei älteren Menschen Traumata wieder hervorgerufen werden. Durch Gespräche versuchen wir, diese wieder aufkommenden Ängste etwas aufzufangen.

Viele Menschen nehmen aktuell Flüchtlinge aus der Ukraine auf. Sie auch?

Aus Platzgründen kann ich dem aktuell leider nicht nachkommen, aber ich unterstütze drei Freundinnen, die bereits Flüchtlinge aufgenommen haben. Ich stelle finanzielle Mittel zur Verfügung, kaufe Kleidung und Nahrungsmittel, um einen Teil dazu beitragen zu können, den betroffenen Familien zu helfen.

Trotz des Weltschmerzes und Ihrer persönlichen Lebensgeschichte behalten Sie sich Ihren Optimismus bei. Liegt Ihnen dieser im Blut?

Im Blut liegt er mir nicht. Vielmehr habe ich durch meine Lebensgeschichte gelernt, wie kurz das Leben eigentlich ist. Man hat nur wenig Zeit, etwas zu erleben und zu bewegen. Daher sollte man jeden Moment nutzen. Daraus kann ich die Freuden des Lebens ziehen.

Viele sagen: Mit Michaela Mays Lächeln geht die Sonne auf. Werden Sie mit diesem Lächeln auch in den 18. März, also in Ihren 70. Geburtstag, starten?

Mit der Sonne Italiens ganz bestimmt, denn ich verbringe meinen Geburtstag auf Sizilien. Damit sollte mir das eigene Lächeln noch leichter über die Lippen gehen (lacht).

Rollen "von der Nonne bis zur Hexe"

Die Zahl "70" scheint Ihnen die Laune nicht zu verhageln ...

Solange man nahezu alles machen kann, was man möchte, spürt man das Alter noch nicht. So geht es mir zumindest. Vielleicht geht man gewisse Dinge ein bisschen langsamer an als früher, aber dadurch genießt man den Augenblick eigentlich nur noch mehr. Zum Beispiel fährt man die Berge nicht mehr auf Skiern schnell runter, sondern steigt sie mit den Schneeschuhen langsam hinauf. Kurzum: Ich genieße das, was ich noch kann und ärgere mich nicht darüber, was ich vielleicht nicht mehr so kann.

Nicht zuletzt Ihrem Buch ist zu entnehmen, dass Sie "von der Nonne bis zur Hexe", so heißt ein Kapitel, nahezu alles gespielt haben. Was fehlt Ihnen noch zum vollkommenen Glück?

Ich habe so viele Rollen gespielt, dass ich eigentlich keine Lücke entdecke. Grundsätzlich gilt: Je gehaltvoller die Story, desto lieber ist sie mir. Zum Beispiel hat mein Mann kürzlich ein Buch geschrieben. Vielleicht ergibt sich ja hier eine Gelegenheit …

Werden die Rollenangebote mit dem Alter seltener – speziell für Darstellerinnen? Ihre Kollegin Uschi Glas sprach im vergangenen Jahr über eine Altersdiskriminierung von Frauen ...

Ich kann nur für mich sprechen und bei mir ist aktuell eher das Gegenteil der Fall. Ich habe noch nie so viel gedreht wie im vergangenen Jahr. Kürzlich habe ich einen wunderbaren "Tatort" gedreht und am Mittwoch wurde in der ARD der Fernsehfilm "Bis zum letzten Tropfen" ausgestrahlt, in dem ich eine Polizeichefin spiele. Für die Amazon-Prime-Serie "Damaged Goods" stand ich als Hippie-Oma vor der Kamera. Ich kann mich nicht beklagen und daher diese These auch nicht unterschreiben.

Würden Sie eine Neuauflage von "Monaco Franze" oder der "Münchner Geschichten" begrüßen? Das sind Serien, die Sie einst mitgeprägt haben. Aktuell feiern viele Kult-Formate im TV ihr Comeback …

Es gab tatsächlich mal die Idee, eine Fortsetzung mit "Tscharlie" (gespielt von Günther Maria Halmer; Anm. d. Red.) und Susi (Michaela May) im Altersheim zu drehen oder sich zumindest mit der Frage zu beschäftigen, wie die beiden mit dem Alter umgehen. Ich glaube, eine Neuauflage der "Münchner Geschichten" hätte ihren Reiz. Ich hätte nichts dagegen.

Sollte Ihre Autobiografie "Hinter dem Lächeln" verfilmt werden: Wer sollte in die Rolle der Michaela May schlüpfen?

Die junge Michaela May könnte ich vermutlich nicht mehr spielen (lacht). Es gibt einige junge Kolleginnen, mit denen ich gedreht habe, die ich mir gut vorstellen könnte. Auf Anhieb würden mir sofort drei Namen einfallen. Die behalte ich jedoch besser für mich, schließlich möchte ich niemanden ausschließen oder enttäuschen.

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