Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro sind in vollem Gange, die Deutschen kommen aber bisher nicht in Tritt. Mit dem dritten Wettkampftag ohne Medaille hat das deutsche Olympiateam sogar den größten Fehlstart seit der Wiedervereinigung hingelegt. Woran liegt das? Was machen andere Nationen besser? Eine Analyse.

Im letzten Einzelrennen seiner Karriere hat Paul Biedermann gestern (Ortszeit) die ersehnte erste Olympia-Medaille verpasst. Der Weltrekordler kam über 200 Meter Freistil auf Platz sechs – es fehlten nur 0,61 Sekunden für Bronze. Auch in den anderen Disziplinen hat es für die Deutschen (noch) nicht gereicht. Obwohl zumindest Turner Andreas Toba eine Tapferkeitsmedaille verdient hätte.

Er machte trotz Kreuzbandriss weiter und ermöglichte seinem Team damit den Einzug ins Finale. Fakt ist: Die deutschen Olympioniken liegen bisher hinter den Erwartungen zurück. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Fehlstart.

Was sind die Gründe für den Fehlstart?

"Die bisherigen Wettkämpfe waren einfach keine deutschen Paradedisziplinen. Wäre in einer dieser Sportarten eine deutsche Medaille herausgekommen, wäre das wohl eine große Überraschung gewesen", sagt Prof. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Doch auch Pech spielte bisher natürlich eine Rolle. Sportschützin Barbara Engleder verpasste Bronze um nicht mal einen Millimeter. Genau wie die für Bronze fehlenden 0,61 Sekunden von Schwimmer Paul Biedermann. Ähnlich glücklos waren unsere Synchronspringer.

Emotionale Worte der deutschen Turner: Andreas Bretschneider hat sich im Namen der Mannschaft auf Facebook zur Verletzung von Andreas Toba geäußert und wählte dabei einen drastischen Vergleich.


Kommen unsere Disziplinen noch?

Auf jeden Fall. Stark sind wir zum Beispiel in den Mannschaftssportarten wie Handball oder Hockey. Die Fußball-Frauen wollen zudem der Bundestrainerin Silvia Neid zum Abschied unbedingt Olympia-Gold bescheren. Hoffnung gibt es auch beim Golf, denn Martin Kaymer hat bereits zwei Major-Turniere gewonnen. Ebenso könnte Boxer Artem Harutyunyan - er hat seit zwölf Monaten keinen Kampf mehr verloren - für eine Überraschung sorgen. Auch Tennisspielerin Angelique Kerber, die amtierende Australien-Open-Gewinnerin, ist heiße Anwärterin auf eine Medaille.

Wo sind wir überhaupt Favorit?

Zum Beispiel im Pferdesport. Vor allem das Dressur-Team gilt als Top-Favorit. In Form sind auch die Vielseitigkeitsreiter, angeführt von Sandra Auffahrt und Michael Jung. Sie hatten zuletzt zweimal für Doppel-Gold (Einzel und Team) gesorgt. Für Froböse sind auch die Ruderer eines der deutschen Aushängeschilder mit großen Medaillenchancen. Ebenso versprächen neben den Mannschaftssportlern "auch die Wurf-Disziplinen bei den Leichtathleten noch das ein oder andere Edelmetall", sagt der Sportwissenschaftler.

Was machen die anderen besser?

Laut Froböse seien die Sportsysteme in den anderen Ländern oft sehr verschieden. Ob diese besser oder schlechter seien, sei dabei einmal dahingestellt. Was jedoch eindeutig ein Problem in Deutschland sei: Vieles verschwinde hinter dem Fußball und man leite die Förderung immer nur an den Medaillen ab. Außerdem gebe es noch eine andere Schwierigkeit: "Wo sollen Talente herkommen, wenn wir keinen Schulsport mehr haben?", fragt Froböse.



Hängt es nur an Einzelpersonen?

Nein. "Denn Sport ist ein komplexes System", erklärt der Professor. Da lasse sich die Schuld in der Regel nicht auf Einzelpersonen schieben. Vereine und Verbände müssten sich allerdings mit der Schuldfrage auseinandersetzen. Doch das sollte dem deutschen Team nun erst einmal egal sein. Es gilt nun im weiteren Olympia-Verlauf, Kräfte zu bündeln und vereint auf Medaillenjagd zu gehen.

Sind manche zu alt?

Nein, denn im deutschen Team gibt es eine gute Mischung aus Jung und Alt. "Außerdem muss das Alter nicht immer ein Indiz für eine gute oder schlechte Leistung sein", erklärt der Sportwissenschaftler. Bei den Reitern spiele das Alter beispielsweise eine untergeordnete Rolle und sei manchmal sogar vorteilhaft, da die Älteren einen größeren Erfahrungsschatz und mehr Routine besäßen als die Newcomer. Je nach Disziplin verschafft diese Mischung also unseren deutschen Olympioniken auch Möglichkeiten.

Hinken wir in der Trainingswissenschaft hinterher?

"Im Gegenteil. Deutschland investiert große Ressourcen in die Trainingswissenschaft und die Forschung in diesem Bereich", sagt Froböse. Dafür ließe jedoch die Talentfindung und -förderung noch viel Luft nach oben. An der Trainingswissenschaft liegt der maue Einstieg in die Olympischen Spiele demnach nicht.

Fazit: Es sind noch 13 Wettkampftage und unzählige Disziplinen zu absolvieren. Kein Grund also, den Kopf schon jetzt in den Sand zu stecken.