• Der Fall Ludger Beerbaum hat die Vorwürfe der Tierquälerei im Reitsport jüngst wieder auf die Agenda gebracht. Es ist nicht das erste Mal, dass die Reiter massiv in der Kritik stehen.
  • Die Deutsche Reiterliche Vereinigung FN arbeitet das Thema auf und betont immer wieder das eigene Einsetzen für das Wohl der Pferde.
  • Der Tierschutz-Organisation PETA geht das nicht weit genug: Sie fordert ein Verbot des kommerziellen Pferdesports.

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Überrascht ist man bei der PETA nicht. Im Gegenteil. Für die Tierschutz-Organisation ist der Fall Ludger Beerbaum nur eine weitere traurige Episode in einer nicht enden wollenden Geschichte der Tierquälerei im Pferdesport.

"Misshandlungen wie das sogenannte Barren, harte Schläge mit der Gerte, zu Tode gehetzte Pferde oder Doping sind aus unserer Sicht untrennbar mit Reitsportveranstaltungen verbunden und ziehen sich seit Jahrzehnten wie ein roter Faden durch den Pferde-Turniersport", sagt Peter Höffken, Fachreferent bei PETA, unserer Redaktion. Deshalb haben die Verantwortlichen bei der PETA auch Strafanzeige gegen Beerbaum und eine weitere, derzeit noch unbekannte Person erstattet. Der Vorwurf: quälerische Tiermisshandlung in Mittäterschaft.

Der Verdacht war aufgekommen, nachdem in der Sendung "RTL extra" heimlich gedrehte Videoaufnahmen angeblich das unerlaubte Barren im Training der Springpferde auf dem Beerbaum-Hof zeigen sollen. Zu sehen ist ein hinter einem Hindernis kniender Mann, der beim Absprung des Pferdes eine Latte in Höhe der Vorderbeine hochreißt.

Tierquälerei im Reitsport: Emotionales und viel diskutiertes Thema

Die Reaktionen der Beteiligten zeigen, wie emotional das ganze Thema Tierschutz ist. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung FN und der Weltverband FEI haben Untersuchungen eingeleitet. "Bereits jetzt, unabhängig von dem gezeigten Beitrag, können wir klar sagen, dass der Gebrauch von Vierkantstangen sowie genopptem oder gestacheltem Stangenmaterial inakzeptabel ist und nicht im Einklang steht mit den Grundsätzen des fairen Pferdesports", sagt FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach.

Beerbaum wiederum hat juristische Schritte angekündigt, da der Beitrag "in vielen Punkten nachweislich falsch, verleumderisch und ehrverletzend" sei. Der 58-Jährige betonte in einem Statement, es handele sich nicht um Barren, sondern um Touchieren. "Beim Touchieren handelt es sich um ein fachgerechtes Sensibilisieren des Pferdes durch gezieltes Berühren der Pferdebeine im Sprungablauf", teilte die FN auf Anfrage mit.
Damit solle das Pferd dazu angeregt werden, seine Aufmerksamkeit und Koordination wieder zu erhöhen, heißt es in der Erklärung: "Dabei dürfen dem Pferd jedoch keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden. Diese Trainingshilfe muss sehr dosiert angewandt werden und ersetzt nicht das eigentliche Training des Springpferdes."

Regelkonform angewendet, ist Touchieren also erlaubt. Zudem beschäftigt sich die im Januar 2021 eingerichtete FN-Kommission weiterhin mit Ausbildungsmethoden im Pferdesport und insbesondere mit dem Thema Touchieren.

Lange Liste an Skandalen im Reitsport

Denn wie selbst Lauterbach einräumt, sind "die Grenzen zwischen dem laut Richtlinien für Reiten und Fahren zulässigen Touchieren und dem gemäß Tierschutz-Leitlinien verbotenen Barren fließend". Die Reiterliche Vereinigung hat daher nun wieder einen (vermeintlichen) Skandal auf dem Tisch, der die Vorwürfe der Tierquälerei im Reitsport erneut auf die Agenda bringt. Denn Skandale ziehen sich tatsächlich wie ein roter Faden durch die Pferdesport-Geschichte. Und damit auch die Dauer-Diskussionen beim Thema Tierschutz.

