Herzlich Willkommen zur Überraschungswoche für Armin Laschet. Das neuste Hobby der Frohnatur aus Aachen ist seit dem Wahlsonntag nicht mehr Fettnäpfchen-Diving, sondern Augenreiben. Das kam aber auch unerwarteter als ein schlechter Witz bei Chris Tall: Friedrich Merz, der sich gerade noch als designierter Finanzminister ins Zukunftsteam von Armin Laschet hat hochloben lassen, fällt dem gescheiterten Merkel-Nachfolger in den Rücken.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Sogar Laschet-Intimus Jens Spahn fordert plötzlich eine inhaltliche und personelle Neuaufstellung der CDU. Spahn ist übrigens seit 2002 (!) im Bundestag und war zuletzt Gesundheitsminister. Er fordert also wenigstens nicht nur Laschets Kopf, sondern im Prinzip auch seinen eigenen.

Rechnet man noch die Aussagen von Michael Kretschmer, Norbert Röttgen oder Markus Söder hinzu, der sich nach wie vor gerne so geriert, als hätte die Union mit ihm als Spitzenkandidat so um die 76 Prozent geholt, muss man schon sagen: Laschet hat parteiintern ausgespielt. Und beim Volk ohnehin. Nach der Wahl stiegen die Umfragewerte für Olaf Scholz als nächsten Bundeskanzler auf nahezu 80 Prozent, während der selbsternannte Regierungsauftrags-Empfänger Laschet sich kaum über 10 Prozent hielt. Mittlerweile bekommt man beinahe den Eindruck, Laschet würde bei der Kanzlerfrage sogar gegen ein Käsefondue verlieren.

Einer flog über das Koalitionsnest

Tja, wenn die Katastrophe da ist, will es niemand gewesen sein. Nicht mal Wolfgang Schäuble, ohne den Armin Laschet noch immer von der Bundespolitik und der breiten Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt in Düsseldorf sitzen und sein Bundesland zum Klimavorreiter ausbauen würde. Mit so innovativen Entscheidungen wie: Windkraftanlagen nur noch mit einem Mindestabstand von 1.000 Metern zu einem Wohngebäude errichten. In einem so dicht besiedelten Land wie NRW bedeutet das faktisch: keine Windräder. Klimawunder-Fun-Fact am Rande: Gleichzeitig dürfen Mülldeponien (550 Meter), Braunkohlebergwerke (700 Meter) und der Instagram-Account von Joe Laschet (0 Meter) näher an einem Wohnhaus entstehen als ein Windrad. So viele illegale Maskendeals kann man gar nicht einfädeln, dass man das noch lustig findet.

Ist aber auch egal, denn wie wir wissen: Armin Laschet ist nicht in Düsseldorf geblieben und wartet halt jetzt im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin auf dem Raucherbalkon (nicht auf Lunge!), bis er Christian Lindner und den Grünen bei Koalitionsverhandlungen so viele Zugeständnisse machen darf, dass man im Zusammenhang mit den politischen Zielen der Union nur noch von Leichenfledderei sprechen kann. Aber egal, wie viele programmatische Geschenkgutscheine und Ministerien er FDP, Baerbock und Habeck versprechen möchte, einen Erfolg wird er sich für immer auf die Fahne schreiben: Rot-Rot-Grün wurde verhindert! Da vergisst man schon mal, dass dieses Schreckgespenst eigentlich auch der einzige von der Union konkret formulierte Grund war, warum man CDU/CSU wählen sollte. Schwamm drüber. Auch darüber, dass in dieser beispiellosen Einfallslosigkeit und Profilunschärfe selbst da nicht konsequent durchdekliniert wurde. Vermutlich hätte man nämlich mit dem Claim "Wählen Sie nicht Rot/Grün, weil dann gehört Ihre Immobilie demnächst Kevin Kühnert" 30Prozent geholt.

