Politische Hintergründe für Deutschlands ESC-Schlappe beim Eurovision Song Contest in Malmö? Während die ARD spekuliert, sind die Reaktionen im Netz eindeutig. Mittlerweile greifen auch griechische Medien das Thema auf.

Mit Spott und Häme berichten die griechischen Tageszeitungen in ihren Online-Ausgaben. Die linksgerichtete "Ethnos" titelt: "Die Deutschen sind beim ESC gefloppt und 'zeigen' nun auf Merkel". Und im Bericht heißt es dann: "Deutschland jammert über niedrige Position beim Eurovision Song Contest."

Das größte Sonntagsblatt "Proto Thema" greift die jüngsten Spekulationen der ARD ebenfalls auf. In der Internet-Ausgabe heißt es: "Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre harte Politik zur Überwindung der Eurokrise sind schuld am schlechten Abschneiden beim ESC, glauben die Deutschen."

In den Kommentaren schreibt ein Leser aus Griechenland: "Ich würde mich freuen, wenn wir immer Letzte beim ESC werden und dafür an der Spitze der Produktivität und Ökonomie mitspielen würden." Während Deutschland nach "Allianzen und Triumphen bei einem billigen Festival" suche, seien andere seiner Landsleute verzweifelt: "Wir suchen nach Jobs, haben kein Geld, nichts."

Sängerin Nathalie Horler und ihre Band Cascada sind am Samstagabend beim ESC in Malmö gefloppt. Von den 39 Ländern, die beim Grand Prix 2013 teilnahmen, stimmten nur fünf für Deutschland ab. Sechs Punkte gab es aus Österreich, fünf aus Israel, Spanien und Albanien steuerten je drei Punkte bei, und einen mageren Zähler gab es aus der benachbarten Schweiz. Insgesamt also nur schlappe 18 Punkte für Natalie Horler und ihre Band - eine Cascadastrophe!

Angela Merkel schuld am deutschen ESC-Debakel?

Krisengeschüttelte Euroländer wie Griechenland, Zypern oder Irland boykottierten Horlers Auftritt bei der Punktevergabe. Die ARD vermutetet dafür politische Hintergründe.

Thomas Schreiber, Unterhaltungskoordinator des Senders, sprach in der Nacht zum Sonntag von "einer schwierigen Situation", in der man sich im Moment befinde. "Es gibt sicher auch eine politische Lage. Ich will nicht sagen '18 Punkte für Angela Merkel'. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cascada, sondern da stand auch Deutschland auf der Bühne."

Auffallend sind jedoch die Kommentare und Beiträge auf sämtlichen sozialen Plattformen. Auf Twitter schrieb nach Natalie Horlers Auftritt in Malmö ein User aus Griechenland: "Ausgerechnet jetzt, wo Deutschland den Höhepunkt seiner Stärke in Europa unter Beweis stellt, schicken die 'We are Glorious'. Was soll man da nur denken?" (The_Stranger_gr).

Die Stimmung ist seit Ausbruch der Eurokrise angespannt. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird zum Buhmann. Sarkastisch deshalb auch der Kommentar von User g_tzakis: "Ich möchte nur darauf hinweisen, dass wir als deutsches Protektorat selbstverständlich nicht für Deutschland stimmen können." Mit Anspielungen auf Horlers goldenes Kleidchen und den Zweiten Weltkrieg präsentiert sich User AggelSpy auf Twitter: "Das Gold, dass uns die Nazis klauten, haben sie nun für ihr Kleid verwendet."

Ironisch verknüpfen einige Nutzer auch das strikte Spardiktat mit dem Eurovision Song Contest: "Eine exklusive Eilmeldung, die schockiert: Unter den Verpflichtungen des Memorandums ist auch, dass Griechenland immer zwölf Punkte an Deutschland vergibt" (Freddybruna). The Samlles schreibt: "Merkel zieht den Rettungsschirm zurück, nachdem null Punkte aus Griechenland kamen." Und Nutzer amigaman_ rief zum Boykott des Beitrags auf, weil jeder Grieche, der für Deutschland stimme, ein "Staatsfeind" sei.

"Liebe Merkel..."

Die Griechen traten in Malmö mit einem fetzigen Ska-Song auf. Mit "Alcohol is free" belegte die Band Koza Mostra zusammen mit Folksänger Agathonas Iakovidis den sechsten Platz. Aus Deutschland gab es für die Ouzo-Hymne sechs Punkte. Ein Nutzer aus Zypern schrieb: "Alcohol is free? Also Steuerfrei? Sollte das Merkel hören, wird Stournaras [Anm. der Red.: der griechische Finanzminister] neue Steuern verkünden."

User Iodrunzo spöttelte über die schlechte Platzierung Cascadas beim Eurovision Song Contest: "Liebe Merkel: Griechenland Platz sechs, Italien Platz sieben und Deutschland auf der 21. :D"

ESC ist "Musik, Spaß und nichts Ernstes"

Auch aus dem benachbarten Frankreich wurden politische Zusammenhänge hergestellt. "Es wäre wirklich schlecht für Angela Merkel, würde Griechenland gewinnen. Die müssen doch sparen", postete Ismahaan_ auf Twitter. "Null Punkte für Frankreich: Merkels Anweisungen für #eurovisionfr." Die Ballade "L'Enfer Et Moi" von Amandine Bourgeois schaffte es nur auf Platz 23.

Politik hin oder her: Am Ende des Abends traf es Eurovision-Kommentator Peter Urban doch wirklich auf den Punkt: "Es ist Musik, es ist Spaß, es ist nichts Ernstes." (kom)