Die sonst so vernünftige Kommissarin Julia Grosz ermittelt undercover und wird von den leidenschaftlichen Frauen in der autonomen Szene Hamburgs mitgerissen. "Schattenleben" ist politisches Statement und hochmodernes Romeo-und-Julia-Drama zugleich.

Iris Alanyali.
Eine Kritik
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Vordergründig ist der Hamburger "Tatort: Schattenleben" ganz aktuell und fest im Hier und Heute verankert. Er behandelt Polizeigewalt und die Gewaltbereitschaft der linken Szene. Es geht um den Brandanschlag auf das Auto eines Hamburger Polizisten, um die verdächtigen Bewohnerinnen eines linksalternativen Hamburger Frauenzentrums und um das Verschwinden einer verdeckten Ermittlerin, die sich mit den Frauen angefreundet hatte.

Die Geschichte ist inspiriert von einem wahren Fall rund um zwei verdeckte Ermittlerinnen, die in das linksautonome Zentrum Rote Flora im Schanzenviertel eingeschleust worden waren und die 2015 aufflogen. Auch der von Gewalt und Protesten begleitete G20-Gipfel von 2017 in der Hansestadt wird in diesem "Tatort" regelmäßig erwähnt.

Aber gleichzeitig ist "Schattenleben" eine moderne Romeo-und-Julia-Variante. Eine aktuelle Tragödie um Liebende aus verfeindeten Familien. Familien, in denen es Zuneigung, Solidarität und Verständnis ebenso gibt wie schwarze Schafe und zweifelhafte Loyalität. Das erst macht die Geschichte von Drehbuchautorin Lena Fakler zu einem interessanten Krimi.

Kampf der Familien

Die eine "Familie" ist die Polizei. Nach einem außer Kontrolle geratenen Anschlag auf das Auto des Polizisten Bastian Huber (Robert Höller), der gerade erst Vater geworden ist, muss seine Frau schwer verletzt ins Krankenhaus. Er ist nicht das erste Ziel: Offenbar hat es jemand seit Monaten auf Beamte abgesehen, gegen die interne Ermittlungen liefen, die folgenlos blieben.

Die andere "Familie" sind die Frauen des linksautonomen Zentrums "Attacke". Dazu gehört die sanfte Maike (Jana Julia Roth), die Selbstverteidigung unterrichtet und es ablehnt, Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Aber auch die leidenschaftliche Nana (Gina Haller), die findet, ein System, das sich als rassistisch, gewalttätig und frauenfeindlich erwiesen habe, müsse mit drastischen Mitteln bekämpft werden.

Und dazwischen steht Kommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz). Denn Ela Erol (Elisabeth Hofmann) ist nicht nur eine verdeckte Ermittlerin, die mit Nana im "Attacke" eine Beziehung führte und nach einem angsterfüllten Anruf bei Julia spurlos verschwunden ist. Sie ist auch Julias große Liebe von der Polizeischule. Als Ela die Beziehung öffentlich machen wollte, hat Julia damals allerdings gekniffen – sie ist "also die Hete, die Elas Herz gebrochen hat", wird Nana sarkastisch feststellen. Zu dem Zeitpunkt hat Julia es sich nämlich im "Attacke" gemütlich gemacht: als angeblich frauenbewegte Aktivistin aus Süddeutschland und Elas besorgte Ex.

Die Geschichte der schwarzen Schafe

Und jetzt geht es Julia Grosz so, wie es offenbar auch Ela gegangen zu sein scheint. Die sonst so vernünftige Kommissarin, die ihren Beruf voller Überzeugung und Gesetzestreue ausübt, ist nicht nur fasziniert von der Leidenschaft und Lebenslust, die ihr von den Frauen des Zentrums entgegenschlägt. Die Erinnerung an Ela macht sie auch empfänglich für das sinnliche Interesse, das ihr entgegengebracht wird.

Während Grosz sich also ganz untypisch undistanziert in den Fall fallen lässt, ermittelt Kollege Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) - ebenso untypisch - viel vom Computer aus. Dabei entpuppt sich Bastian Huber als eines der schwarzen Schafe der Polizei, die die "linken Zecken" gerne mal härter anpacken. Die dem besonderen Stress bei Einsätzen wie einem G20-Gipfel nicht anders zu begegnen wissen.

Aber hat er es deswegen verdient, mit einem Baby im Arm und einer Frau im Koma alleine dazustehen? Natürlich stehen die Kollegen ihm bei. Kritiker dagegen, die wenig Verständnis für solche Regelverstöße haben, werden hinausgeworfen. Thorsten Falke (Möhring) zum Beispiel. Der Kommissar und ehemalige Türsteher, der so mühelos in beiden Welten wandelt, muss in "Schattenleben" seiner soliden Kollegin Julia Grosz helfen, die zwischen diesen Welten steht und der bei dem Spagat die Füße wegzurutschen drohen.

Tragödie aus Polizeigewalt und Romantik

Regisseurin Mia Spengler zeichnete bereits im Hamburger "Tatort: Die goldene Zeit" ein kitschfreies Kiez-Porträt, damals war es das Rotlichtviertel auf St. Pauli und damals stand Falke im Mittelpunkt. In "Schattenleben" wirft Mia Spengler mit Kamerafrau Zamarin Wahdat einen ähnlich überzeugenden, doku-poetischen Blick auf das Milieu.

Allerdings erzählt dieser "Tatort" seine Geschichte mittels verliebter Herzen; und auch wenn es gelingt, den dokumentarischen Bliwck mit Mut zur Romantik zu verbinden - eine Portion Sozialromantik ist auch dabei und man muss sich darauf einlassen, dass der Krimi nicht nur über das Politische, sondern vor allem über das Private erzählt wird. Und dass bei allem Bemühen um Ausgewogenheit die linksalternativen Frauen im Zentrum stehen, während der Polizeiapparat eher blass bleibt.

Franziska Weisz meistert ihre Hauptrolle noch besser als die von ihr gespielte Kommissarin den Spagat zwischen strenger Polizei und freiheitsliebendem Frauenhaus. Zwar öffnet Julia Grosz ihren Pferdeschwanz und trägt die Haare offen – aber dass da eine hadert, dass Nostalgie nicht blind macht für die Gegenwart, dass man mit der Frisur eben doch nicht gleich die ganze Persönlichkeit ändert, daran besteht kein Zweifel.

Und auch wenn es Tote gibt – ganz so tragisch wie "Romeo und Julia" ist "Schattenleben" dann doch nicht.

Mehr Infos zum "Tatort" finden Sie hier

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