Erstmals seit 2015 könnte der Weltcup-Gesamtsieger im Skispringen wieder aus Deutschland kommen. Karl Geiger befindet sich in der Form seines Lebens. Mit dem Doppelsieg in Val di Fiemme schob sich der Team-Weltmeister in die Pole Position. Geiger nutzt im DSV-Team die Gunst der Stunde.

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Wären Severin Freund und Andreas Wellinger nach ihren Kreuzbandrissen bereits fit und Einzel-Weltmeister Markus Eisenbichler und Richard Freitag in Form, dann wäre Karl Geiger potenziell nur die Nummer fünf im Lager der deutschen Skispringer.

So aber nutzt der 26-Jährige in seiner siebten Weltcup-Saison das sich ihm bietende Vakuum aus und ist die Nummer eins - und das nicht mehr nur national.

Karl Geiger beendet den Fluch der zweiten Plätze

Auf der Normalschanze im italienischen Val di Fiemme erlebte Geiger den vorläufigen Höhepunkt seiner bislang stärksten Saison: Er gewann beide Springen des Wochenendes. Zuvor hatte es für Geiger bereits viermal in diesem Winter nur zu Rang zwei gereicht, dreimal davon bei der Vierschanzentournee.

Die ersten beiden Siege schoben Geiger in der Weltcup-Gesamtwertung nicht nur auf Platz eins. Geigers Vorsprung auf den Österreicher Stefan Kraft beträgt gleich mal 120 Punkte - und das passgenau vor dem Heim-Weltcup auf der Anlage in Titisee-Neustadt im Schwarzwald.

Karl Geiger überflügelt Stefan Kraft und Ryoyu Kobayashi

Titelverteidiger Ryoyu Kobayashi, der vor Jahresfrist alles in Grund und Boden sprang, liegt als Dritter bereits 165 Punkte hinter Geiger zurück. Zum Vergleich: Als Geiger 2018/19 die Weltcup-Wertung auf Platz zehn beschloss, hatte er mit 765 Punkten 54 Punkte weniger als bereits jetzt. Auf Kobayashi fehlten Geiger damals nicht weniger als 1.320 Zähler.

"So etwas ist mir noch nie passiert. Das Wochenende war unglaublich gut. Das ist wirklich genial, ich freue mich richtig", freute sich Triumphator Geiger nach dem historisch erfolgreichen Auftritt in Italien in der Sendung "Blickpunkt Sport" im Bayerischen Fernsehen.

Einen deutschen Doppelsieg auf der selben Schanze bejubelte zuletzt vor Geiger Freund. Das war im März 2015 in Oslo. Freund krönte sich damals zum Sieger im Gesamtweltcup der Skispringer.

Heute kämpft Freund nach einer Hüft-OP und zwei Kreuzbandrissen mit 31 Jahren um die Rückkehr in den Weltcup. Geiger springt für den Zweitplatzierten der Vierschanzentournee von 2016 bestens in die Bresche.

Weltmeister Markus Eisenbichler erlebt eine Saison zum Vergessen

Aufgrund der Resultate des Vorjahres hatten in dieser Rolle viele Experten Markus Eisenbichler erwartet. Der Weltmeister aber hat die Selbstverständlichkeit der Vorsaison eingebüßt und dümpelt nur noch auf Rang 27 der Weltcup-Gesamtwertung herum. Nicht nur Geiger rangiert vor Eisenbichler, sondern auch dessen Team-Kollegen Stephan Leyhe (15.), Constantin Schmid (20.) und Pius Pachke (23.).

Vor der Saison hatte im Lager der deutschen Skispringer große Unsicherheit geherrscht. Nach elf Jahren endete die Ära Werner Schusters als Cheftrainer. Nachfolger Stefan Horngacher, wie Schuster Österreicher und zwischen 2011 und 2016 dessen Assistent beim A-Kader des DSV, kam aus Polen.

Stefan Horngacher formte schon Kamil Stoch zum Sieger im Gesamt-Weltcup

Dort führte Horngacher 2017 und 2018 Kamil Stoch zum Sieg in der Vierschanzentournee und 2018. 2018 gewann Stoch zusätzlich den Gesamt-Weltcup.

Horngachers Stoch 2020 könnte Geiger heißen. "Das würde mich riesig freuen", träumt Geiger vom Happy End einer Saison, in der ein achter Platz beim Springen der Vierschanzentournee in Innsbruck seine bisher schlechteste Ausbeute war.

Geiger, der in einem TV-Bericht bereits als "Karl der Große" tituliert wurde, kennt jedoch die Tücke seines Freiluft-Geschäfts: "Wir haben noch viele Wettkämpfe. Es gilt dranzubleiben. Ich werde noch viel Arbeit investieren müssen."

Mit Material der dpa