Vor 15 Jahren waren es Sido oder Bushido, die mit ihren Texten für Schnappatmung bei Eltern von Teenagern sorgten. Nun ist es eine neue Generation sogenannter Gangster-Rapper, die unsere Kinder verderben. Oder? Sind die Texte von Kollegah und Kollegen wirklich so schlimm?

Alle News zum Eklat um die Echo-Vergabe

Sie verkaufen ein Nummer-eins-Album nach dem anderen: Gangster-Rapper sind die Stars auf den Schulhöfen. Dabei sind deren Texte nicht selten frauen- oder schwulenfeindlich, gewalt- und drogenverherrlichend, voller Hass gegen die Polizei - und manchmal auch antisemitisch.

Der deutsche Musikpreis Echo ist durch die Auszeichnung des Albums "Jung, Brutal, Gutaussehend 3" (JBG3) der Rapper Farid Bang und Kollegah in eine schwere Krise geraten. Auf dem Album sind die Textzeilen zu hören: "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" und "Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow".

Reihenweise wenden sich Künstler vom renommierten Musikpreis ab oder geben ihre Auszeichnungen zurück; ein Sponsor hat die Zusammenarbeit bereits aufgekündigt.

Ist das die Freiheit der Kunst oder blanker Antisemitismus?

"Grenzüberschreitung ist eines der zentralen Stilmittel des Gangster- und Battle-Raps", sagt Hiphop-Expertin Sina Nitzsche von der TU Dortmund.

"Der ist auch homophob, frauenfeindlich und in anderer Weise abwertend. Das gehört allerdings zum Genre wie der Cowboy zum Western. Zugleich ist der Battle-Rap ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft."

Unproblematisch sei dies deswegen nicht: "Kollegah und Farid Bang bedienen einen Zeitgeist, um kommerziell erfolgreich zu sein. Das kann sehr gefährlich sein, weil sie eine Vorbildfunktion haben. So kann Antisemitismus salonfähig werden."

Erniedrigung und Beleidigung sind das Grundprinzip des Battle-Raps, sagt auch HipHop-Experte und Journalist Dennis Sand.

Ihn stört, dass sich die Diskussion nun auf Farid Bangs und Kollegahs Auschwitz-Zeile konzentriert. Die sei weniger antisemitisch, sondern eher eine geschmacklose Verhöhnung der Holocaust-Opfer.

Kollegah verbreitet Verschwörungstheorien

Problematischer sei es, wenn Kollegah als reale Person dazu aufrufe, über die Verschwörungstheorie "Pizzagate" zu berichten, in der behauptet wird, US-Politikerin Hillary Clinton sei in einen Kinderporno-Ring verwickelt. "Wenn Kollegah etwas sagt, glauben die Kids das. Und da missbraucht er massiv seine Macht."

Es ist nicht das erste Mal, dass Gangster-Rapper aus Deutschland einschlägig auffallen:

  • Der Musiker Haftbefehl hatte die Zeile "ticke Kokain an die Juden von der Börse" in seinem Stück "Psst". Später rechtfertigte er sich damit, es handele sich um authentisches Erleben und sei so geschehen. Aber ist es glaubhaft, dass Kokain-Konsumenten einem Dealer anvertrauen, welcher Religion sie angehören?
  • Schon als 16-Jähriger reimte Haftbefehl: "Du nennst mich Terrorist ich nenne dich Hurensohn/Gebe George Bush ein Kopfschuss und verfluche das Judentum." Später distanzierte er sich davon. Doch 2015 weist er auf die Verschwörungstheorie von der vermeintlichen Macht der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild hin.
  • Rapper Favorite textete mit Kollegah: "Ich leih' dir Geld, doch nie ohne 'nen jüdischen Zinssatz." Und: "Yeah, Freispruch, wie üblich, ich kann hier halt machen, was ich will dank meines jüdischen Anwalts."

Kollegah sieht nun eine Hetz-Kampagne gegen sich im Gange. Experten kritisieren in der WDR-Dokumentation "Die dunkle Seite des deutschen Rap" auch dessen 13-minütiges Video "Apokalypse" als Erzählung mit antisemitischen Elementen.

Kollegah vermutet Hetz-Kampagne gegen sich

Da wird Krieg um Jerusalem geführt. Der Vertreter des Teufels sitzt in einem Londoner Finanzturm und hat scheinbar einen Davidstern am Fingerring. Doch Kollegah sagt, es sei ein satanistisches Symbol, ein Pentagramm.

Beim Berliner Rapper Deso Dogg ist die Sache eindeutiger: Er schloss sich der Terrorgruppe Islamischer Staat an.

Jan Böhmermann hat sich mit seinem Rap-Song "Ich hab Polizei" über die Gangster-Rap-Szene lustig gemacht. Doch nun scheint ihm das Lachen vergangen zu sein: "Gags über vergaste Auschwitzinsassen zu machen, ist einfach scheiße", sagt er. "Wen willst du damit begeistern außer Typen, die Bock haben auf brennende Asylantenheime?"

Plattenfirma verteidigt die Rapper

Das Musiklabel BMG hatte sich in einer Stellungnahme hinter die Künstler gestellt. "Wir nehmen Künstler und künstlerische Freiheit ernst, und wir sagen unseren Künstlern nicht, was ihre Texte enthalten sollten und was nicht", hatte die Tochter des Medienunternehmens Bertelsmann am Mittwoch auf Anfrage in Berlin mitgeteilt.

Und weiter: "Zweifellos haben einige Songtexte auf JBG3 viele Menschen zutiefst verletzt. Andererseits waren viele Menschen ganz klar nicht so sehr verletzt, insofern, dass es zu einem der meistverkauften Alben des vergangenen Jahres in Deutschland wurde." (dh/dpa)