In Deutschland ist man immer schnell dabei, vermeintlich leichte Gegner als "Fußballzwerge" zu betiteln. Das klingt dann so nett harmlos, hat aber zur Folge, dass bei knappen Siegen schon mal der mediale Haussegen schiefhängen kann. Kasachstan als Fußballzwerg zu bezeichnen, ist nicht allein aufgrund der schieren geographischen Größe des Landes problematisch. Der Terminus "Fußballklon" passt viel besser auf den Gruppengegner der deutschen Nationalmannschaft in der Qualifikation zur WM 2014 (ab 19:00 Uhr LIVE bei uns im Ticker und auf ZDF).

Gottseidank hat Jürgen Klopp nicht die Jugendarbeit in Deutschland etabliert, er hätte Kasachstan schon längst des Plagiats beschuldigt. Denn der kasachische Verband gibt ganz offen zu, den eigenen Fußball durch ein von Deutschland inspiriertes Jugendkonzept voranbringen zu wollen. Ein Zehn-Jahres-Plan soll unter anderem die Teilnahme an der EM 2016 ermöglichen. Und noch viel mehr. Derzeit arbeitet man in Kasachstan aber daran, ganz wie in Deutschland, in jedem Verein ein Jugendzentrum zu etablieren. Dort sollen Jungen bereits im Alter von zehn Jahren zur goldenen Generation des kasachischen Fußballs ausgebildet werden.

Heinrich Schmidtgal, der bei Greuther Fürth spielt und seit 2010 für die kasachische Nationalmannschaft aufläuft, begrüßt diese Entwicklung. "In Deutschland ist das ja für jeden Klub ganz normal", sagt er der ukrainischen Zeitung "KyivPost". "Hier ist man ein paar Jahre hinterher, aber immerhin wird jetzt etwas gemacht." Schmidtgal ist, wie sein Nationalmannschaftskollege Konstantin Engel von Energie Cottbus, in Kasachstan geboren, hat jedoch den Großteil seines Lebens in Deutschland verbracht. Das ist keine unübliche Biographie. Denn in Kasachstan leben noch heute rund 160.000 Deutsche, die während des zweiten Weltkriegs vom westlichen Teil der UdSSR nach Kasachstan deportiert wurden. Bernd Storck, damals Nationaltrainer der Kasachen, hatte Schmidtgal ausfindig gemacht, ihn überzeugt für Kasachstans Nationalelf aufzulaufen.

Es tut sich was in Kasachstan

Auch wenn die Jugendarbeit noch in den Kinderschuhen steckt, hat sich doch einiges getan im kasachischen Fußball. Zwar klingt Platz 139 in Weltrangliste nicht besonders glamourös, ein leichter Gegner ist Kasachstan deshalb noch lange nicht. Das musste Deutschlands Nachbar Österreich bitter erfahren, für die es gegen die Kasachen im Hinspiel der WM-Qualifikation nur zu einem 0:0 gereicht hatte. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich Schmidtgal sogar traut, eine klitzekleine Warnung an Gegner Deutschland in den "Subtext" folgender Aussage einzubauen: "Ich denke, dass sich unsere Mannschaft weiterentwickelt hat. Wir haben einen Sprung nach vorne gemacht."

Mit anderen Fußballzwergen wie Andorra, San Marino und die Färöer will sich Kasachstan auf keinen Fall in einen Topf werfen lassen. Und deshalb ist das Land auf den deutschen Bundestrainer Joachim Löw derzeit nicht besonders gut zu sprechen. Denn Löws Vorschlag, eine "Fußballzwerg-Vorqualifikation" ausspielen zu lassen, kam beim Quali-Gegner der Deutschen als persönliche Beleidigung an. Löw ruderte ganz schnell zurück. "Kasachstan habe ich doch auf keinen Fall gemeint. Das ist schließlich das neuntgrößte Land der Welt", sagte der Bundestrainer bei der Pressekonferenz vor etwas angesäuerten kasachischen Medienvertretern. Es scheint, dass sich auch das Selbstbewusstsein der Kasachen immer mehr am mitteleuropäischen Fußball orientiert.

Da liegt es nahe, dass sich auch die Fans von den westlichen Vorbildern inspirieren lassen. Vor allem wenn große Teams wie Deutschland nach Kasachstan kommen, sind die Menschen besonders stolz, weiß der Cottbuser Konstantin Engel. "Die Fans freuen sich auf die Stars, die sie nur aus dem Fernsehen kennen", sagt er der "Märkischen Allgemeinen". Auch Fangesänge und Choreographien werden langsam im kasachischen Fußball etabliert. Die Zuschauerzahlen passen leider noch nicht dazu. Durchschnittlich besuchen rund 2.500 Menschen die Spiele der Premjer-Liga.

Auf einer Stufe mit Eishockey

Der Stellenwert des Fußballs in Kasachstan wächst zwar, er ist jedoch noch lange nicht so groß wie in Deutschland, weiß Schmidtgal, der beide Seiten kennt. "Fußball liegt mit Boxen, Ringen und Eishockey ungefähr auf einer Ebene, vielleicht ein bisschen drüber", sagt er dem Magazin "11Freunde". Doch so fleißig, wie der kasachische Verband daran arbeitet, den Fußball im eigenen Land nach vorne zu bringen, dauert es wohl nicht mehr allzu lange, bis auch dieses Land dem Fußballfieber ganz erliegt.

Für das WM-Qualifikationsspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft formuliert Schmidtgal bei "11Freunde" das Ziel dennoch relativ zurückhaltend: "Wir wollen für unsere Verhältnisse ein gutes, ein vernünftiges Spiel machen."