1990 – Als Deutschland das Barren kennenlernt: Der Fall Beerbaum erinnert an die Anfänge des Barrens, denn auch 1990 waren es veröffentlichte Bilder, die damals Reitsport-Legende Paul Schockemöhle dabei zeigten, wie er mit einer Holzstange gegen die Beine der Pferde schlug.

Das Barren wurde daraufhin nach langem Hin und Her verboten und durch das Touchieren ersetzt, was den Reitsport aber wegen Problemen bei der richtigen Umsetzung und wegen regelmäßiger Verstöße bis heute begleitet.

2008 – Mal wieder Doping: Ein Dopingfall erschütterte den deutschen Reitsport: Christian Ahlmann wurde bei den Olympischen Reitwettbewerben in Hongkong überführt, sein Pferd Cöster mit der verbotenen Salbe mit dem Wirkstoff Capsaicin behandelt zu haben. Er wurde international für acht Monate gesperrt, national für zwei Jahre aus dem Nationalteam ausgeschlossen und aus den Olympia-Ergebnislisten entfernt, die deutsche Equipe wurde zudem auf Platz neun statt auf Rang fünf gewertet.

Viel schwerer wog jedoch die Krise, in die die Reiterei dadurch gestürzt wurde, denn Ahlmann war kein Einzelfall, sondern im Grunde nur die Spitze des Eisbergs. Im feinen Reitsport wurde ein Dopingsumpf offengelegt.

Doping-Geständnis: Beerbaum sorgt für Beben im Reitsport

2009 – Heftiges Doping-Geständnis: Ludger Beerbaum gab bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) offen und unumwunden zu: "In der Vergangenheit hatte ich die Haltung: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird." Und: "Im Laufe der Jahre habe ich mich darin eingerichtet, auszuschöpfen, was geht." Er betonte zwar, dass das "heute nicht mehr aufrechtzuerhalten" sei, doch der Reitsport kam dadurch weiterhin nicht zur Ruhe. Dass die Dunkelziffer wohl hoch war, blieb offen, war aber wahrscheinlich.

Der brisante Hintergrund: Bei Beerbaums Pferd "Goldfever" waren bei Olympia 2004 Spuren von Betamethason gefunden worden. Offiziell kein Doping, aber eine verbotene Medikation. Die Goldmedaille musste die deutsche Springreiter-Mannschaft zurückgeben.

2013 – Auch die Dressurkönigin steht im Fokus: Isabell Werth wurde von der FN zunächst für sechs Monate gesperrt, weil die positive Medikationskontrolle bei ihrem Pferd "El Santo" auf eine "fahrlässige Sorgfaltspflichtverletzung" im Stall der Reiterin zurückzuführen sei. Das Pferd wurde 2012 positiv auf die im Wettkampf verbotene Substanz Cometidin getestet. Werth legte Berufung ein, und 2014 wurde das Verfahren vom Großen Schiedsgericht der FN eingestellt, weil der Verstoß als leicht beurteilt wurde.

Wie bei Beerbaum brisant: Werth galt damals als Wiederholungstäterin, 2009 wurde sie wegen Dopings für sechs Monate gesperrt. Ihr Pferd "Whisper" war positiv auf ein Psychopharmakon getestet worden.

Auch Dressur-Wunderpferd Totilas ist in den Schlagzeilen

2013 – Totilas sorgt für Schlagzeilen: Das Dressur-Wunderpferd, für das Paul Schockemöhle und Ann-Kathrin Linsenhoff zehn Millionen Euro zahlten, sorgte auch für Negativ-Schlagzeilen. Denn mit Totilas wurde der Begriff "Rollkur" berühmt, als der Niederländer Sjef Janssen sein Trainer wurde. Er war ein Verfechter der umstrittenen Rollkur-Trainingsmethode, bei der der Hals des Pferdes stark gedehnt, das Pferdemaul in Richtung Brust gezogen wird.

