Was für eine verrückte WM! Noch in der Gruppenphase hatten vermeintliche Außenseiter die Favoriten zur Verzweiflung gebracht. Nun stehen die Halbfinals fest (LIVE bei ARD oder ZDF und bei uns im Ticker) und plötzlich sind die Favoriten doch wieder unter sich.

Deutschland gegen Brasilien (Dienstag, 22:00 Uhr)

Es ist eigentlich ein vorgezogenes Finale, wenn am Dienstag Deutschland gegen Gastgeber Brasilien um den Einzug in das Finale kämpft. Auch wenn Brasilien mit dem Ausfall seines Superstars Neymar zu kämpfen hat und Thiago Silva gelbgesperrt fehlt, steckt die Selecao noch lange nicht den Kopf in den Sand.

Sie wollen kämpfen - für Neymar, der sich im Spiel gegen Kolumbien nach einem Foul von Juan Zuniga einen Lendenwirbel gebrochen hatte und für die Fans, für Brasilien. "Wir werden einen Pakt abschließen, um Neymar zu unterstützen, um an seiner Seite zu sein. Und auch um die Stärke dieser Mannschaft auf dem Platz zu zeigen", sagte David Luiz nach der Partie gegen Kolumbien. "Ich bin sehr besorgt. Wir werden für ihn beten, denn der Platz von 'Ney' ist auf dem Rasen."

Obwohl Deutschland gegen die Euphorie und nun auch den Trotz eines ganzes Landes antreten muss, hatte die DFB-Elf wohl nie bessere Chancen, die negative Bilanz gegen Brasilien endlich aufzupolieren. Denn bisher bleibt ein brasilianisches Fußballfeuerwerk aus. Und der einzige kreative Kopf der Selecao, der Mann, der bisher mit vier Toren den Unterschied gemacht hat - Neymar - fehlt. Allerdings hat auch die deutsche Mannschaft nicht mit schönem Fußball von sich reden gemacht. Sieht man von dem Spiel gegen Portugal (4:0) ab, zeichnet die DFB-Elf bei dieser WM vor allem eins aus: ergebnisorientierter Fußball.

Sami Khedira, Mittelfelddynamo der deutschen Mannschaft, bedauert unterdessen den Ausfall von Brasiliens Superstar Neymar: "Für uns und alle Fußballfans ist das eine schlechte Nachricht. Dass er nun nicht gegen uns spielen kann und für den Rest der WM ausfällt, tut mir wahnsinnig leid. Ich hätte gern gegen ihn gespielt", sagte der defensive Mittelfeldspieler in einem Interview der "Welt am Sonntag".

Khedira warnte jedoch davor, den fünfmaligen Weltmeister nach dem Ausfall des Top-Stürmers zu unterschätzen. "Die Brasilianer werden auch ohne Neymar eine super Mannschaft auf den Platz stellen, die uns alles abverlangen wird", sagte er. Man müsse im Halbfinale am Dienstag "die Herausforderung annehmen und gegen eine veränderte brasilianische Mannschaft versuchen, ins Finale einzuziehen".

Bundestrainer Jogi Löw freut sich sehr auf das Spiel gegen Brasilien: "Was gibt es Schöneres, als im Fußball-Traumland gegen Euer starkes Team in einem WM-Halbfinale zu stehen", übermittelte Löw nach dem 2:1-Sieg des Rekordweltmeisters in Fortaleza gegen Kolumbien an die Selecao. "Glückwunsch, Brasilien! Ihr spielt und organisiert eine fantastische WM. Das wird ein großes Spiel in Belo Horizonte."

Dennoch, im Halbfinale müssen sich beide Mannschaften noch deutlich steigern, um den Zuschauern das Niveau zu liefern, das die Partie eigentlich verspricht.

Niederlande gegen Argentinien (Mittwoch, 22:00 Uhr)

Auch hier heißt es: Europa gegen Südamerika. Und auch hier haben sich beide Mannschaften mehr schlecht als recht ins Halbfinale gekämpft. Während Argentinien das frühe 1:0 durch Gonzalo Higuain gegen Belgien über die Zeit retten konnte, mussten die Niederlande gegen Costa Rica sogar ins Elfmeterschießen. Ein kraftraubender Akt, der bei den Temperaturen in Brasilien durchaus den Unterschied machen kann.

Argentinien wird besonders motiviert in dieses Spiel gehen. Immerhin hat die "Albiceleste" lange warten müssen, um wieder ein Halbfinale spielen zu dürfen. Das letzte Mal war das 1990 der Fall. Argentiniens Verband twitterte begeistert: "Zurück im Halbfinale nach 24 Jahren!!!!!" Obwohl Argentinien mit Lionel Messi einen der kreativsten Köpfe des Weltfußballs in seinen Reihen hat, fällt die Mannschaft vor allem durch Minimalismus und unerbittliches Defensivverhalten auf.

Die Niederlande hingegen leben vor allem vom Einfallsreichtum ihres Trainers. Louis van Gaal wechselt seine Systeme nach Belieben - auch gerne mal während des Spiels. Egal, wie der Gegner auftritt. Van Gaal scheint immer noch einen Trumpf im Ärmel zu haben. Und wenn es wirklich hart auf hart kommt - wie im Elfmeterschießen gegen Costa Rica - dann zaubert er eben noch einen neuen Torhüter aus dem Ärmel, der dann prompt zwei Elfmeter hält.

Wer dieses Spiel gewinnen wird, ist fast unmöglich vorherzusagen. Im bisherigen Turnierverlauf haben die Niederlande zwar über weite Strecken den schöneren Fußball gezeigt, doch bei Argentinien dürften noch höhere Kraftreserven vorhanden sein. Immerhin kamen die Südamerikaner um eine Verlängerung herum und sind auch die klimatischen Bedingungen besser gewohnt als ihr Gegner aus Europa.

Es gilt in jedem Fall: Beide Mannschaften haben noch Luft nach oben.