Pünktlich 100 Tage vor der Weltmeisterschaft in Brasilien, zeigt Bundestrainer Joachim Löw den deutschen Fans eine ganze neue Seite von sich: den harten Hund. Er werde Spielern wehtun, sagte Löw und drohte: "Die Uhr tickt." So kannten wir Löw noch nicht, finden den neuen, bösen Bundestrainer aber durchaus nicht verkehrt. Denn wenn uns die Vergangenheit etwas gelehrt hat, dann dass es in der Nationalmannschaft immer ein, zwei Hundlingen gibt die man in ihrer Skandalträchtigkeit dringend zügeln muss.

"Es ist ein Appell an alle, ein Weckruf für manche, dass sie ihr Training, ihren Lebenslauf und ihre Professionalität so nutzen, dass sie die letzten Monate bis zur WM optimal gestalten." Derart scharfe Worte hat Bundestrainer Jogi Löw in den letzten 101 Länderspielen nicht geäußert. Wir sind kurz zusammengezuckt und die Nationalspieler vermutlich auch. Um Mesut Özil, Lukas Podolski und die restliche Truppe, die sich am 16. Juni bei der Weltmeisterschaft in Brasilien gegen Portugal gerne das DFB-Trikot überstreifen würden, zu warnen, haben wir Skandale der jüngeren und älteren Nationalmannschaftsgeschichte gesammelt und mit potenziellen Sanktionen aus dem neuen, (noch) fiktiven Löw'schen Strafenkatalog versehen.

Der Ausbruch aus Malente

Noch 100 Tage bis zur WM in Brasilien. Aber Euphorie? Fehlanzeige.

Hach, die WM 1974. Das waren noch Zeiten. Da waren die Männer noch flegelhaft! Chefflegel der deutschen Nationalmannschaft damals: Sepp Maier und Uli Hoeneß, die sich im Trainingslager in Malente derartig langweilten, dass sie beschlossen, dieses kurzzeitig zu verlassen. Und warum? Der Spielerfrauen wegen. Also lachten sich die bereits leicht angeheiterten Legenden einen Sicherheitsbeamten als Komplizen an und dahin ging die wilde Fahrt ins 100 Kilometer entfernte Hamburg. In den frühen Morgenstunden, so gegen fünf Uhr, kam man schließlich an, becherte noch kurz an der Hotelbar und pünktlich um 10 Uhr standen die beiden völlig übernächtigt auf dem Trainingsplatz. "Meine rechte hat Hand gebrannt, ich hatte dort Blasen. Das kam vom Bremsen mit der Handbremse (die Bremse des Autos hatte den Geist aufgegeben, Anm. d. Red.). Ich konnte nicht mehr richtig zupacken. Helmut Schön (der damalige Bundestrainer, Anm. d. Red.) hat das natürlich gemerkt und gefragt: "Sepp, was hast du?" Ich habe gesagt, dass ich an der Hand leicht verletzt sei. Es musste der Ersatztorhüter ran und ich durfte Pause machen", erzählt die "Katze von Anzing" Jahre später ganz locker der "Zeit".

Jogi Löw wäre da natürlich stutzig geworden. Eine mögliche Strafe, die der neu-harte Bundestrainer für die flüchtige Katze und seinen Komplizen ausgesprochen haben könnte: ein Jahr lang nur noch alkoholfrei und kein bayerisches Bier mehr. Da hätten sich Maier und Hoeneß eine Flucht zweimal überlegt.

Wie aus dem Schluchsee der Schlucksee wurde

Vor der WM 1982 verordnete Bundestrainer Jupp Derwall seinen Mannen eine Kur aus viel Natur und Ruhe. Zu diesem Zweck wurde die ganze Mannschaft in den Hochschwarzwald zum Schluchsee gekarrt. Ein konventionelles Trainingslager war dort jedoch nicht möglich, wie Ralf Friedrich in seinem Buch "Kaiserschmarrn - Die verrücktesten Skandale der Fußballnationalmannschaft" schreibt: "Die Trainingsinhalte wurden auf ungewöhnliche Sportarten ausgeweitet, so wurde etwa auch der Pokersport in die Vorbereitung mit einbezogen." Selbstverständlich gehörten zu diesen inzwischen legendären Partynächten auch das ein oder andere alkoholische Getränk. Und noch schneller, als die Spieler beim Poker Summen um die 30.000 DM verzockten, wurde der Schluchsee in den Schlucksee umbenannt.

Unter Jogi Löw natürlich nicht vorstellbar. Erstens zocken die Spieler heute höchstens noch Playstation und zweitens zittern ab sofort alle vor den Löwschen Sanktionen. Die Strafe für eine durchzechte Pokernacht: kein Nutellabrot zum Frühstück.

Jerome Boateng und das Topmodel

"Das Nacktmodel, der Fußballer und ein geheimnisvoller Mann - Was passierte auf dem Hotel-Zimmer 248?" titelte "bild.de" kurz vor der Europameisterschaft 2012. Was klingt wie die nicht ganz jugendfreie Version einer Drei-Fragezeichen-Kassette war einer der größten Skandale der jüngeren Nationalmannschaftsgeschichte. Abwehrrecke Jerome Boateng hatte die Frechheit besessen, sich nur wenige Tage vor der EM in Polen und der Ukraine mit Gina-Lisa Lohfink, ihres Zeichens Ex-Germanys-Next-Topmodel-Kandidatin, auf einem Hotelzimmer (!) zu unterhalten (!). Und das angeblich um kurz nach drei Uhr nachts! Eine gelungene Turniervorbereitung nach der Vorstellung von Jogi Löw sieht anders aus, auch wenn der damals noch nette Bundestrainer den so unterhaltungsfreudigen Bayern-Spieler dennoch mit nach Danzig genommen hat. