Mario Adorf: Der fiese Film-Finsterling mit dem irren Humor wird 90

Er ist der ewige Finsterling mit ganz besonderem Humor: Mario Adorf gehört zu den populärsten Schauspielern in der europäischen Film-, TV- und Bühnenlandschaft. Am 8. September wird er 90 Jahre alt. Wir blicken zurück auf mehr als 60 Jahre Erfahrung samt Schickeria-Satire "Kir Royal" und dem Western schlechthin: "Winnetou". © 1&1 Mail & Media/spot on news

Nach einer Kindheit, die Mario Adorf teils bei seiner Mutter, teils im katholischen Kinderheim verbrachte, zog es ihn auf die Bühne. Durch seine Darstellung des angeblichen Frauenmörders Bruno Lüdke in "Nachts, wenn der Teufel kam" (1957) gelang ihm der Durchbruch. Eine Rolle, von der er sich mittlerweile distanziert. "Ich habe bei einem Propaganda-Werk mitgemacht", sagte Adorf der "Zeit".
"Nachts, wenn der Teufel kam" war der Grundstein für sein Schurken-Image, das er über Jahre nicht mehr loswurde. Hier ist er im Film "Bomber & Paganini" (1976) als Bomber zu sehen.
Und wer kennt Adorf nicht als bösartigen Santer, der in "Winnetou 1. Teil" (1963) dessen Schwester Nscho-tschi (Marie Versini) erschoss?
In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur verriet Adorf, dass ihn Menschen bis zum heutigen Tag auf diese Rolle ansprechen und beichten, ihm diese Filmtat lange nicht verziehen zu haben.
Der Finsterling par excellence kann aber auch komisch. Das bewies er in der Rolle als "Duce" Mussolini in "Die Ermordung Matteottis". Es folgten weitere Western ("Die Goldsucher von Arkansas", Bild), auch in Italien. Die sogenannten Spaghetti-Western waren für den Mimen kein Problem. Der in Zürich geborene Sohn eines Chirurgen und einer Röntgenassistentin spricht Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch.
Ende der 70er Jahre sprang er auf die "Neue Deutsche Welle" auf und ergatterte Rollen in Filmen von Volker Schlöndorff (Foto: Adorf in "Die verlorene Ehre der Katharina Blum").
In Rainer Werner Fassbinders "Lola" von 1981 dringt ein unbestechlicher Baudezernent in die moralischen Abgründe einer bayerischen Kleinstadt vor. Die Mächtigen der Stadt, wie der Bauunternehmer Schuckert (Mario Adorf), haben etwas gegen ihn.
In Günter Grass‘ "Die Blechtrommel" spielte er den Vater Matzerath. Mit der Zeit wandelte sich sein Image. Vom fiesen Finsterling wurde er zum stolzen Patriarchen. Im Fernsehvierteiler "Der große Bellheim" (1993) gab er das Familienoberhaupt, das um die Zukunft seines Unternehmens kämpft. Dafür bekam Adorf die Goldene Kamera verliehen.
Dem Theater hielt Adorf stets die Treue. So eröffnete er 1982 die Bad Hersfelder Festspiele mit William Shakespeares "Othello".
Von Erfolg gekrönt waren auch viele seiner Fernsehfilme – vorzugsweise die von Dieter Wedel. Der besetzte ihn unter anderem in "Der Schattenmann" (hier mit Stefan Kurt und Jennifer Nitsch, m.) als Mafiaboss Jan Herzog.
Ein weiterer Coup war die Satire "Kir Royal". In der sechsteiligen Fernsehserie wird die Münchner Schickeria der 1980er Jahre auf die Schippe genommen.
Adorf mimte darin den Generaldirektor Heinrich Haffenloher, der unter anderem mit dem Klatschreporter Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz, l.) aneinander geriet.
Ebenso meisterhaft war Adorfs Rolle im Streifen "Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief" neben Götz George - übrigens der erfolgreichste Film des Jahres 1997.
In mehr als einem halben Jahrhundert hat Adorf in mehr als 120 Filmen mitgespielt (hier in "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" mit Julia Ormond).
Adorf ist Autor von sechs Büchern mit Erzählungen ("Der Mäusetöter") und Anekdoten und trat als Sänger im Solo-Programm "Al Dente" auf.
Mit "Himmel und Erde. Unordentliche Erinnerungen" brachte das Multitalent 2004 auch eine Autobiographie auf den Markt.
Während der Schauspieler Adorf ein breites Repertoire anzubieten hat, mag es der Privatmann Adorf eher ruhig: Nachdem seine erste Ehe mit Schauspielerin Lis Verhoeven (mit ihr hat er die gemeinsame Tochter Stella) in die Brüche gegangen war, ...
... heiratete er 1985 Monique Faye. Die beiden sind bis heute glücklich.
Im Interview mit der "Bild am Sonntag" schwärmte er von seiner Liebe: "Es gibt viele ältere Männer, die sich eine jüngere Frau suchen. Aber ich liebe es, meine Frau mit mir altern zu sehen. Ich sehe diesen Prozess mit sehr viel Zärtlichkeit und Zuneigung."
Eins steht fest: Mario Adorf, der seinen ersten Auftritt mit vier Jahren in einem "Kostüm mit roter Zipfelmütze [und] einem langen weißen Bart" als siebter Zwerg in "Schneewittchen und die sieben Zwerge" hatte, war ziemlich schnell kein Zwerg mehr. Heute gehört er zu den ganz Großen.