Dieser Film hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Beyoncés "Black is King" ist Musikalbum, Film-Neuinterpretation und Gesamtkunstwerk in einem. Vor allem aber soll "Black is King" Menschen schwarzer Hautfarbe Selbstbewusstsein geben.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

Es beginnt mit einem Weidenkörbchen, das in einem Fluss treibt, bis irgendwann der Off-Sprecher die bekannten Worte aus dem "König der Löwen" zitiert: "Alles, was du siehst, lebt in einem empfindlichen Gleichgewicht zusammen."

Das Weidenkörbchen treibt weiter, die Kamera fängt Menschen schwarzer Hautfarbe ein, ehe die Kamerafahrt an einem Strand endet. Dort steht sie, die Königin. Beyoncé. Barfüßig. In einem weißen Kleid. Auf dem Arm trägt sie ein Kind und verkündet die Botschaft: "You are welcome to come home to yourself. Let black be synonymous with glory."

Dann, ganz sanft, gleitet die Szene, die Botschaft, über in Beyoncés Song "Bigger" und es beginnt etwas, das nur schwer in bisherigen Kategorien zu fassen ist.

Rein formal ist "Black is King" eine Art visuelle Umsetzung von Beyoncés Album "The Lion King: The Gift", das im Nachgang der Neuverfilmung von Disney's "Der König der Löwen" zusätzlich zum Soundtrack entstand. Seit Ende Juli ist "Black is King" exklusiv beim Streamingdienst Disney+ zu sehen.

In diesem Kontext sind dann auch erst einmal die Zeilen zu verstehen, mit denen Disney den Film bewirbt: "Dieses visuelle Album von Beyoncé stellt die Lektionen von 'König der Löwen' für die jungen Könige und Königinnen von heute auf der Suche nach ihrer eigenen Krone neu dar. Das Leben schwarzer Familien im Lauf der Zeit wird in einer Erzählung über die transzendente Reise eines jungen Königs durch Verrat, Liebe und Selbstidentität gewürdigt."

"Black is King": Ein Film mit vielen Ebenen

Ein visuelles Album also. Man könnte auch sagen: das längste Musikvideo der Welt. Mit allem, was dazu gehört und das ist, wie bei Beyoncé nicht anders zu erwarten, großartig. Großartig, weil es vor allem mit einer visuellen Wucht daher kommt, voll ästhetischer und ästhetisierender Bilder.

Hervorragend gefilmt, wunderschön und berauschend. Es gibt keine einzige Szene in diesen 90 Minuten, die keine künstlerische, mindestens aber eine ästhetische Absicht verfolgt.

Beyoncé, die am Strand auf einem Stück Sternenhimmel tanzt, Beyoncé im silbernen Glitzerkleid, um die sich ein Python schlängelt, Beyoncé in einem Boot voller Blumen auf einem See und so weiter.

Es ist ein popkulturelles Bilderfest und wohl das Beste, was es seit langem im Bereich Musikvideokunst gab. Von daher verwundert die Zusammenarbeit mit Disney wenig, denn wenn Disney etwas kann, dann ist das, schöne Bilder zu produzieren.

Auf der zweiten Ebene ist die Zusammenarbeit mit Disney noch logischer, denn "Black is King" ist die Erzählung des "Königs der Löwen" mit neuen Mitteln. Die Reise Simbas vom kleinen Jungen zum erwachsenen König, mit all ihren schönen und gefährlichen Momenten, begleitet von Ratschlägen wie "Everybody is somebody – even a nobody" oder "History is your future". Auch das funktioniert, quasi als eine Art Erwachsenen-Version vom "König der Löwen".

Wichtiger bei "Black is King" ist aber die dritte Ebene. "Black is King" ist mehr als nur ein überlanger Musikclip oder ein weiteres Musical. Zumindest soll es der Film sein: "'Black is King' ist ein wichtiges Bekenntnis in üppiger visueller Darstellung, das die Widerstandsfähigkeit und Kultur der Schwarzen feiert. Der Film unterstreicht die Schönheit der Tradition und Güte der Schwarzen", heißt es ebenfalls bei Disney über "Black is King" und Beyoncé, die nicht nur die Musik geschrieben, sondern auch Regie geführt und mitproduziert hat, feiert diese Schönheit auf vielfältigste Weise.

"Black is King" gibt Selbstbewusstsein

Da sind zum einen die Hauptdarsteller. Beyoncé überstrahlt, natürlich, alle, aber neben ihr ist genügend Raum für schwarze Künstlerinnen und Künstler: Kelly Rowland, Jay-Z oder Pharrell Williams, aber auch und gerade afrikanische Künstlerinnen und Künstler wie Nandi Madida, Tiwa Savage, Busiswa oder Lupita Nyong'o.

Zum anderen versucht Beyoncé, diesem "schwarzen Selbstbewusstsein" durch jede Menge Symbolik Raum zu geben: eine US-Flagge in den Farben Kenias, afrikanische Mode (oder afrikanisch anmutende Mode), kombiniert mit urbaner Ästhetik, afrikanische Choreografien und so weiter. Ob diese Musikvideoästhetik und die damit verbundene Verkürzung ihrem Ziel gerecht wird, ist schwer zu beurteilen.

Es besteht bei so viel bildgewaltiger Optik immer die Gefahr, dass hier manches an der Oberfläche bleibt und so verwundert es nicht, dass zum Beispiel die Modezeitschrift "Vogue" in einem Beitrag den Film feiert, um ihn dann mit einer Fotostrecke unter dem Titel "Das sind die 13 besten Beauty- und Mode-Looks" zu banalisieren.

Deutlich bewegender und intensiver sind da auf jeden Fall Beyoncés Worte, ob als Liedtexte oder als direkte Botschaft. Zum Beispiel, wenn sie in ihrem Lied "Brown skin girl" singt: "Brown skin girl, your skin just like pearls, the best thing in the world."

Oder wenn sie in einer Zwischensequenz philosophiert: "We have always been wonderful. I see us reflected in the worlds most heavenly things. Black is King. We were beauty before they knew what beauty was."

Dann macht das was mit einem, egal, welche Hautfarbe man hat.

Und auch, wenn "Black is King" manchmal verkürzt, manchmal weglässt, manchmal verkitscht und manchmal verquirlt und auf welcher Ebene auch immer er den Zuschauer anspricht, kann man sagen, dass der Film im wahrsten Sinne des Wortes Selbst-Bewusstsein geben kann.

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