Eigentlich gibt es beim Thema Rollkur keine zwei Meinungen. "Die Überbeugung des Genicks oder des Halses als Folge des Reitens oder Longierens mit sehr enger und/oder in Richtung Vorderbrusteingerollter Kopf-Hals-Position des Pferdes ist laut Tierschutz-Leitlinien verboten", betont die FN, die dazu 2014 einen Kriterienkatalog erstellt hat. Dabei wird insbesondere die gezielt durch reiterliche Einwirkung erzeugte fortlaufend extrem tiefe Kopfposition in Verbindung mit enger Kopf-Hals-Haltung als nicht pferdegerecht definiert. Doch auch hier sind Kontrollen schwierig, die Grenzen fließend.

2017 – Peitschenschläge im Galopprennsport: Auch die Galopper hatten ihren großen Skandal, der die Szene spaltete. Beim Derby 2016 wurden bei Siegerhengst Isfahan und beim Zweitplatzierten Savoir Vivre eine unerlaubt hohe Zahl von Peitschenhieben eingesetzt. Fünf sind laut Rennordnung erlaubt – bei korrektem Einsatz sollen sie als Hilfsmittel zur Aufforderung des Pferdes und auch zur Korrektur eingesetzt werden, die Vorgaben sind dabei klar definiert, die Verstöße trotzdem zahlreich.

Das Derby hatte Folgen: Der Besitzer des Drittplatzierten klagte, am Ende wurden aber lediglich die Jockeys mit empfindlichen Strafen belegt. Zu einer Disqualifikation der Pferde kam es nicht, da das Renngericht des Galopprennsports ein Revisionsurteil des Oberen Renngerichtes als "Nicht-Urteil ohne Bindungswirkung" ignorierte.

Olympia-Skandal im Modernen Fünfkampf

2021 - Der Moderne Fünfkampf am Scheideweg: Die Bilder von Olympia in Tokio gingen um die Welt und sorgten für Entsetzen. Annika Schleu sah beim Modernen Fünfkampf ihre Gold-Chancen davonschwimmen und malträtierte das völlig verängstigte Pferd "Saint Boy" mit Gerte und Sporen. Auch die Worte von Trainerin Kim Raisner ("Hau richtig drauf") und ein Faustschlag heizten die Diskussionen um Tierquälerei zusätzlich an.

Annika Schleu auf dem Pferd Saint Boy
Dieses Bild ging um die Welt: Annika Schleu auf dem Pferd Saint Boy, das verweigerte und die Fünfkämpferin die Goldmedaille kostete.

Eine Folge des Skandals: Nach 2024 findet der Moderne Fünfkampf ohne die Disziplin Reiten statt. Schleu und Raisner kamen hingegen glimpflich davon: Die Reiterin wurde vom Weltverband der Fünfkämpfer freigesprochen, die Trainerin soll ein Trainingsseminar zum richtigen Umgang mit Pferden absolvieren, erst bei einer Wiederholung könnte sie ihre Lizenz verlieren.

Eine berechtigte Frage nach den Vorkommnissen: Wieso werden Gerten, Sporen und scharfe Kandaren beim Turniersport überhaupt zugelassen? Sie gehören zu den Ausrüstungsgegenständen und Hilfsmitteln, mit denen der Reiter auf das Pferd einwirke, erklärt die FN: "Regelgerecht angewendet dienen sie der Unterstützung der Reiterhilfen und nicht etwa zur Bestrafung des Pferdes."

Das ist das oft genutzte und problematische Wort: regelgerecht. Oder regelkonform. Denn offenbar werden immer wieder Grauzonen gesucht, Grenzen überschritten. "Erlaubt ist, was nicht gefunden wird" – der Satz Beerbaums hallt immer noch nach, lässt die Frage aufkommen, wie viele Reiter auch heute noch so denken und handeln.

