Beim Thema LSBTIQA+ im Sport liegt der Fokus speziell im Fußball sehr auf dem möglichen Coming-out eines Profis. Damit werden andere Aspekte überlagert - und das schadet allen.

Mara Pfeiffer/FRÜF
Eine Kolumne
von Mara Pfeiffer/FRÜF
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

"Ich habe mich immer gefragt: Ist es wirklich nötig, dass ihr kommt und öffentlich über eure sexuellen Präferenzen sprecht? Weil ich sehe keine heterosexuellen Menschen, die das tun." (Übersetzung der Red.) Diese Frage richtete der niederländische Fußballstar Clarence Seedorf 2017 bei der "FIFA Conference for Equality and Inclusion" an Thomas Hitzlsperger.

Das Coming-out des ehemaligen Nationalspielers liegt zu dem Zeitpunkt schon drei Jahre zurück, getan hat sich in puncto Inklusion bis heute: nicht viel. Seedorfs Frage bringt aber zwei Missverständnisse auf den Punkt, die - nicht nur im Fußball - rund um das Thema Homosexualität und queere Identität bestehen.

Zum einen geht es bei einem Coming-out als queer um mehr als Sexualität oder Geschlecht. Früher hieß es augenzwinkernd, die Leute sollen in ihren Schlafzimmern doch tun, was sie wollen, wenn sie nicht darüber reden. Abgesehen von dem Problem, die diese Aussage hinsichtlich sexueller Übergriffe in Partnerschaften birgt: Die wenigsten möchten wohl ihr Coming-out mit Schilderungen ihrer Lieblingsstellung beim Sex ausschmücken. Es geht nicht um Haltungsnoten, sondern um ein Ende des Versteckspiels und darum, alle Aspekte der eigenen Persönlichkeit offen leben zu können. Und das, ohne Angst haben zu müssen, dadurch Nachteile zu erfahren, weil Menschen sich abwenden - oder Werbepartner*innen verschwinden.

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Eine Frage der Sichtbarkeit

Missverständnis zwei ist die Annahme, heterosexuelle und Cisgender-Personen (Menschen, bei denen Geschlechtsidentität und das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht übereinstimmen, Anm. d. Red.) würden sich nicht outen. Denn das tun sie permanent nur, dass es ihnen meist nicht bewusst ist.

"Ich war mit meiner Freundin im Kino", ist als Erzählung eines Fußballers ebenso selbstverständlich wie das Foto der Familie im Spind oder die Einigkeit darüber, dass mit "Plus1" auf der Einladung zur Saisonabschlussfeier die Partnerin gemeint ist. Das Privileg, dass die eigene Sexualität oder das eigene Geschlecht nicht von anderen beurteilt werden, wird in unserer heteronormativen Gesellschaft gar nicht als solches wahrgenommen, während zugleich die Erwartung herrscht, andere mögen bitte auf ein Coming-out verzichten, aka: für sich behalten, wo sie stehen, wen sie lieben und wie sie sich identifizieren.

All das gilt nicht nur für den Sport im Allgemeinen und den Fußball im Speziellen, hat hier aber durch die männliche Dominanz in Ausführung und Betrachtung hohe Bedeutung. Regelmäßig kommt deshalb die Frage auf, wann wohl der erste männliche Profi während seiner aktiven Karriere ein Coming-out haben wird.

Darin steckt neben dem Wunsch nach gesellschaftlicher Entwicklung viel Sensationslust. So positiv es sicher wäre, wenn Spieler*innen - denn ja, auch für Frauen und nicht-binäre Personen ist das (weiter) ein Thema - das Gefühl hätten, diesen Schritt leicht gehen zu können, so sehr überlagert zugleich der Fokus auf diesen Aspekt das große Spektrum von LSBTIQA+ im Sport.

Der "Erinnerungstag im deutschen Fußball" der Initiative "!Nie wieder", der an den Spieltagen um den 27. Januar, Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, stattfindet, hat den Blick kürzlich geweitet. Er rückte dieses Jahr all jene in den Fokus, die aufgrund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität von den Nazionalsozialist*innen verfolgt wurden. Und er erinnerte daran, dass §175 des deutschen Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlung zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, erst 1994 abgeschafft wurde.

