In der Nacht von Donnerstag auf Freitag (2:20 Uhr) startet die 100. NFL-Saison mit dem Spiel der Chicago Bears gegen die Green Bay Packers. Der ehemalige NFL-Profi und heutige TV-Experte Sebastian Vollmer sprach mit uns über die Favoriten, die deutschen Profis und das harte Leben in der NFL.

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Herr Vollmer, welche Teams sind für Sie die Favoriten auf den Super-Bowl-Sieg?

Sebastian Vollmer: Ich schätze die New England Patriots, den Titelverteidiger, noch stärker ein als letzte Saison. Vor allem in der Defense haben sie sich verbessert und üben noch mehr Druck aus. Die Kansas City Chiefs standen letztes Jahr im Halbfinale und können auch diese Saison weit kommen. Vermutlich wird Quarterback Patrick Mahomes dieses Jahr noch stärker sein. Der Vorjahresfinalist Los Angeles Rams zählt ebenfalls zu meinen Favoriten.

Eigentlich ist das US-Sportsystem mit der Gehaltsobergrenze und dem Draft so konzipiert, dass immer wieder andere Teams oben mitmischen. Wie haben es die Patriots hinbekommen, die NFL im 21. Jahrhundert zu dominieren und sechs Mal den Super Bowl zu gewinnen?

In Head Coach Bill Belichick und Quarterback Tom Brady haben die Patriots seit dem Jahre 2000 zwei große Konstante. Und zwar auf Schlüsselpositionen, wo du einfach top besetzt sein musst, um in der NFL erfolgreich zu sein.

Aber natürlich haben auch die Trainer dahinter und die sonstigen Spieler einen großen Anteil. Allgemein wird bei den Patriots sehr detailliert gearbeitet. Ich persönlich kann das nicht mit anderen Teams vergleichen, weil ich nur für New England gespielt habe.

Aber Mannschaftskameraden haben mir berichtet, dass nirgendwo so hart gearbeitet wird wie bei den Patriots. Es gibt sogar Spieler, denen das zu hart war und die ihre Karriere dann lieber beendet haben.

Sie haben selber mit Quarterback Tom Brady zusammengespielt. Wie bekommt er es hin, jetzt mit 42 Jahren noch immer der beste Spieler der Welt zu sein?

Er liebt einfach den Sport und ist ein wahnsinnig ehrgeiziger Mensch. Er weiß, dass er noch immer Höchstleistungen bringen kann. Das möchte er auf dem Platz zeigen. Zudem geht er sehr gut mit seinem Körper um, hat ein großes Talent und lebt auch mental für den Sport. Ich kann jetzt schon voraussagen, dass er auch nach dieser Saison nicht aufhören möchte.

Ryan Russell ist Profisportler in der US-amerikanischen National Football League (NFL) und bisexuell. Mit einem Essay hat sich der 27-Jährige nun geoutet und damit ein Tabu gebrochen.

Wie schätzen Sie die Situation der deutschen NFL-Spieler ein?

Linebacker Mark Nzeocha von den San Francisco 49ers ist ein sehr guter Special Teamer und stand letzte Saison drei Mal in der Startformation. Seine Zukunft sieht vielversprechend aus. Ich hoffe, dass er noch mehr Spielzeit in der Defense bekommt.

Equanimeous St. Brown hat bei den Green Bay Packers das Potenzial, Wide Receiver Nummer 1 zu werden. Das hat er mir so gesagt und ich stimme ihm zu. Er hat das Talent und bringt alles mit, was einen super Passempfänger ausmacht. Leider wird er diese Saison verletzungsbedingt verpassen.

Kasim Edebali ist schon lange in der NFL dabei - vor allem in den Special Teams. Leider steht er aktuell ohne Verein da. Aber je mehr deutsche Spieler wir haben, desto besser ist es für unseren Sport.

Jedes Jahr sind Stars plötzlich nicht mehr mit ihrem Vertrag zufrieden und bestreiken Vorbereitung und Spiele. Dieses Jahr zählte Ezekiel Elliott von den Dallas Cowboys dazu. Im Fußball wäre das ein Skandal. Warum wird das im American Football akzeptiert?

Das lässt sich nicht vergleichen. Im europäischen Fußball haben die Profis die Garantie, dass sie die volle Vertragslaufzeit bei ihrem Verein bleiben können und das Gehalt einstreichen. Das ist im American Football anders. Dort kann man jederzeit entlassen werden. Daher wird es in den USA eher akzeptiert, wenn Spieler nach einem neuen Vertrag verlangen.

Hinzu kommt, dass Spieler in den ersten vier Jahren einen Rookie-Vertrag haben und somit nicht so viel Geld verdienen wie die älteren Superstars. Dadurch fühlte sich zum Beispiel ein junger Top-Spieler wie Ezekiel Elliott unterbezahlt - auch wenn er natürlich trotzdem viel Geld verdient.

Vollmer: "Man fühlt sich, als wäre man vom Auto angefahren worden"

American Football ist ein Sport mit vielen Kollisionen. Wie sehr leidet der Körper darunter?

Der Körper ist in der Saison ein Wrack. Man hat ständig Verletzungen, die irgendwann nicht mehr weggehen und teilweise ein Leben lang bleiben. Es gibt ständig gebrochene Finger, Sehnenrisse oder verstauchte Knöchel. Um am Spieltag irgendwie wieder fit zu sein, schläft man in Eismaschinen oder wird getaped. Man beißt sich irgendwie durch.

Gerade wir Spieler in der Offensive oder Defensive Line konnten uns am Tag nach dem Spiel oft nur langsam bewegen und quälten uns auf den Behandlungstisch. Man ist Mitte 20, bewegt sich wie ein 80-Jähriger und fühlt sich, als wäre man vom Auto angefahren worden. Aus gutem Grund: Wenn man in einer Partie 90 Spielzüge hatte, hatte man aufgrund der Kollisionen praktisch 90 kleine Autounfälle.

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Werden Verletzungen dann innerhalb der eigenen Mannschaft verheimlicht, weil man seinen Job nicht gefährden möchte?

Auf jeden Fall. Du hast immer die Angst, dass dein Ersatzmann plötzlich groß aufspielt, die Coaches in ihm noch mehr Potenzial sehen und künftig auf ihn setzen. Im schlimmsten Fall bist du deinen Job los - vor allem, wenn dein Ersatzmann günstiger ist.

Das ist wie auf dem Viehmarkt. Funktioniert der eine nicht, holt man sich den anderen. Man wird nicht unbedingt als Person angesehen. Es geht darum, was du der Mannschaft bringst. Aber das ist nicht nur im American Football so, sondern in jedem Profisport

Wie viel mussten Sie als NFL-Profi eigentlich essen, um auf Ihr damaliges "Kampfgewicht" von rund 150 Kilogramm zu kommen?

Ich habe damals pro Tag ungefähr 6.000 Kalorien eingenommen, also mehr als doppelt so viel wie der Durchschnittsmensch. Ich aß löffelweise Olivenöl, Avocados, Nüsse, Haferflocken oder kalorienhaltige Eiweißshakes, um mein Gewicht zu halten.

Hinzu kam natürlich die Muskelmasse. Ich habe früher beim Bankdrücken etwa 225 Kilogramm gedrückt und hatte dementsprechend viele Muskeln. Heute mache ich das nicht mehr, wiege etwa 35 Kilogramm weniger, lebe aber gesünder.

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