Eine Psychologin ist verschwunden und ihr Ehemann hat Blut an den Händen. Doch der Polizeichef pfeift auf die weibliche Intuition seiner Kommissarin. Der Dresdner "Tatort: Das kalte Haus" will von einer toxischen Ehe erzählen, überzeugt aber nur in einer Hinsicht.

Iris Alanyali.
Eine Kritik
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Was sind das eigentlich für Leute, die sich Selbstporträts in ihrer Wohnung aufhängen? Keine Hochzeitsfotos oder Schnappschüsse vom Urlaub, sondern riesige, inszenierte Bilder. Als solle hier wie früher bei Adligenporträts zur Bewunderung eingeladen werden. Solche Bilder hängen im kalten Haus der Fischers, das dem neuen "Tatort" aus Dresden (Montag, 6. Juni, 20:15 Uhr, Das Erste) seinen Namen gibt. Ganz klar: Ein seltsames Paar.

Die Villa ist vielleicht ein spießiges, aber eigentlich gar kein kaltes Haus. Trotz "smarter" Annehmlichkeiten wie sprachgesteuerter Musik ist viel Holz zu sehen, Fachwerk und Parkett. Aber dann starren einen diese Bilder an, von Kathrin Fischer (Amelie Kiefer) vor allem und auch von ihrem Mann Simon (Christian Bayer). Die sind kalt. Und dann ist da in dieser dunklen Nacht ein Ehebett voller Blut.

"Tatort: Das kalte Haus" behandelt Gewalt in der Ehe

Spätestens bei diesem Anblick wird den beiden Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) dann doch unheimlich. Simon Fischer vermisst seine Frau, und weil er ein furchtbar wichtiger Geschäftsmann ist, wahnsinnig gut befreundet mit Staatsanwalt und Bürgermeister und wahrscheinlich auch den letzten Nachfahren des sächsischen Königshauses, rückt bald die halbe Dresdner Polizei an. Während Simon Fischer selbst blutverschmiert durch die Straßen rennt und seine Kathrin sucht.

Es ist nie nur Kathrin. Immer "meine Kathrin". Die Sache ist nämlich die: Simon Fischer vermisst seine Frau schon dann, wenn sie nur mal eben in den Schuppen geht, wo die Psychologin ihre erfolgreichen YouTube-Ratgebervideos aufnimmt: "Schritte zum Glück". Und wenn seine Kathrin keine ganz so verzweifelt glückliche Ehe führen will wie er, dann rutscht dem Choleriker vor lauter überbordender Liebe schon mal die Hand aus.

Das jedenfalls vermutet Karin Gorniak, weil sie, wie wir in "Das kalte Haus" erfahren werden, ganz persönliche Erfahrungen mit Gewalt in der Ehe hat. Aber Simon Fischer ist viel zu gut vernetzt, um so schnell als Hauptverdächtiger behandelt werden zu können. Vor ihm haben alle Angst – seine Frau womöglich vor seiner Gewalt, alle anderen vor seinem Geld und Einfluss. Weshalb Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) Karin Gorniak wütend anfährt: "Es geht hier doch nicht um ihr Gefühl!"

Häusliche Gewalt oder Freundschaften: Um was geht es im "Tatort" wirklich?

Aber genau darum geht es. Um weibliche Intuition, Frauen-Freundschaft, Solidarität. Um häusliche Gewalt, um komplizierte Liebesbeziehungen mit kaputten Abhängigkeitsverhältnissen dagegen geht es nur am Rande, auch wenn die Geschichte von Christoph Busche und Co-Autorin Anne Zohra Berrached uns das weismachen will. Dafür erfahren wir einfach zu wenig über die Fischers als Paar.

Die meiste Zeit sehen wir einen aufgewühlten Simon durch die Handlung rennen, der mittels innerer Monologe die Liebe zu seiner Kathrin erklärt. Was eher manieriert wirkt als bedrohlich. Auch dass er ein knallharter, machtbewusster Geschäftsmann sei, wird zwar ständig behauptet, aber nie gezeigt. Befremdlich ist auch der Humor von "Das kalte Haus", der offenbar das ernste Thema toxischer Beziehungen auflockern sollte.

Wenn das ernste Thema aber nur über eine besorgt-beleidigte Kommissarin und einen eher lächerlich wirkenden Ehemann erzählt wird, erscheint es gar nicht so ernst, und die humoristischen Einlagen machen die Geschichte nur noch unglaubwürdiger. "Ich hab ein Gefühl, dass da irgendwas nicht stimmt", sagt Leonie Winkler irgendwann einmal – und man kann ihr nur zustimmen.

Starke Frauen im "Tatort: Das kalte Haus"

Von Anne Zohra Berrached stammte auch der durchgeknallte Bremer "Tatort: Liebeswut" vom vergangenen Wochenende, über den die Regisseurin sagt, sie habe die Geschichte "direkt, unmittelbar und laut" erzählen wollen, der Realitätsanspruch sei ihr egal gewesen. "Das kalte Haus" wirkt, als habe sie dazu auch hier schon Lust gehabt, sich aber nicht richtig getraut. Es gibt viele bedeutsame Bilder und geschäftige Schnitte, aber es passiert zugleich wenig und passt nicht recht zusammen.

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Am stärksten ist Anne Zohra Berracheds Inszenierung immer dann, wenn sie sich auf die Frauen konzentriert, die aus einem kalten ein warmes Haus machen: Da ist das Team von der Spurensicherung, das nur aus Frauen besteht, wie Leonie Winkler erstaunt kommentiert, und das sich als Soundtrack zur Arbeit Bruce Springsteen wünscht. Da ist die lockere Polizistin Eva (Nadja Stübiger), die neben wichtigen Informationen Getränke und einen Geburtstagskuchen mitbringt.

Die Kolleginnen Gorniak und Winkler kommen sich angesichts der männlichen Ignoranz für Intuition auch ein weiteres Stück näher. Eine seltsam blasse Rolle allerdings ist ausgerechnet die von Beate Lindweg (Katharina Behrens): Sie sei die beste Freundin der verschwundenen Kathrin Fischer gewesen, wie behauptet, aber wenig überzeugend gezeigt wird.

Am Ende kann man sich zwar über die freundschaftlichen Frauenbande freuen, die hier geknüpft oder gefestigt wurden. Aber der Rest lässt einen ganz schön kalt.

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