Die Vorrunde der WM 2014 in Brasilien ist beendet, die K.o.-Phase steht vor der Tür. Im Achtelfinale trifft Deutschland in Porto Alegre am Montag auf Algerien (um 22:00 Uhr live im ZDF und bei uns im Ticker). Eine gute Gelegenheit, um zurückzublicken. Welche Befürchtungen, die wir vor dem Turnier um die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw hatten, haben sich bewahrheitet? Welche Baustellen sind schon gelöst?

1. Befürchtung: Wir haben nicht genug Stürmer dabei

Die Sorge war groß, das Unverständnis noch größer. Mit Miroslav Klose nahm Joachim Löw nur einen einzigen echten Stürmer mit zur WM nach Brasilien. Mario Gomez, Kevin Volland, Pierre-Michel Lasogga oder Stefan Kießling - keiner war dem Bundestrainer gut genug. Die "falsche Neun" wurde zum allgegenwärtigen Stichwort. Mario Götze, Thomas Müller, Mesut Özil - sie sollten auf einmal für die deutschen Tore sorgen.

Und das hat eindrucksvoll funktioniert. Thomas Müller setzt seinen WM-Lauf ungebrochen fort. Nach der Torjägerkrone beim Turnier in Südafrika 2010 mit fünf Toren stehen dieses Mal nach der Vorrunde schon vier Tore auf dem Konto des Oberbayers. Miroslav Klose glänzte gegen Ghana als treffsicherer Edeljoker, nachdem Mario Götze die DFB-Elf in Führung gebracht hatte. Und zur Not köpft Abwehrspieler Mats Hummels einen Eckstoß in die Maschen, wie gegen Portugal.

Fazit: Alles ok, das Problem ist erledigt.

2. Befürchtung: Neuers Schulter hält nicht

Kurz vor Beginn der WM ereilte eine Schreckensnachricht die deutschen Fans: Manuel Neuer, Welttorhüter 2013 und sicherer Rückhalt der Nationalmannschaft, war an der Schulter verletzt - WM-Einsatz in Gefahr! Zwar standen mit Roman Weidenfeller und Ron-Robert Zieler zwei gute Keeper als Ersatz bereit, aber eben keine Welttorhüter. Alleine seine fußballerischen Fähigkeiten im schnellen Spielaufbau machen Manuel Neuer unverzichtbar für die Löw-Elf.

Und nun? Keine Rede mehr von der maladen Schulter des Wahl-Münchners. Neuer fliegt und hechtet durch den Strafraum, als wäre nie etwas gewesen. Zwar konnten weder die Portugiesen, noch Ghana oder die USA den Torhüter wirklich prüfen - bei den ghanaischen Treffern war Neuer machtlos - , aber in der K.o.-Phase wird die deutsche Hintermannschaft mit Sicherheit noch einiges zu tun bekommen. Da ist es doch sehr beruhigend, dass der Keeper topfit ist.

Fazit: Alles ok, das Problem ist erledigt.

3. Befürchtung: Die Außenverteidiger fehlen im Kader

Ein traditionelles Problem der deutschen Nationalmannschaft beschäftigte auch vor dieser WM die Fans und Medien: der Mangel an qualitativ hochwertigen Außenverteidigern. Bis auf Philipp Lahm herrscht in Sachen Flügelabwehr seit Jahren in Deutschland Ebbe. Nach der Ausbootung der Linksfüße Marcell Jansen und Marcel Schmelzer stehen mit Youngster Erik Durm, seinem Dortmunder Mannschaftskollegen Kevin Großkreutz und Lahm gerade mal drei etatmäßige Außenverteidiger im Kader. Nachdem Philipp Lahm zu allem Überfluss auch noch ins defensive Mittelfeld verfrachtet wurde, ist die Auswahl noch geringer.

Doch Löw machte aus der Not einen Vorteil und bestückte seine Viererkette mit vier hochgewachsenen Innenverteidigern. Jerome Boateng auf der rechten Seite und Benedikt Höwedes auf links enttäuschten ihren Chef bislang nicht - ganz im Gegenteil. Boateng lieferte gegen Portugal und die USA überragende Spiele ab und von der oft kritisierten Angriffsschwäche Höwedes' war ebenfalls wenig zu sehen.

Doch waren die ersten drei Gegner wirkliche Gradmesser für den Erfolg dieser Taktik? Hatte Cristiano Ronaldo möglicherweise nur einen schlechten Tag, als er im Auftaktmatch von Boateng gnadenlos abgekocht wurde? Das wird in den nächsten Spielen interessant werden. Denn eine Versetzung Lahms auf seine alte rechte Seite scheint nicht ausgeschlossen.

Fazit: Das Problem besteht immer noch, bislang aber ohne Auswirkungen.