Egal, was für eine Sau Du bist, Peter ist Ramsauer

Wenn die Union sich mit derselben Inbrunst dem Klimawandel widmen würde, wie sie jetzt versucht, die Alleinschuld am Wahlfiasko ihrem Comedy-Kandidaten Laschet in die Schuhe zu schieben, würden diese Flegel von der Schulschwänzer-Sekte "Fridays For Future" bei der nächsten großen Klima-Demo am 22. Oktober in Berlin "Die CDU, die CDU, die CDU ist wieder daaaaa" skandieren anstatt "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut". Bis dahin graben sich auf dem Schlachtfeld der Sondierungs-Saboteure zur unterhaltsamen Auflockerung des ansonsten oftmals recht drögen Politikgeschäfts einige Bundestags-Veteranen selber aus der Bedeutungslosigkeit aus, um uns mit ihren antiquierten Denkmustern zu foltern. Peter Raumsauer etwa, der schon seit über 30 Jahren im Bundestag sitzt und seinen persönlichen Beitrag zur Regierungsbildung bei Markus Lanz so formuliert: "Die Union kann die Grünen in den Koalitionsverhandlungen domestizieren." Paul Ziemiak sind vor Lachen beinahe die Kröten aus der Hand gefallen, die er mit Annalena und Robert gerade über den Sondierungstisch tragen wollte.

Diese herzerfrischende Nummer war aber noch lange nicht der Höhepunkt in Ramsauers StandUp-Programm. Einen Legendenspruch für die Geschichtsbücher hatte er noch in der Hinterhand: "Wir haben viele große Nachwuchstalente in der CSU, zum Beispiel Andi Scheuer!" Ja, da fragt man sich natürlich zurecht, ob der Markus Schenkenberg der Ü65-Fraktion im Bundestag zuletzt Zeitung gelesen hat, als Ludwig Erhard Wirtschaftsminister war. Aussagen wie diese helfen der Union sicher nicht, den letzten Strohhalm "Jamaika" irgendwie doch noch zu realisieren. Statt eines verbalen Roundhouse-Kicks gegen den Klassenfeind "Grün" müsste man dafür nämlich mindestens so viele Brücken bauen, dass man den gesamten Rhein damit vollständig überdachen könnte. Was ich persönlich übrigens nicht mehr für ausgeschlossen halte, seitdem die Dichte an Brückenbauern im Regierungsviertel dieser Tage höher scheint als die von Impfgegnern in Attila Hildmanns Telegram-Gruppe.

Sarg mich ein, when September ends

Stichwort Impfgegner: Es ist Oktober. Ein Wunder, dass Sie dieses Rückblick-Kleinod von der Hobby-Kolumnistin Ihres Vertrauens überhaupt lesen können. Denn ich bin vollständig geimpft und hätte eigentlich spätestens letzten Donnerstag das Zeitliche segnen müssen. Das jedenfalls hatten Top-Virologe Michael Wendler und sein Doktorvater Dr. Coldwell (der Mann, der schneller schwurbelt als sein Schatten) vor einigen Monaten via Telegram, dem neuen Leitmedium der Querdenker-Bewegung, prophezeit: "Spätestens im September sind alle Geimpften tot."

Theorien, die sogar den zukünftigen Pulitzerpreisträgern Boris Reitschuster und Stefan Homburg zu blöd sind. Und für die sind Fakten ja bekanntlich eher ein Serviervorschlag. Wobei, seit Homburg dazu übergegangen ist, seine intellektuelle Überlegenheit vor allem dadurch zum Ausdruck zu bringen, Journalisten auf Demos Prügel anzudrohen, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Vielleicht sind da doch schon zu viele Synapsen einer akuten Fakten-Allergie zum Opfer gefallen. Zum Glück hat es mich aber trotz Nostradamus Wendler und seiner morbiden Impf-Prognose nicht dahingerafft. Da halte ich es wie James Bond: Keine Zeit zu sterben. So konnte ich diese höhepunktreiche Sensationswoche akkurat für Sie chronistisch erfassen. Eine Woche so voller Irrungen und Wirrungen, dass es plötzlich tatsächlich realistischer ist, dass Robert Habeck Kanzler wird, als dass es Armin Laschet schafft. Nachdem wir uns alle durch drei Trielle mit Laschet, Scholz und Baerbock gequält haben, wäre das natürlich eine Art Treppenwitz der Demokratie.

