Sie ist dem Titel so nah: Sabine Lisicki steht im Halbfinale von Wimbledon und trifft heute um 15.15 Uhr auf die Polin Agnieszka Radwanska. Da werden Erinnerungen an große Tennis-Zeiten unter Steffi Graf wach, die das Turnier siebenmal gewann. Doch wer würde sich in einem Duell der Generationen Lisicki gegen Graf durchsetzen? Wir machen den Head-to-Head-Vergleich.

Aufschlag

Sabine Lisickis Aufschlag ist eine Waffe. Sie donnert die Bälle mit bis zu 200 Stundenkilometer ins gegnerische Feld. Damit brachte sie auch die Weltranglisten-Erste Serena Williams im Viertelfinale von Wimbledon an den Rand der Verzweiflung. Vor Lisickis erstem Aufschlag zittern sogar Top-Spielerinnen, beim zweiten Aufschlag hat die Berlinerin aber noch Verbesserungspotenzial. Hier kassiert Lisicki oft einen schwer zu erreichenden Returnschlag.

Steffi Grafs Aufschlag war im Vergleich zu Lisicki eher zweckmäßig. Die heute 44-Jährige servierte den ersten zwar hart, aber nicht annähernd so hart wie Lisicki. Beim zweiten Aufschlag aber war Graf konstanter. Sie spielte ihn mit viel Spin, so dass der Ball schwer zu returnieren war.

Spiel Lisicki (1:0)

Vorhand

Die druckvolle Spielweise von Sabine Lisicki bringt ihr auch den Spitznamen "Bum-Bum-Bine" ein. Wenn sie einen guten Tag erwischt, ist die Vorhand präzise und konstant. An schlechten Tagen aber unterlaufen ihr zu viele Fehler.

Steffi Graf wurde oft auch als "Fräulein Vorhand" bezeichnet. Ihre Vorhand war gefürchtet. Mit ihr konnte Graf ihre Gegnerinnen nach Belieben dominieren. Zum einen peitschte sie die Tennisbälle mit voller Wucht über das Netz. Zum anderen zauberte sie auch gefühlvolle und präzise Schläge auf die gegnerische Seite. Es gibt wohl bis heute keine Tennisspielerin, deren Vorhand nur annähernd so stark ist.

Zwei Spiele Graf (1:2)

Rückhand

Wie der Aufschlag ist auch die Rückhand von Sabine Lisicki äußerst druckvoll. Sie knallt ihre beidhändige Rückhand mit bis zu 170 Stundenkilometer über das Netz. Auf schnellen Bodenbelägen wie Rasen oder Hartplatz kommt Lisicki diese aggressive Spielweise zugute, auf langsameren Belägen wie Sand ist die Rückhand für den Gegner leichter auszurechnen.

Wenn Steffi Graf eine Schwäche in ihrem Spiel hatte, dann war es die Rückhand. Die "Gräfin" versuchte ständig, die Rückhand zu umlaufen, um ihre gefürchtete Vorhand zu spielen. Sollte Graf aber dazu gezwungen worden sein, den Ball mit der Rückhand zu nehmen, dann spielte sie ihn mit viel Schnitt als Slice zum Gegner zurück. Graf wartete lieber ab, bis sie den Ball wieder mit der Vorhand schlagen konnte. Wenn es aber brenzlig wurde, knallte sie ihre einhändige Rückhand doch ab und zu mit Wucht über das Netz.

Spiel Lisicki (2:2)

Nervenstärke

Lisicki beweist gerade in Wimbledon, dass sie mental stark zugelegt hat. Gegen Serena Williams lag sie im dritten Satz mit 0:3 zurück, konnte das Match aber noch drehen. In den vergangenen Jahren aber hatte Lisicki oft mit ihren Nerven zu kämpfen. Erst Anfang des Jahres scheiterte sie in der ersten Runde der Australian Open an Caroline Wozniacki. Lisicki führte im dritten Satz bereits mit 3:0, verlor aber dann sechs Spiele in Serie und somit auch die Partie.

Nervenflattern war für Steffi Graf nur selten ein Problem. Die Statistik beweist: Die "Gräfin" stand in insgesamt 31 Grand-Slam-Finals, davon entschied sie 22 für sich. Ihr engstes Match war bei den French Open 1996. Dort bezwang sie die Spanierin Arantxa Sánchez Vicario im dritten Satz mit 10:8.

Spiel Graf (2:3)

Erfahrung

Trotz ihres jungen Alters von erst 23 Jahren ist Sabine Lisicki bereits seit fünf Jahren im Profi-Tennis dabei. Sie gewann schon drei WTA-Turniere, in Wimbledon hat sie viermal das Viertelfinale erreicht. Doch ein ganz großer Titel fehlt Lisicki noch.

Bei Steffi Graf sprechen die Zahlen für sich: Bis zu ihrem Rücktritt 1999 hat sie über 1.000 Matches bestritten und davon 902 gewonnen. Eine beeindruckende Bilanz. Die "Gräfin" ist dazu noch ein wahrer Titel-Hamster, sie gewann im Einzel und im Doppel insgesamt 118 Turniere. Außerdem war Graf insgesamt 377 Wochen lang die Nummer eins in der Weltrangliste - Rekord!

Zwei Spiele Graf (2:5)

Starpower

Vor Wimbledon war Sabine Lisicki in Deutschland vorwiegend in Sportkreisen bekannt. Durch ihren Einzug ins Halbfinale sollte sich das geändert haben. An den Bekanntheitsgrad einer Steffi Graf kommt Lisicki aber noch lange nicht heran. Privat sind die 23-Jährige und der Schwimmer Benjamin Starke ein Paar. Über die Beziehung und ihr Privatleben spricht Lisicki aber nur wenig.

Durch Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich boomte der Tennissport in den 90er Jahren. Graf betonte zwar immer wieder, dass sie nur ungern im Mittelpunkt stehe. Aufgrund ihrer Erfolge ist sie aber die weibliche Tennis-Ikone in Deutschland. Seit 2001 ist Graf mit dem ehemaligen Tennis-Profi Andre Agassi verheiratet, sie haben zwei Kinder. Die beiden leben zwar eher zurückgezogen in Las Vegas, gelten aber dennoch als das Glamour-Paar des Tennissports.

Spiel, Satz und Sieg Graf (2:6)

Fazit

In einem Duell der Generationen würde Steffi Graf gegen Sabine Lisicki gewinnen. Vor allem die knallharte Vorhand und die Erfahrung sprechen für einen Sieg der "Gräfin". Am interessantesten wäre wohl ein Match auf Rasen. Am besten in Wimbledon, denn dort fühlen sich beide Spielerinnen am wohlsten.

Und wer weiß, vielleicht gewinnt Sabine Lisicki bald ihren ersten großen Titel. Im Halbfinale von Wimbledon wartet aber noch Agnieszka Radwanska auf die Berlinerin. Steffi Graf glaubt jedenfalls an Lisicki. "Sie hat eine gute Chance, ins Endspiel einzuziehen", schreibt die siebenmalige Wimbledon-Siegerin auf "Facebook". Sollte Lisicki tatsächlich gegen Radwanska gewinnen, fehlt nur noch ein Sieg bis zum ersten deutschen Grand-Slam-Titel seit 1999. Damals gewann Steffi Graf die French Open.