4. Befürchtung: Kann Lahm Abräumer?

Pep Guardiola, Trainer des FC Bayern München, war der erste, der in seinem Kapitän Philipp Lahm eine neue Qualität entdeckte. Er verschob den möglicherweise besten Rechtsverteidiger der Welt ins defensive Mittelfeld. Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Lahm lieferte eine Weltklasseleistung nach der anderen auf der ungewohnten Position ab. Warum also sollte Löw es seinem spanischen Kollegen nicht gleichtun, vor allem weil seine traditionellen Sechser Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira ein durchwachsenes Jahr voller Verletzungspech hinter sich haben?

Nach drei WM-Spielen zeigt sich allerdings: Lahm wirkt seltsam überfordert als Abräumer vor der Viererkette. Seine einstige Qualität, praktisch nie Fehler zu machen, ist dem DFB-Kapitän abhanden gekommen. Liegt es an zu vielen Spielen in der Saison? Sind die Spielertypen als Mitspieler in München so anders? Gibt es ganz andere Gründe? Hier ergibt sich Jogi Löws größte Baustelle. Vielleicht schlägt noch die Stunde des jungen Christoph Kramer aus Mönchengladbach?

Fazit: Lahm wirkt fahrig, nicht sicher. Löw muss reagieren.

5. Befürchtung: Ist Khedira fit für die WM?

Die Hiobsbotschaft ereilte den DFB am 15. November 2013 in Mailand. Beim Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft gegen Italien reißt sich Sami Khedira das Kreuzband im rechten Knie. Von WM-Aus ist sofort die Rede. Doch der Mittelfeldrenner von Real Madrid kämpft sich zurück und gibt kurz vor der Endrunde in Brasilien grünes Licht. Khedira kann mitfahren.

Doch die ersten Spiele zeigen: Von hundertprozentiger Fitness ist der Ex-Stuttgarter weit entfernt. In Topform reißt er durch seine physische Spielweise sein Team förmlich mit. In Brasilien wirkt es so, als trabe Khedira mit angezogener Handbremse nebenher. Doch Alternativen sind rar im DFB-Kader: Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Christoph Kramer und mit Abstrichen aufgrund seiner Offensivstärke Toni Kroos - mehr gibt die Mannschaftsliste der Deutschen nicht her.

Fazit: Khedira ist nicht in Form, muss aber wohl trotzdem spielen.

6. Befürchtung: Kommt Deutschland mit der Hitze klar?

Denkt man an Brasilien, kommen Bilder von Strand, Sonne, Dschungel und Fußball in den Sinn. Was sich auf den ersten Blick als traumhafte Kombination präsentiert, ist für die Aktiven ein wahrer Albtraum. Bei über 30 Grad im Schatten und saunaähnlicher Luftfeuchtigkeit ist Leistungssport kein Spaß mehr. Der Spielplan in der Vorrunde meinte es ebenfalls nicht gerade gut mit der Mannschaft von Jogi Löw. Nacheinander musste das Team in den tropischen Spielorten Salvador, Fortaleza und Recife antreten.

Aber die deutsche Auswahl lässt sich bislang von den klimatischen Strapazen wenig anmerken. Selbst das physisch enorm anstrengende Match gegen Ghana steckte die Löw-Elf relativ problemlos weg. Und ab sofort spielt Deutschland nur noch in klimatisch gemäßigteren Austragungsorten. Führt der Weg bis ins Finale, stehen Reisen nach Porto Alegre, Rio de Janeiro, Belo Horizonte und nochmal Rio de Janeiro auf dem Programm. Hier ist es zwar überall warm, aber nicht außergewöhnlich heiß und schwül.

Fazit: Problem erledigt.

7. Befürchtung: Die Mannschaft ist nicht in Form

Vor der WM war sich Fußballdeutschland einig. Zwar sind viele Spieler nicht in Topform, aber dank der individuellen Klasse von Akteuren wie Marco Reus, Philipp Lahm, Thomas Müller und Co. ist einiges drin. Dann der Schock: Marco Reus, formstärkster Offensivmann in Jogi Löws Kader muss wegen eines Risses des Syndesmosebands zu Hause bleiben. Zusammen mit den Verletzungssorgen um Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Manuel Neuer und den mäßigen Leistungen von Mario Götze, Miroslav Klose und anderen Leistungsträgern ergab sich plötzlich ein anderes Bild. "Dieses Team wird nicht weit kommen" war der Tenor von Garmisch bis Flensburg.

Und dann kam das Auftaktspiel gegen Portugal. Die hochgehandelten Iberer um ihren Superstar Cristiano Ronaldo sahen gegen eine entfesselt laufende deutsche Offensivmaschine kein Land. Die Lage drehte sich. "Wer soll uns stoppen?" war auf einmal die Frage. Doch die beiden weiteren Partien gegen Ghana und die USA relativierten die Euphorie gleich wieder. Die deutsche Mannschaft weiß also immer noch nicht, wo sie steht.

Fazit: Von Topform ist das Team noch ein Stück entfernt.