#IchBinEinMensch aber ziemlich egoistisch – und Statistiken verstehe ich auch nicht

Absurder wäre eigentlich nur noch, würden sich Impfverweigerer ein Hashtag ausdenken, das #IchBinEinMensch lautet und die verquere Fehlwahrnehmung befeuert, Egoismus wäre Freiheit und Fahrlässigkeit wäre Selbstbestimmung. Obschon praktisch landesweit die Intensivstationen fast ausschließlich ungeimpfte Patienten mit COVID 19 behandeln, hält sich das Märchen von Impfschäden oder unerforschten Langzeitfolgen weiterhin hartnäckig in den Köpfen der selbsternannten Wahrheitsfinder. Menschen, die den Narrativ der "Fakepandemie" und des "Todessaftes" bedienen und denen ihr eigenes Leben aufgrund einer angeblichen Impfpflicht durch die Hintertür derartig freiheitsberaubt vorkommt, dass sie eine groß angelegte Amnesty-International-Kampagne gegen die Leiden deutscher Impfschwurbler für das Mindeste halten, was sie verdient hätten.

Impfpflicht durch die Hintertür – weil man ungeimpft, ungenesen und ungetestet nicht mehr ins Kino darf, aber zu faktenresistent ist, um sich impfen zu lassen und gleichzeitig zu geizig oder zu uneinsichtig, um den notwendigen Test selbst zu zahlen. Kann man sich nicht ausdenken. Nach der Logik könnte man auch sagen: Die meisten Menschen, die mehr als zwölf Minuten die Luft anhalten, sterben. Das ist eine Atmungspflicht durch die Hintertür!

Nun ist das Diskutieren mit der Armada von Absolventen der YouTube-Uni für wissenschaftliche Fehlinterpretationen vor allem deswegen anstrengend, weil die orthographischen Fähigkeiten meistens starke Spontan-Migräne erzeugen. Auf der anderen Seite sind sie aber auch interessant. Denn wenn es jeden Fall von angeblichen Impftoten wirklich geben würde, der mir allein auf Twitter Tag für Tag empört unter die Nase gerieben wird, hätten wir die deutsche Bevölkerung bereits halbiert. Der wissenschaftliche Fachbegriff für die neue Volkssportart "Todesfälle erfinden" lautet übrigens Dr. Coldwellisierung des Abendlandes.

Sie sehen: Die Woche war ein themenpluralistischer Reigen erstklassiger Hochglanz-Entertainment-Episoden. Besser hätte sie nur noch sein können, wenn ein ehemaliger BRAVO-Chefredakteur, nennen wir ihn mal liebevoll "Pi-Dschäy", einen Text über Wahlkampf, Social Media, Politik und Dynamiken im Netz geschrieben hätte, bei dem der Name der entscheidenden Protagonistin nicht altherrenjournalistisch einfach weggelassen worden wäre. Aber wie sagte schon der große Philosoph Jürgen "Kobra" Wegmann: "Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu." Mit dieser Weisheit entlasse ich Sie jetzt in die Woche! Bis nächsten Montag!

Mehr Kinder mit Atemwegsinfekten - Kliniken jetzt schon stark belastet

Viele Kinder leiden derzeit unter Atemwegsinfektionen. Einige hätten sogar mit schweren Verläufen zu kämpfen, wie die dpa berichtet. Laut RKI wurden vermehrt Ein- bis Vierjährige ins Krankenhaus eingeliefert.