• Erik Lesser ist ein Athlet, der sich nicht scheut, Missstände auch mal anzusprechen, wenn er sie bemerkt.
  • Unlängst kritisierte der Biathlet die "Bundestrainer auf der Couch", nachdem viele Menschen seinen Kollegen Philipp Horn nach einem verpatzten Rennen in den sozialen Medien unter der Gürtellinie beleidigt hatten.
  • Dass der Weltcup aktuell ohne Fans ausgetragen wird, daran könnte er sich in mancherlei Hinsicht gewöhnen, erzählt er im Interview - so ganz ohne die Emotionen der Fans geht es dann aber doch nicht.
Ein Interview

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Herr Lesser, während in Deutschland der Lockdown erneut verschärft wurde, läuft im Sport vieles weiter. Auch die Biathlon-Wettbewerbe werden ausgetragen. Wie fühlen Sie sich dabei?

Erik Lesser: Rein sportlich ist alles so wie immer. Der Weltcup in Oberhof hat allerdings schon gezeigt, dass Fans für die Wettbewerbe elementar sind. Drumherum ist es eigentlich entspannt, man hat weniger Sponsorentermine. Es geht "back to the roots", das ganze Klimbim wird weggenommen und es geht wirklich nur um den reinen Sport. Das ist auch mal ganz schön. Trotzdem weiß jeder Sportler um die Ausnahmeregelungen im Spitzensport. Und dafür wird natürlich auch viel getan, damit man diesem Alleinstellungsmerkmal auch gerecht wird. Ich glaube, das funktioniert bislang ganz gut und die Zahlen vom Weltverband sind besser, als viele vorher vermutet hätten.

Haben Sie keine Angst vor einer Neiddebatte à la "Wir müssen zu Hause bleiben und dürfen teilweise nicht arbeiten, aber Hauptsache, der Sport geht weiter"?

Ich glaube, die Leute sind froh, dass sie im Fernsehen irgendwas anschauen können, was gerade aktuell stattfindet. Fußball läuft ja auch ohne große Coronapause durch. Warum soll dann Wintersport, mit sogar mehr Abstand, nicht auch funktionieren? Hier und da gibt es in den sozialen Netzwerken leichte Neidkommentare, auch hinsichtlich der Masken, warum wir keine FFP2-Masken tragen müssen, aber das ist so ein minimaler Prozentsatz, das sollte uns nicht beschäftigen.

Obwohl Sie sich ja auch in einer Art Blase bewegen, kommt es immer wieder zur Coronafällen, zuletzt gab es vier positive Tests in Oberhof. Wie können Sie sich das erklären?

Die schlimmste Zeit für den Weltverband ist die Zeit der Anreise. Wenn dort viel schiefläuft und viele Teams gerade an den Weihnachts- oder Silvesterfeiertagen nicht richtig aufgepasst haben, kann das schon schlimm werden. Das hat Kontiolahti gezeigt, als das ganze bulgarische Team gesperrt wurde. Aber wenn die zwei, drei kritischen Tage überstanden sind, dann funktioniert die Blase so weit.

Anm. d. Red.: Im gesamten Biathlon-Weltcup wurden bislang laut "Sportschau.de" rund 2.100 Corona-Tests durchgeführt, 22 davon waren positiv.

Haben Sie Angst, dass der Weltcup doch noch abgebrochen werden könnte?

Nein. Ich glaube, der Weltcup wird so, wie er besteht, durchgezogen werden können. Durch die Hygienekonzepte der starken Nationen - die Norweger, der DSV, die Franzosen, die Italiener und so weiter haben alle ein eigenes Hygienekonzept - hat man schon mal die Argumente auf seiner Seite. Dazu kommt noch das Konzept vom Weltverband. Ich sehe das wie eine Insel. Wenn du auf eine unbewohnte Insel 100 Nicht-Infizierte steckst, dann kannst du auch keinen infizieren. Da können die untereinander machen, was sie wollen, Ringelpiez mit Anfassen, alles. So in etwa ist es bei uns auch. Wir werden ja vor und bei der Anreise getestet. Das macht es recht sicher. Und das ist dann schon ein ganz starkes Argument, das wir auch vor den Gesundheitsämtern vor Ort haben.

War es für Sie, auch als Familienvater, je eine Option, zu sagen: "Das ist mir alles zu heiß, ich bleibe lieber zu Hause"?