Reiterliche Vereinigung: Man muss sich um Wohl des Pferdes bemühen

Die Reiterliche Vereinigung bekennt sich dazu, "Pferde zu halten und zu reiten – und sie nicht irgendwann nur noch im Zoo zu bewundern. Wir sind auch der Überzeugung, dass sich im Spitzensport in besonderem Maße um das Wohl des Pferdes bemüht wird", sagt Lauterbach.

Die Anforderungen im nationalen und internationalen Turniersport würden laufend überarbeitet, betonte der FN-Generalsekretär: "Generell gilt, dass eine fachgerechte Ausbildung von Menschen und Pferden die beste Grundlage für Unfallverhütung und das Wohl des Pferdes ist. Mit unserem Ausbildungssystem sorgen wir dafür, dass Menschen die Fähigkeiten und Kompetenzen für einen sicheren Umgang mit dem Pferd sowie im Reiten, Fahren und Voltigieren erlangen." Dazu sei das Regelwerk auf das Wohl des Pferdes ausgelegt, sagt Lauterbach.

Den Tierschützern reicht das nicht. "Nach unserer Meinung steht bei der FN nicht das Wohl der Tiere an erster Stelle", kritisiert Höffken. "Die verbandsinternen Maßnahmen und Regeln empfinden wir als bei weitem nicht ausreichend. Gesetzliche Vorgaben gibt es kaum."

PETA fordert Abschaffung des kommerziellen Reitsports

Die Gründe, warum der Reitsport seit Jahren ein Problem mit Tierquälerei hat, liegen für die PETA auf der Hand. "Die Gier nach Prestige und nach Profit kommen bei Pferdesport-Wettbewerben zusammen – leider steht dann nach unserer Beobachtung das Wohl der Tiere regelmäßig ganz hinten an", betont Höffken.

Die PETA fordert seit Jahren ein Verbot des kommerziellen Pferdesports, "aber bis es zu gesetzlichen Änderungen kommt, vergeht gerade im Tierschutz leider oft viel Zeit", sagt Höffken. Deshalb soll die breite Öffentlichkeit auf die Tierquälereien im Turniersport aufmerksam gemacht werden, um den Druck auf die Politik zu erhöhen. Höffkens Ansage: "Wir kämpfen unablässig dafür, dass der Gesetzgeber die notwendigen Schritte auf den Weg bringt."

Bei allem Verständnis für den Kampf zum Schutz der Tiere: Natürlich muss man differenzieren, ab wann das Wohl der Pferde tatsächlich gefährdet ist und ob ein generelles Verbot nicht über das Ziel hinausschießt. Doch wenn Emotionen im Spiel sind, geht es schnell hoch her. Bei der FN weiß man, dass Verstöße im Grunde nicht zu verhindern sind.

"Leider gibt es immer wieder Menschen, die sich nicht an unsere Regeln halten und damit unseren gesamten Sport in Verruf bringen. Dass es bei rund 3.500 Turnieren und mehr als einer Million Starts im Jahr auch Fälle gibt, die nicht geahndet werden, ist kaum zu verhindern", sagt Lauterbach.

Doch er verspricht: "Dort, wo Grenzen überschritten werden, gehen wir mit all unseren Möglichkeiten dagegen vor und sanktionieren Fehlverhalten. Natürlich muss unser Bestreben sein, in der Umsetzung stetig besser zu werden." Damit die Liste der Skandale nicht noch länger wird.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Peter Höffken, Fachreferent bei PETA
  • Pferd-aktuell.de: Stellungnahme der FN zum RTL-Beitrag vom 11. Januar 2022
  • Tagesspiegel: Springreiter Ludger Beerbaum gesteht unerlaubte Praktiken
  • Süddeutsche Zeitung: Tierquälerei im Pferdesport: "Ich würde den erschießen"
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Saint Boy will nicht, und das war dem Kampfgericht im Modernen Fünfkampf bekannt. Trotzdem muss Gold-Kandidatin Annika Schleu das Pferd im Springreit-Parcours besteigen - und scheitert. Dramatische Bilder der Verzweiflung und Enttäuschung gehen um die Welt. (Teaserbild: AFP/Pedro Pardo) © Eurosport