Die sechsteilige Miniserie "Colin in Black & White" erzählt über die Jugend des früheren NFL-Quarterbacks Colin Kaepernick und ist Teil seines Kampfes gegen Rassismus. Der heute 34-Jährige hatte 2016 mit seinem Hymnenprotest für einen Skandal in den USA gesorgt - und ist heute ein Gesicht der "Black Lives Matter"-Bewegung.

Eine Kritik
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Colin Kaepernick verliert keine Zeit, die Dramaserie "Colin in Black & White" nimmt sofort Fahrt auf. Der Beginn hallt dann auch länger nach. Denn es ist eindrücklich, bewegend, wenn der frühere NFL-Quarterback zu einer Analogie greift und den Draft – die offizielle Talenteauswahl der Liga – und die Training-Camps mit Sklaven-Auktionen vergleicht. Kaepernick fungiert dabei als Erzähler, warnt, mit einem Football-Feld mit zahlreichen Talenten im Hintergrund, vor dem System NFL.

"Sie wollen nicht, dass man versteht, dass hier eine Machtdynamik etabliert wird", sagt Kaepernick. "Bevor sie einen auf das Spielfeld lassen, stochern die Teams, mustern und prüfen. Sie suchen nach einem Defekt, der deine Leistung beeinträchtigen könnte. Dabei wird jede Grenze missachtet. Keine Würde bleibt intakt." Gleichzeitig verändert sich die Kulisse, und aus den Football-Talenten werden gefesselte Sklaven, die von Weißen ersteigert werden.

"Colin in Black & White": Kurzweilig und kritisch

Es ist wohl mit die stärkste Szene der sechsteiligen Miniserie auf Netflix, zugleich aber auch leider eine der schwächsten. Denn sie ist angreifbar, nimmt sich die eigene Wucht, weil sie einseitig ist, eine gewisse Doppelmoral besitzt.

Denn natürlich durchlaufen auch weiße Talente diesen Prozess. Gezwungen wird von den Spielern auch niemand. Und ja: Finanziell profitiert hat auch Kaepernick, der 2014 einen Vertrag über 61 Millionen Dollar unterschrieb. Kaepernick erntete deshalb in den sozialen Medien jede Menge Kritik für den etwas schiefen Vergleich.

Trotzdem ist Kaepernick mit Regisseurin Ava DuVernay ("Selma") ein kurzweiliger, unterhaltsamer und kritischer Ausflug in die Jugend des Sportlers gelungen. Denn um die Anfangsjahre seiner Karriere geht es in der Serie, um das Aufwachsen als schwarzer Adoptivsohn einer weißen Familie um die Jahrtausendwende in einer Kleinstadt in Kalifornien.

Besondere Aufmachung

Dabei ist die Aufmachung besonders: Die Serie vermischt Coming of Age mit einer Prise High-School-Romanze und einem Schuss Teenie-Komödie, unterlegt mit dem Soundtrack der damaligen Zeit, um ein ernstes Thema zu behandeln: Rassismus.

Man muss dazu wissen: Kaepernick wurde nicht als Quarterback weltberühmt, sondern vor allem zuletzt als eines der Gesichter der "Black Lives Matter"-Bewegung. Er hatte 2016 die große NFL-Bühne genutzt, um mit einem Kniefall bei der US-Hymne gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA zu protestieren. Das konservative Amerika verteufelte und beschimpfte ihn, allen voran der damalige Präsident Donald Trump ("Feuert ihn").

Seinen Job als Quarterback hat er nach den Protesten tatsächlich verloren, weil sein Vertrag auslief und er ist bis heute – trotz aller Bemühungen – nicht in die NFL zurückgekehrt. Stattdessen kämpft er weiter den Kampf gegen Rassismus – die Miniserie ist dabei eine weitere Episode seines jahrelangen Engagements.

Jaden Michael überzeugt als junger Kaepernick

Gespielt wird der junge Kaepernick von Jaden Michael, der in seiner ersten großen Rolle überzeugt. Immer wieder schaltet sich Kaepernick auch selbst als Erzähler ein, streut dabei Fakten zur afroamerikanischen Geschichte ein, zur aktuellen Politik, erklärt rassistische Hintergründe wie "Mikroaggressionen" oder "white privilege" auch anhand eigener Erfahrungen, unterfüttert das Ganze mit Zahlen oder erzählt im Doku-Stil die Geschichte des Afroamerikaners Romare Bearden, der in den 1930er Jahren nur dann der erste Schwarze in der Basseball-Liga geworden wäre, wenn er sich als Weißer ausgegeben hätte.

All das soll wiederum verdeutlichen, wie der Junge, der ein Baseball-Stipendium haben konnte, es aber nicht wollte und stattdessen um seinen Football-Traum kämpfte, Rassismus erlebte und wie er zum Aktivisten wurde. Das wird humorvoll erzählt, aber auch eindringlich und ohne große Umschweife und wenig subtil.

Dabei dienen zum Beispiel Kaepernicks Eltern, die ihren Sohn tatkräftig unterstützen, als eine Art Verstärkung, denn sie begegnen den Rassismus-Problemen ihres Sohnes oft naiv und unbedarft, sind es bisweilen sogar ungewollt selbst, wenn sie Colins schwarzer Freundin skeptisch gegenüberstehen und ihn mit einem weißen Mädchen verkuppeln wollen.

Mittendrin der heranwachsende Colin, mit all seinen Teenie-Unsicherheiten rund um die Themen Sport, Musik, Mädchen, Freunde und Frisuren. Und eben Rassismus, der das Unbeschwerte der Jugend erschwert. Und bis heute nicht verschwindet.

Kaepernick und DuVernay verstehen es, den Zuschauern das komplexe und wichtige Thema trotz aller Ernsthaftigkeit leicht verdaulich aufzubereiten. "Es war eine Achterbahnfahrt, manchmal spaßig, manchmal angsteinflößend. Ich bin dankbar für jeden dieser Momente", sagt Kaepernick rückblickend über seine High-School-Zeit.

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Brief an das jüngere Ich

In den letzten Minuten schreibt der erwachsene Kaepernick seinem jüngeren Ich einen Brief. "Vertrau deiner Stärke, auch wenn du sie nicht siehst. Glaub an sie, denn du wirst sie brauchen", schreibt er. "Ablehnung wird dich von Anfang an verfolgen, und sie wird bei jedem Schritt deiner Reise bei dir sein. Aber Ablehnung ist kein Versagen, sie hilft dir herauszufinden, wer du bist und was du willst."

Und bei Kaepernick war es von Anfang an die Passion, ein Quarterback zu sein. "Du wirst sehen: Du bist mehr als ein Quarterback – viel mehr", gibt er dem jungen Colin noch mit auf den Weg: "Glaub an deine Stärke, liebe, dass du schwarz bist – und du wirst wissen, wer du bist."

Die Serie bleibt die ganze Zeit zuverlässig auf dem Gas, ohne zu überdrehen. Inklusive eines starken Schlussworts, das den misslungenen Auftakt vergessen lässt.

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