Vorne zaubern, hinten stemmen: Die Kaderentscheidungen von Jogi Löw verraten, wie die deutsche Nationalmannschaft bei der WM spielen wird. Der Bundestrainer träumt schon lange von einer neuen Taktik. Mit seinem Aufgebot nimmt Tüftler Löw seine Vision in Angriff.

Der erste Schritt in Richtung Weltmeisterschaft 2014 ist getan. Mit der Bekanntgabe des vorläufigen Kaders für das Turnier in Brasilien hat Bundestrainer Joachim Löw am Donnerstag einen ersten greifbaren Rahmen gesteckt und einen großen Teil der zuletzt wuchernden Spekulationen beendet.

Nur zwei "echte Stürmer": Was bedeutet die Nominierung von Miroslav Klose für die Taktik bei der WM?

Der deutsche WM-Kader ist prall gefüllt mit Offensiv-Kräften. Doch mit Miroslav Klose und Kevin Volland tragen lediglich zwei Fußballer des Aufgebots die Berufsbezeichnung "Stürmer". Zudem ist es gut möglich, dass Joachim Löw nur den nimmermüden Klose mit nach Brasilien nimmt. Der fast 36-Jährige punktet vor allem durch seine Erfahrung - immerhin ist er der einzige aktuelle Nationalspieler, der schon ein WM-Finale erlebt hat.

Doch der Zahn der Zeit nagt mittlerweile auch an Kloses Knochen. Sollte sich der Angreifer von Lazio Rom in den nächsten Wochen verletzen, kann Löw auf keinen anderen nominellen Torjäger zurückgreifen. Das stört ihn aber vermutlich nicht, denn der Bundestrainer will schon lange ohne Stoßspitze vor dem Tor und lediglich mit einem "falschen Neuner" spielen. Nach seiner Überzeugung sollen Tore aus dem Spiel heraus fallen und nicht aus Standardsituationen. Eine Auffassung des Fußballspiels also, wie sie auch Pep Guardiola beim FC Bayern München vertritt.

Allerdings ist die Spielweise nicht unumstritten. Ähnliche Versuche waren bei der Nationalmannschaft bisher nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Hohe Bälle können oft nicht verwertet werden, da Mario Götze oder Andre Schürrle nicht gerade für ihre Kopfballstärke berühmt sind. Selbst Guardiola, der am liebsten elf Mittelfeldspieler auf den Rasen schicken würde, hat bei den Bayern inzwischen die Vorzüge von Angreifern wie Mario Mandzukic oder Claudio Pizarro schätzen gelernt.

Warum ist Sami Khedira dem Bundestrainer so wichtig?

Sami Khedira ist das Gegenteil der schmalen, leichtfüßigen Zauberfußballer wie Mesut Özil oder Marco Reus aus dem Mittelfeld. Doch gerade das macht ihn so unverzichtbar für Löw. Als Führungsspieler ist Khedira ein Platz im WM-Kader sicher, auch wenn ihm nach seinem Kreuzbandriss Spielpraxis fehlt. Seine Qualitäten als Abräumer und seine gute Spielübersicht machen den 27-Jährigen so wertvoll. "Er ist nicht am Leistungslimit, aber wir sind überzeugt, ihn dahinzubringen", sagt der Bundescoach. Durch den Ausfall von Ilkay Gündogan hat Löw zudem kaum Wahlmöglichkeiten auf der wichtigen Position des Sechsers.

Seine harte Arbeit in der Reha dürfte sich für den Spieler von Real Madrid bezahlt machen. Sogar ein Einsatz im Champions-League-Finale gegen Atletico Madrid ist noch drin. Sollte er zum Start des Turniers in Brasilien fit sein, dürfte Philipp Lahm bei der WM auf seiner alten Position als Rechtsverteidiger rücken, wo der Kapitän kaum ersetzbar ist.

Warum fiel bei den Torhütern die Entscheidung gegen René Adler?

Bei Weltmeisterschaften ist Adler ein Pechvogel. Schon 2010 verpasste der Keeper das Turnier in Südafrika wegen einer Verletzung. Jetzt sind es Formschwächen in einer HSV-Saison voller Rückschläge, die Adler um seine WM-Chance brachten. Löw wollte neben Manuel Neuer, "unserer klaren Nummer 1", einen erfahrenen und einen jungen Schlussmann haben. Adler hatte damit gegen den gerade auch in der Champions League stark haltenden Dortmunder Roman Weidenfeller keine Chance. Hannovers Ron-Robert Zieler (25) bescheinigte er eine konstante Saison.

Welche WM-Chancen haben die sechs Länderspiel-Debütanten?

Die Schalker Nachwuchsstars Max Meyer und Leon Goretzka sowie André Hahn (FC Augsburg) und Shkodran Mustafi (Sampdoria Genua) dürfen sich im Länderspiel gegen Polen für eine Mitnahme ins Trainingslager empfehlen. Der junge Erik Durm ist auf der Problemposition hinten links der Druckmacher für seinen BVB-Kollegen Marcel Schmelzer und den nicht topfitten HSV-Routinier Marcell Jansen.

Hoffenheims Kevin Volland bekam von Löw einen "großen Schritt nach vorn" bescheinigt. Der Hoffenheimer erhielt nach einer guten Bundesliga-Saison mit zehn Toren und neun Torvorlagen im Angriff als Alternative zu Veteran Klose den Vorzug gegenüber dem Gladbacher Max Kruse.

Wie geht es nach der Nominierung weiter?

Am Dienstag findet gegen Polen das erste von noch drei Länderspielen vor dem WM-Turnier statt. Nur zehn Akteure aus dem noch 30-köpfigen WM-Kader sind in Hamburg dabei, da etliche Fixgrößen für Brasilien wie die Pokalfinalisten von Bayern München und Borussia Dortmund fehlen werden.

"Dennoch müssen wir nicht den nationalen Notstand ausrufen", mahnte Löw. Zwölf Neulinge stehen im 18-Mann-Aufgebot für die Polen-Partie, "Gesichter der Zukunft", wie Löw sie im Marketingsprech titulierte. Erst nach dem Testspiel will er entscheiden, welche 25 oder 26 Akteure er mit ins Trainingslager (21. bis 31. Mai) nach Südtirol nimmt. Ein Casting-Match also. (com/dpa)