Diese Weitung des Blickes ist wichtig, weil sonst beim vermeintlichen Versuch, eine Gruppe von Menschen sichtbar zu machen, andere erneut unsichtbar gemacht werden. Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, den dadurch entstehenden Verletzungen ein Ende zu setzen. Zudem lenkt die Fokussierung auf ein mögliches Coming-out von Themen ab, die im Fußball alle und an jedem Tag selbst anpacken und verbessern können - und die sind zahlreich.

Die Abkürzung LSBTIQA+ steht für lesbisch, schwul, bisexuell, trans, inter, queer und asexuell, das Plus bezieht Menschen mit ein, deren sexuelle und geschlechtliche Identität sich in den genannten Labeln nicht wiederfindet. Aus guten Gründen wird die Abkürzung stetig erweitert, um möglichst inklusiv zu sein.

Es ist deswegen bedauerlich, dass die inhaltlich extrem wichtige, lobenswerte Anlaufstelle des DFB für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Trägerschaft des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD) sich lediglich als LSBTI+ abkürzt. Gerade wer sich mit Diversität beschäftigen will, sollte darauf bedacht sein, so inklusiv zu agieren, wie zum jeweiligen Zeitpunkt möglich. Dafür ist auch wichtig, dass alle im Sport sich eine Offenheit mit diesen Themen bewahren, sich nicht auf dem Erreichten ausruhen, keine Abwehrhaltung entwickeln, wenn sie darauf hingewiesen werden: Da geht doch mehr!

Der Wunsch nach Repräsentation

Und es geht noch viel mehr. Angefangen bei der Repräsentation der Geschlechter in Vereinen und Verbänden. Der Fußball ist nach wie vor überwiegend männlich. Schon der Ruf nach mehr Frauen gerade auch im Männerfußball wird als unglaublich kompliziertes Unterfangen behandelt - sich erst damit auseinanderzusetzen, über die gewohnte Geschlechterbinarität hinauszudenken, wird oft gleich ganz abgetan.

Dabei trägt der DFB eine klare gesellschaftliche Verantwortung, und eingedenk der Tatsache, dass beim Eintrag ins Personenstandsregister seit 2018 neben weiblich und männlich auch divers möglich ist, stellt sich die Frage: Wie geht der Fußball damit um, gerade auf Wettkampfebene? Von 21 Landesverbänden hat nur einer das Thema Spielberechtigung für trans, inter und nicht-binäre Menschen geklärt: Berlin.

Es ist legitim, dass Menschen, die sich mit diesen Themen noch nie auseinandergesetzt haben, Fragen stellen möchten; es ist natürlich, dass Veränderungen Zeit brauchen. Es ist aber nicht okay, mit einem Verweis auf die Anzahl der Menschen, die durch persönliche Betroffenheit mit diesen Themen befasst sind, so zu tun, als könne man sie ignorieren.

Das gilt übrigens auch für den Wunsch nach gendersensibler Sprache, die Teil einer gesamtgesellschaftlichen Lösung sein kann. Es mag anfangs ungewohnt sein, Bundestrainer*in zu schreiben, darin steckt aber nicht nur ein gedrucktes Sternchen, sondern auch das Versprechen: Jede Person kann diese Stelle besetzen. Es geht wirklich nur um die Qualifikation. Um das als Selbstverständlichkeit zu erreichen, wäre für die Übergangsphase eine neue Geschlechterquote sinnvoll - neu deshalb, weil es derzeit faktisch eine Männerquote gibt, die nur nicht thematisiert wird.

An einigen Stellen setzt sich das Bewusstsein dafür, vor welcher Aufgabe der Fußball steht, nach und nach durch. Das ist gut und macht Hoffnung. Denn die Zeit mag noch nicht reif sein für das Coming-out einer Einzelperson im aktiven Profifußball der Männer.

Sie ist aber mehr als reif dafür, im Sport nachdrücklich Rahmenbedingungen zu schaffen, die alle LSBTIQA+-Personen inkludieren. Clarence Seedorf hakte bei seiner Frage übrigens nach: "Warum sollte das etwas sein, das jemand thematisieren sollte?" (Übersetzung d. Red.) Das sollte es nicht, was bedeutet: Es sollte kein Thema sein müssen, über das gesprochen wird. Aber eben nicht, weil wir uns dem als Gesellschaft (weiter) verschließen und auf Heteronormativität beharren, sondern, weil wir es als Problemfeld auflösen – und jede*r im Fußball sein und lieben darf, wen si*er will.

Begriffshilfe: Queer-Lexikon
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