Nur noch wenige Wochen bis zur WM: Die deutsche Nationalmannschaft macht sich heute Abend im Testspiel gegen Polen warm für den Fußball-Höhepunkt des Jahres. Doch die Stars fehlen und der DFB-Kader erinnert eher an ein Spiel des U21-Teams. Nur wenige haben überhaupt die Chance auf die WM. Da stellt sich die Frage: Wie sinnvoll ist der Kick?

Die "Gesichter der Zukunft" - so nannte Bundestrainer Joachim Löw marketingtauglich sein Aufgebot für das Test-Länderspiel gegen Polen (20:45 Uhr, ZDF oder bei uns im Liveticker). Tatsächlich haben von den 18 Nominierten ganze sechs jemals für die A-Nationalmannschaft gespielt. Wer sich nur oberflächlich für die Bundesliga interessiert, dem dürften viele Namen wenig sagen.

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Darüber hinaus stehen im Testspiel-Kader lediglich zehn Fußballer, die auch eine Chance auf die WM haben. Und selbst die werden in Brasilien wohl nur zweite Garde sein. Die Juwelen im Team kommen vom FC Bayern München, Borussia Dortmund und internationalen Spitzenklubs, die allesamt wegen noch ausstehender Spiele ihrer Vereine fehlen. Richtungsweisend für die Weltmeisterschaft ist die Partie deswegen kaum.

Spiel ohne Stars

Auch auf der polnischen Seite werden die Stars vermisst: Robert Lewandowski, Jakub Blaszczykowski und Lukasz Piszczek müssen sich beim BVB auf das Pokalfinale am Samstag vorbereiten. Kein Wunder, dass auch die Stadionbesucher wenig Interesse zeigen. Für das Spiel in Hamburg gibt es noch jede Menge Karten. Der DFB erklärt das mit dem Relegationsspiel des Hamburger SV am Donnerstag. Vielen Menschen an der Elbe dürfte das Schicksal des HSV mehr am Herzen liegen als ein fast bedeutungsloser Kick zweier B-Elfs.

Doch bevor Sie jetzt schon andere Pläne für den Abend schmieden: Es gibt auch gute Gründe, warum das drittletzte Länderspiel vor der Weltmeisterschaft das Einschalten wert ist.

Wer schaut an Weihnachten nicht gern in glänzende Kinderaugen, wenn die kleinen Goldstücke das lang ersehnte Geschenk auspacken? Einen ähnlichen Ausdruck im Gesicht dürften die Debütanten an diesem Maiabend zeigen, die ihren Klein-Jungen-Traum erfüllen und für die Nationalmannschaft spielen dürfen. Vielen Fans ist noch der bis über beide Ohren strahlende Roman Weidenfeller bei seinem ersten Auftritt im DFB-Trikot im November in Erinnerung. Jogi Löw darf einmal mehr Weihnachtsmann spielen.

Chance für die jungen Wilden

Für manche jungen Nationalspieler könnte sogar noch mehr rausspringen, wenn sie im Volksparkstadion überzeugen. Am Mittwoch will der Bundestrainer die 25 oder 26 Spieler bekannt geben, die mit ins Trainingslager nach Südtirol reisen dürfen. Sie können dann weiterhin um ein WM-Ticket kämpfen.

Die besten Aussichten dürfte Kevin Volland haben. Sein größter Trumpf ist seine Angehörigkeit zu einer scheinbar aussterbenden Spezies, dem Stürmer. Der Hoffenheimer kann nicht nur elf Saisontore und neun Vorlagen vorweisen, sondern ist auch ein robuster und zweikampfstarker Spieler. Eigenschaften, die in der deutschen Offensive eher rar sind. Zudem ist er als Kapitän des U21-Nationalteams schon mit 22 Jahren gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. Sein Premieren-Trikot hat er seiner Mama versprochen. Vielleicht bekommt Mutter Volland bald auch WM-Shirts?

Ein spannender Kampf um die Gunst von Jogi Löw dürfte sich beim Testspiel in den hinteren Reihen abspielen. Gute Karten hat Matthias Ginter. Der Innenverteidiger punktet mit Vielseitigkeit und konstanter Leistung, weswegen auch Borussia Dortmund um den 20-jährigen Freiburger buhlen soll. Sein wohl härtester Konkurrent ist der Schalker Benedikt Höwedes, der nach diversen Verletzungen sein Niveau in der Partie gegen Polen erst wieder bestätigen muss.

Und wer ist eigentlich Shkodran Mustafi?

Der deutschen Öffentlichkeit bisher fast völlig verborgen geblieben ist der in Italien antretende Abwehrspieler Shkodran Mustafi. Am Abend könnte sich endlich das Rätsel lösen, wer dieser junge Bursche von Sampdoria Genua eigentlich ist und was er kann.

Für Leon Goretzka, André Hahn, Julian Draxler und Maximilian Meyer dürfte der Sprung in den endgültigen WM-Kader sehr schwer werden. Schließlich ist das deutsche Mittelfeld mit erfahrenen Weltklasse-Spielern wie Marco Reus, Mesut Özil oder Thomas Müller bereits prunkvoll ausgestattet. Ein guter Auftritt gegen Polen könnte aber Jogi Löw bald wieder zu einem Anruf bei seinen Jungstars bewegen.

Ein Mann kann die Sache ganz entspannt angehen: Ron-Robert Zieler hat seinen WM-Platz schon sicher und muss lediglich zeigen, dass die Nominierung als dritter Torhüter keine Schnapsidee des Trainerstabes war.

Die voraussichtliche Aufstellung:

Ron-Robert Zieler - Benedikt Höwedes, Shkodran Mustafi, Matthias Ginter, Christian Günter - Sebastian Rudy, Leon Goretzka, André Hahn, Julian Draxler, Maximilian Meyer - Kevin Volland