Das war kein Thema. Ich nehme Corona nicht auf die leichte Schulter. Man weiß ja gerade auch noch nicht, was in Sachen Leistungsfähigkeit mit dem Körper nach einer Coronainfektion passiert. Aber eine große Angst habe ich nicht. Ich stehe nur gerade mit meiner Familie vor der Frage der Notbetreuung für die Kinder.

Ich habe vor Kurzem den Ringer Frank Stäbler interviewt, der im Oktober an Corona erkrankt ist und noch immer mit den Spätfolgen kämpft. Hat man solche Geschichten als Sportler im Hinterkopf oder muss man sich von solchen Gedanken freimachen?

Davon muss man sich freimachen. Einfach versuchen, die Hygienemaßnahmen einzuhalten, sich nicht anzustecken. Und falls man wirklich positiv sein sollte, funktioniert das in unserem Team bisher ganz gut. Philipp Horn hat es schon erwischt und er hat alle möglichen Untersuchungen mitgemacht, Lunge, Herz, Blut. Das wird er auch in den nächsten Monaten so weitermachen, um da sicherzugehen, dass wirklich nichts im Argen liegt.

Wie empfinden Sie die Stimmung aktuell in Deutschland außerhalb Ihrer eigenen Sportblase? Hatten Sie zum Beispiel schon selbst mit Corona-Leugnern zu tun?

Ja, puh. (lacht) Irgendwie hat doch jeder in seinem Umkreis Leute, mit denen man komische Diskussionen führt. Ich versuche immer, mit Argumenten dagegenzuhalten. Ich habe mich auch mal bei Telegram angemeldet, um in diese Welt der Fehlfakten und Desinformationen einzutauchen. Das ist zum Teil schon sehr belustigend, aber auch beängstigend, was die Leute für einen Schwachsinn glauben.

Anm. d. Red.: Laut einer repräsentativen Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung vom September 2020 haben fast ein Drittel der Deutschen einen Hang zu Verschwörungstheorien. Die Behauptung "Es gibt geheime Mächte, die die Welt steuern" hielten demnach 11 Prozent der Befragten für "richtig" und 19 Prozent für "wahrscheinlich richtig".

Dem ist dann häufig auch nicht mehr mit Argumenten beizukommen.

Ja, das stimmt. Aber ansonsten habe ich mit der Außenwelt tatsächlich wenig zu tun. Ich bin auch froh, dass Oberhof so ein kleines Kaff im Wald ist, wie ein Städter wohl sagen würde, und wir so fernab vom Schuss sind. Ich habe das ganze Jahr eigentlich wenig mitbekommen von den Corona-Maßnahmen. Ich habe mein Training gemacht, bin zum Einkaufen gegangen mit Maske, das hat mich nicht sonderlich gestört. Habe meine Hände desinfiziert, auch das hat mich nicht gestört. Ansonsten ist mein Leben schon seit 32 Jahren so.

Sie kritisierten vor zwei Tagen die "Bundestrainer auf der Couch", die Ihren Kollegen Philipp Horn nach einem verpatzten Rennen scharf angegangen sind. Beschäftigen Sie sich viel mit den Reaktionen in den sozialen Medien - und wenn ja, warum tut man sich das an?

Nach einem normalen Rennen, bei dem wir nicht auf dem Podium landen, ist das meine Portion Humor am Abend. Da gibt es oftmals sehr geile, für mich lustige Kommentare, bei denen man merkt, dass die Leute auf der Couch gerade einfach nichts anderes zu tun hatten, als den ersten dummen Gedanken aufzuschreiben und loszuwerden. Deshalb ist es für mich eigentlich belustigend. Am Freitag wollte ich einfach mal interessehalber durchlesen, was die Leute nach dem Rennen geschrieben haben. Und da war ich wirklich geschockt über die Respektlosigkeit. Es ist mir schon ein paar Mal aufgefallen, wenn Rennen nicht gut funktioniert haben - ob es jetzt eine Staffel ist, es einen von uns erwischt hat oder ein ganzes Team -, dann kommen Kommentare, die gehen einfach nicht. Wir haben überhaupt nichts gegen Kritik. Wenn ein Rennen schlecht ist, kann man das als "Scheiße" betiteln, damit habe ich kein Problem. Ich bin der Erste, der in die Kabine geht, die Waffe hinflackt und sagt: "Alles ist scheiße, ich bin schlecht, ich kann aufhören", aber es muss nicht respektlos werden.

