Vor vier Jahren kam Sara Manzer wegen Totschlags an ihrem Vater ins Gefängnis. Jetzt wird das einstige Partygirl als scheue Frau, die nach vorne blicken will, entlassen. Da geschieht ein Mord. "Saras Geständnis" ist ein optimistisches Drama mit einer herausragenden Hauptdarstellerin.

Iris Alanyali.
Eine Kritik
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Ein ganz stiller, ruhiger "Tatort" ist das. Die Stimmung ist gedämpft, wie der Schwarzwald unter seiner Schneedecke. Mit vorsichtigen, aber steten Schritten verlässt Sara Manzer das Gefängnis, in dem sie vier Jahre wegen Totschlags an ihrem Vater saß.

Vorsichtig, aber stetig tastet sich die stille Frau wieder an das Leben draußen heran. Das verspricht friedlich zu werden, friedlich wie die winterliche Landschaft. Aber nicht unbedingt makellos – auch das spiegelt sich im Regenwetter, das bereits begonnen hat, den Schnee in schmutzige Pfützen zu verwandeln.

Bei ihrer Freundin Marlene (Sophie Lutz) darf Sara erst einmal wohnen, und Marlene hat auch gleich eine kleine Willkommensparty arrangiert. Nur ein paar Freunde - und Exmann Derek (Michael Klammer) mit der gemeinsamen Tochter und seiner neuen Partnerin. Man begrüßt sich etwas befangen, aber freundlich. Das Verhältnis zur Tochter scheint ungetrübt, auch Saras im Gefängnis geschlossene Freundschaft mit der schon früher entlassenen, fröhlichen Ines (Annette Strasser) ist ihr eine wertvolle Stütze.

"Tatort: Saras Geständnis": Von der Partyqueen zur Gefängnisinsassin

"Ich möchte eigentlich gar nicht viel sagen", sagt Sara scheu, als die Gruppe beim Sekt eine Rede erwartet, "sondern einfach nur mit euch nach vorne schauen." Geredet hat Sara Manzer früher. Furchtbar viel geredet und gefeiert, viele Affären gehabt, viel getrunken, ein ungebändigtes Partygirl war sie, die Tochter eines wohlhabenden Verlegers im Ort. Dem dieses Benehmen natürlich gar nicht gefiel. Es kam ständig zum Streit. Dass die wilde Sara sturzbesoffen eines Tages zugeschlagen haben soll, wundert niemanden. Nicht einmal sie selbst.

Natürlich kann man so eine Geschichte nicht einfach hinter sich lassen, das erlaubt einem die Gesellschaft nicht. In der Suppenküche, in der sie jetzt als Spülkraft arbeitet, will ihr der widerliche junge Chef an die Wäsche. Er habe so einiges über sie gelesen im Internet, sie solle sich nicht so haben, sie wolle das doch auch.

Ein toter Ex-Polizist

Und die Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) stehen vor der Tür, weil es wieder einen Mord in Sara Manzers Umfeld gab – ein Ex-Polizist ist tot. Frührentner und Verschwörungstheoretiker, auch er hat Sara nicht in Ruhe gelassen: Er habe neue Beweise über den Mord am alten Manzer, man müsse sich treffen. Jetzt liegt er erstochen am Weinberg. Natürlich fällt der Verdacht auf Sara.

Friedemann Berg hat neue Wanderschuhe, die sind eigentlich perfekt für die Arbeit im winterlichen Breisgau, aber dann tritt er auf dem Parkplatz des Kommissariats in einen Hundehaufen – und bekommt den Geruch einfach nicht mehr ab.

Stimmige Inszenierung beim Schwarzwald-"Tatort"

Dieser Running Gag ist die einzige Holzhammersymbolik, die sich "Saras Geständnis" erlaubt, und selbst sie wird nicht überstrapaziert. Kai Wessels Regie verfilmt Astrid Ströhers psychologisch stimmiges Drehbuch als atmosphärisch dichte Geschichte, die sich ganz auf die ausgezeichneten Darsteller verlässt. Das gesamte Ensemble, von Andreas Schäfauers Kamera genau, aber nie aufdringlich beobachtet, verleiht diesem "Tatort" eine unaufgeregte Authentizität. Auch die Filmkulisse mit ihren Räumen und Landschaften in fröstelndem Graublau und nur wenig wärmenden Farbtupfern passt perfekt.

Aber es ist vor allem Johanna Wokalek in der Titelrolle, die "Saras Geständnis" zum eindringlichen Psychogramm einer Frau macht, die ihre Vergangenheit gar nicht unbedingt bereuen muss, um mit ihr abschließen zu wollen. Ihre Sara ist scheu und selbstbewusst zugleich, zerbrechlich und stark. Sie wirkt vielleicht verloren, aber im Grunde weiß sie besser als die meisten anderen, was sie will - und was sie erwartet.

Sara erinnert an Klassiker-Heldin

Sara erinnert, nicht nur äußerlich, ein wenig an die Titelheldin aus der Verfilmung von Heinrich Bölls Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Das Werk von 1974 erzählt die Geschichte einer lebenslustigen jungen Frau, die (zu Unrecht) beschuldigt und von der Boulevardpresse verunglimpft wird. Katharina kommt am Ende ins Gefängnis.

"Saras Geständnis" beginnt also gewissermaßen dort, wo Katharinas Geschichte endet. Aber während Bölls Klassiker unerbittliche Kritik an der Gesellschaft und ihrer Meinungsmacher übte, traut sich dieser "Tatort" an Optimismus und Hoffnung.

Zwar hat die junge Sara eine sensationsgierige Presse ertragen müssen. Zwar gibt es einen selbstgefälligen Kommissar (Werner Wölbern), der damals im Fall Manzer mit zweifelhaften Methoden ermittelt hat. Die Polizei in Gestalt von Tobler und Berg aber ist, wenn auch nicht Sara Manzers Freund, durchaus ihr Helfer. Da ist es dann nicht mehr ganz so kalt im Schwarzwald. Und Friedemann Bergs Schuhe bekommen neue Sohlen.

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