(ag/ae) - Tiefe Trauer, andauernde Fassungslosigkeit und viele offene Fragen nach dem plötzlichen Tod von Claudia Heill: Warum nahm sich die 29-jährige Judoka, die als lebensfroh galt und voller Visionen steckte, das Leben? "Man wird nun Fakten sammeln, um ihre Handlung vielleicht verstehen zu können", erklärt Hans Paul Kutschera, Präsident des Österreichischen Judoverbandes, im Interview mit der "SportWoche".

Heill wurde am Donnerstag in den frühen Morgenstunden tot aufgefunden. Die Sportlerin hatte sich aus ihrem Fenster im sechsten Stock eines Wohnhauses in Wien-Landstraße gestürzt. Warum wollte sie ihrem Leben ein Ende setzen? War es womöglich ein Hilfeschrei? Dass Heill keinen Abschiedsbrief hinterließ, erschwert es, ihren plötzlichen Tod zu verstehen und die Suizid-Theorie zu glauben. Die Polizei bleibt allerdings dabei, von Selbstmord auszugehen.

Für die Trauernden bleibt der Abschied ein Rätsel. Zielstrebig wie während ihrer erfolgreichen Karriere - Höhepunkt war das Olympiasilber 2004 in Athen - verfolgte sie auch in jüngster Zeit ihre Pläne. Heill beendete ihre Trainerfunktion, um sich ganz auf ihr Fachhochschulstudium konzentrieren zu können. Laut Kutschera wollte sie diesen Abschnitt beenden, bevor sie die Marketingbelange im Verband übernehmen sollte. Österreichs Judosport habe "einen schweren Verlust erlitten, der Tod von Claudia reißt eine große Lücke auf. Wir werden Claudia stets in bester Erinnerung haben".

"Wir waren noch am Abend davor zusammen"

Auch für ihren langjährigen Trainer Hubert Rohrauer passt der Selbstmord nicht in das Bild, dass er von der 29-Jährigen hatte: "Wir waren noch am Abend davor zusammen, niemand konnte die Kurzschlusshandlung von Claudia erahnen. Sie war eine Perfektionistin, hatte einen starken Willen." Als "lebensfrohen, freundlichen Mensch" und als "Vorbild für die Jugend" wird sie in Judo-Kreisen beschrieben. Österreichs Ex-Sportministerin Susanne Riess-Passer, die gut bekannt war mit der verstorbenen Wienerin, hatte sie zuletzt am Montag gesehen: "Sie war fröhlich wie immer. Ich verstehe das nicht."

Claudia sei nach ihrer sportlichen Karriere ein wenig sprunghaft gewesen, sagt Kutschera, leicht zu begeistern und im nächsten Moment recht demotiviert. Er habe das aber auf ihre "jugendliche Dynamik" zurückgeführt. Unter Judo-Sportlern spekuliert man nun, ob ein Beziehungsdrama der Auslöser für die unerwartete Tat gewesen sein könnte. "Claudia war immer sehr impulsiv, das war Teil ihrer Persönlichkeit", meinte Olympia-Goldmedaillengewinner Peter Seisenbacher, derzeit Nationaltrainer in Georgien, gegenüber "oe24.at". "So tragisch es klingt: Es ist denkbar, dass sie im Leben so gehandelt hat wie im Judo auf der Matte."