Anm. d. Red.: Philipp Horn selbst hat sich für die Unterstützung der Teamkollegen bedankt: "Das ist natürlich immer ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass die Teamkollegen da hinter einem stehen. Die wissen aus eigener Erfahrung, wie schnell es gehen kann."

Ist der Ton in den sozialen Medien rauer geworden? Und könnte das auch mit Corona zusammenhängen, weil die Leute ihren Unmut nicht mehr im Stadion rauslassen können?

Ich glaube diejenigen, die dort kommentieren, würden nicht ins Stadion gehen. Aber der Ton wird ja in allen Bereichen, ob Politik, Sport oder Kultur, immer rauer. Es wird immer mehr in Schwarz-Weiß gedacht. Eine normale Meinung wird gleich abgetan und schlecht kommentiert.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Nein. Da müsste man vielleicht mal einen Soziologen oder einen Psychologen fragen.

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Gehen wir nochmal zum Sportlichen: Auf Platz 11 sind Sie aktuell der beste Deutsche im Gesamtweltcup. Welches Ziel haben Sie selbst für diese Saison im Auge?

Eigentlich will ich schon unter die Top 10 im Gesamtweltcup kommen. Das ist mein Ziel.

Nimmt man sich vor so einer Saison eine gewisse Anzahl an Podestplätzen vor?

In Podestplätzen denke ich gar nicht. Einmal Podest im Jahr wäre natürlich schön, maximal habe ich mal zwei geschafft. Aber ich habe mir auch noch nie eine Medaille bei der WM vorgenommen. Man muss immer den Tag der Entscheidung separat betrachten: Wie ist das Wetter? Ist es fair für alle? Ist es windig? Wie ist meine eigene Konstitution? Ich bin ein Typ, der einfach seine Leistung abrufen will. Nicht mehr und nicht weniger. Und wenn dabei ein Podestplatz oder eine Medaille rausspringt, dann freu' ich mich natürlich.

Fehlt es Ihnen, dass die Zuschauer Sie anpeitschen oder freuen Sie sich über die Ruhe im Stadion?

Ich bin eigentlich der ruhige Typ, der ohne Fans klarkommt, aber Oberhof war schon eine traurige Veranstaltung. Die Fans vor oder nach dem Rennen brauche ich überhaupt nicht. Da gibt es viele, die auch mal was Dummes reinrufen - vielleicht gut gemeint, aber das kommt oftmals einfach nicht gut an. Aber während des Rennens am Birxsteig war es schon sehr traurig. Ich hab' im Verfolger auf Platz 14 liegend irgendwann gedacht, um was geht's hier eigentlich, was ist das hier eigentlich? Da musste ich mich selbst erst einmal wieder wachrütteln, dass es ein wichtiges Rennen ist. Mit Fans wäre das wahrscheinlich nicht passiert.

Anm. d. Red.: Im Massenstart von Oberhof kostete Lesser ein Schießfehler den Podestplatz. Am Ende belegte er den achten Platz als bester Deutscher. Im Sprint musste er sich dann seinem Teamkollegen Arnd Peiffer knapp geschlagen geben und kam auf Rang vier ins Ziel.

Sie haben schon angekündigt, nach Ihrer aktiven Karriere gerne als Trainer arbeiten zu wollen. Was wünschen Sie sich für die letzten Jahre Ihrer Karriere, vielleicht auch im Blick auf Olympia?

Ich hoffe, dass es Olympische Spiele werden. Peking ist nicht unbedingt prädestiniert für Wintersport, aber ich hoffe, dass trotzdem ein bisschen Feeling aufkommt. Ich würde mir wünschen, dass wir in der Staffel wieder im Kampf um Gold eine Rolle spielen, damit ich auch mal aktiv bei einer Goldsiegerehrung dabei bin und die Medaille nicht am grünen Tisch bekomme. Ich habe zwar vorher gesagt, dass ich nicht in Medaillen denke. Aber in Pyeongchang war ich im Massenstart so nah dran, dass ich die Hoffnung habe, dass ich mit einer guten Form um eine Medaille mitkämpfen kann, wenn mir Peking liegen sollte. Und nicht einfach nur als Top-15-Tourist da hinfahre.

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