Kein Tempo, keine Präzision – Arthur Abraham fand bei dem WM-Kampf gegen Chris Eubank Jr. nie zu seinem Konzept. Möglicherweise neigt sich eine große Karriere nun dem Ende zu.

Herr Abraham ist wie ein Panzer – steif und unbeweglich! Dieser Satz stammt von Chris Eubank, dem Vater des Abraham-Kontrahenten Chris Eubank Junior. Die zwölf Runden, die sich in der vergangenen Nacht in London abspielten, gaben dieser These leider recht.

Der 37-jährige Abraham war mit seinem zehn Jahre jüngeren Gegner komplett überfordert. Obwohl Trainer Ulli Wegner von einer gelungenen Vorbereitung sprach und Abraham einen entschlossenen Eindruck machte, fand er nie richtig zu seinem Kampf. Die Punktrichter stimmten einstimmig für Eubank. Einer wertete den Kampf sogar mit 120:108. Das heißt: Abraham hat keine einzige Runde gewonnen.

Chris Eubank war zu schnell

Der Ex-Weltmeister verbrachte fast den gesamten Kampf damit, auf eine günstige Gelegenheit zu warten, um seinen starken rechten Schlag unterzubringen – dem sogenannten „Abrahammer“. Doch Eubank war einfach zu schnell. Selbst wenn der Brite seine großkotzigen Showeinlagen im Ring zelebrierte, konnte Abraham kaum Schläge unterbringen.

„Arthur, jetzt hol ihn Dir“, rief Trainer Wegner in der letzten Runde, als nur noch ein KO zum Sieg geführt hätte. Doch die erfolgreiche Titelverteidigung von Eubank geriet nie in Gefahr. Schlimmer noch: In der Ringecke des Titelträgers wurde Abraham nicht mehr ernst genommen. „Du kannst mit ihm spielen“, sagte Chris Eubank seinem Sohnemann.

Bittere Niederlage für Wladimir Klitschko: Der 41-Jährige hat den Mega-Fight gegen IBF-Champion Anthony Joshua verloren. In Runde 11 bricht der Ringrichter das Match ab - technischer K. o.


„Arthur hatte keine Chance. Eubank war einfach zu schnell für ihn“, sagte ran-Experte Axel Schulz. „Arthur kommt mit Leuten, die schnell sind und auch noch boxen können, einfach nicht klar.“ Das Problem ist nur: Das trifft mittlerweile auf so ziemlich alle Boxer zu, die im Supermittelgewicht zur Weltspitze zählen.

Ist Abrahams Karriere vorbei?

Arthur Abraham hat im Boxen so ziemlich alles erreicht: Er wurde drei Mal Weltmeister, hat Millionen Menschen vor den Fernseher gelockt und viel Geld verdient. Doch nach diesem Kampf stellt sich die Frage, ob die Karriere von Abraham beendet ist.

Bereits im April 2016, als er seinen WM-Titel gegen den Mexikaner Gilberto Ramirez verlor und sich dabei erschreckend schwach präsentierte, wurde über sein Karriereende spekuliert. Das dürfte sich nun fortsetzen.

„Das ist eine schwierige Entscheidung, weil ein Karriereende mit 37 Jahren endgültig ist“, sagt der ran-Experte Schulz. „Arthur muss sehen, ob er noch einmal den Biss hat, gegen jüngere Leute zu boxen. Es ist nicht einfach, wenn er bald als Aufbaugegner geholt wird.“

Vielleicht bestreitet Abraham in Deutschland lediglich noch einen Abschiedskampf. Diese Option ließ er im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt durchblicken: „Meinen letzten Kampf werde ich ankündigen, damit sich meine Fans ordentlich von mir verabschieden können“, sagte er.

Die großen Namen verabschieden sich

Ein baldiger Rücktritt würde das deutsche Boxen schwer treffen. Dem Sport gehen ohnehin schon die Stars aus. „Die großen Namen sind weniger geworden“, weiß Abraham. „Der Boxsport braucht Männer, die nicht nur gut kämpfen, sondern auch die Massen mitnehmen.“ Aktuell sind keine in Sicht. Tyron Zeuge, der momentan einzige deutsche Boxweltmeister, ist hauptsächlich Insidern ein Begriff.

Es sind noch immer die bekannten Namen wie Wladimir Klitschko, Arthur Abraham und Felix Sturm, die ein großes Publikum anlocken. Oder vielleicht sollte man besser sagen: angelockt haben. Klitschko wird maximal noch einen Kampf bestreiten. Sturm hat seit seinem Dopingvergehen nicht mehr geboxt. Ein Rücktritt von Abraham könnte den Sport endgültig in die Krise stürzen.

Möglicherweise aber könnte Abraham dabei helfen, die Lücke schon bald mit neuen Stars zu schließen. Der Box-Star träumt von einer Zukunft als Promoter: „Sportler entdecken, sie weiterentwickeln und zu Weltmeister machen – das würde mir viel Freude bereiten.“

Allzu viel Zeit sollte er sich dabei nicht lassen. Ohne neue Stars droht dem Boxsport ein Nischendasein.

Der Kampf ist weiterhin im Pay-Per-View bei ran fighting zu sehen.


Teaserbild: © imago/Action Plus