Der beste deutsche Tennisspieler Alexander Zverev gewann 2018 die ATP Finals, durchlebte 2019 allerdings ein schwieriges Jahr und ist bei der Neuauflage lediglich in der Rolle des Außenseiters.

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Im November 2018 feierte Alexander Zverev den größten Erfolg seiner Karriere, als er die ATP Finals, also die inoffizielle Weltmeisterschaft im Tennis, gewann und sich im Finale gegen den serbischen Superstar Novak Djokovic durchsetzte.

Nun kehrt er an den Ort des damaligen Triumphes, der O2 Arena in London, zurück. Er ist zwar der Titelverteidiger, keinesfalls aber der Favorit. Vielmehr geht es für den 22-Jährigen darum, das "Seuchen-Jahr 2019" einigermaßen versöhnlich zu beenden.

Alexander Zverev: Streit mit Manager lenkt vom Tennis ab

Es gab viele Nebenschauplätze, die Zverev in den vergangenen Monaten das Leben schwer gemacht haben. Vor allem der Streit mit seinem ehemaligen Manager Patricio Apey, aber auch die On-Off-Beziehung mit seiner Freundin Olga Sharypova, belastete ihn sehr.

Die Folge: Teilweise taumelte er von Niederlage zu Niederlage. "Ich bin auf den Platz gegangen und war vor dem Spiel schon komplett tot", sagte er einmal. Die ehemalige Nummer drei der Weltrangliste fiel auf Rang sieben zurück, wo er noch immer steht.

Titelverteidiger kämpft bei ATP-Finals um den Einzug ins Endspiel.

Völlig befreit hat sich der gebürtige Hamburger aus der Krise noch immer nicht. Bei seinen vergangenen beiden Turnieren in Paris und Basel verlor er zwei von drei Spielen. Und zwar gegen Gegner, die in der Weltrangliste mehr als 20 Positionen hinter ihm stehen. In London hingegen duelliert er sich nun mit Top-Stars, die besser positioniert sind als er.

Die besten acht Spieler der Welt treffen in London aufeinander

Zverev trifft in seiner Gruppe am Montagabend zunächst auf den 19-fachen Grand-Slam-Sieger Rafael Nadal, der auf Platz eins der Weltrangliste steht. Die weiteren Gruppengegner sind der momentan stark aufspielende Daniil Medwedew und der 21-jährige Shooting-Star Stefanos Tsitsipas. Zverev bezeichnete die Gruppe als "sehr interessant und offen, mit den drei Jungen und Rafa".

Lediglich gegen Medwedew hat Zverev mit vier Siegen und einer Niederlage eine positive Bilanz. Das Problem ist nur: Diese eine Niederlage ereignete sich erst kürzlich im Oktober im Finale von Shanghai – und fiel mit 6:4, 6:1 deutlich aus.

Der Russe Medwedew befindet sich in der Form seines Lebens. Zverev sagt, die Nummer vier der Rangliste sei momentan der "beste Spieler der Welt, wenn es nach der Form geht".

Heißt also: Zverev ist in jedem der drei Gruppenspiele der Außenseiter. "Hier sind die besten acht Spieler des Jahres. Da gibt es einfach keine leichten Matches", sagt der Deutsche. Er müsste allerdings den ersten oder zweiten Platz in der Gruppe erreichen, um in das Halbfinale einzuziehen.

Dort könnte er auf den Schweizer Weltstar Roger Federer, Djokovic oder den Österreicher Dominic Thiem treffen.

Nachwuchssportler aus der ganzen Welt sollen hier für eine Profilaufbahn trainieren und gleichzeitig ihr Abitur machen.

Schlechte Einstellung, schwacher Aufschlag

Experten bezweifeln, dass Zverev sich noch einmal im Duell mit den Weltstars durchsetzen kann. "Seine Einstellung scheint aktuell nicht optimal", sagt Sport-Mentaltrainer Markus Hornig gegenüber "tennismagazin.com". "Er schafft es nicht, über einen längeren Zeitraum konstant zu spielen. Das ist aber der Schlüssel, um sich in der Weltspitze langfristig zu etablieren."

Hinzu kommt laut Hornig, dass der Deutsche als Titelverteidiger noch mehr im Fokus steht. "Im vergangenen Jahr war Alexander Zverev bei den ATP Finals der absolute Außenseiter und hatte nichts zu verlieren. Jetzt ist er der Titelverteidiger und Gejagte - und schon sieht das ganze Ding anders aus."

Und weiter: "Jeder im Sport weiß, dass es ungleich leichter ist, einen großen Titel zum ersten Mal zu gewinnen als diesen zu verteidigen." Der deutsche Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann hingegen sieht einen Vorteil darin, dass Zverev 2018 das Turnier gewann. "Er hat den Sieg aus dem letzten Jahr im Kopf, fühlt sich dadurch in London wohl", sagte er im "Tennis Magazin".

Das Problem ist allerdings, dass die Defizite von Zverev bekannt sind und die Top-Gegner diese eiskalt ausnutzen könnten. Eine Schwachstelle: der Aufschlag.

Zverev habe laut Kohlmann "in dieser Saison schlechter serviert als im letzten Jahr. Dadurch musste er häufiger lange Ballwechsel spielen, geriet so automatisch mehr in die Defensive." Und jeder Tennisspieler weiß: Wer die eigenen Aufschlagspiele nicht gewinnt, zieht am Ende meist den Kürzeren.

Boris Becker: Zverev spielt zu eindimensional

Auch Tennis-Legende Boris Becker kritisierte den besten deutschen Tennisspieler. "Er hat sich in den letzten 18 Monaten als Spieler nicht verbessert. Für mich ist das Spiel ein bisschen zu eindimensional, zu lesbar für den Gegner", sagte er kürzlich bei Eurosport.

Immerhin ist Zverev nicht der einzige deutsche Hoffnungsträger bei den ATP Finals. Auch das deutsche Doppel Kevin Krawietz und Andreas Mies schlägt in London auf. Die beiden Deutschen sorgten im Juni für Furore, als sie überraschend die French Open gewannen.

Einen Erfolg in dieser Größenordnung würden sie in London gerne wiederholen – ähnlich wie Zverev.

Verwendete Quellen:

  • atptour.com: Alexander Zverev Turnierbilanz
  • eurosport.de: Zverev möchte positiven Saisonabschluss nach "schwierigem Jahr"
  • Tennis Magazin (12/2019) Endspurt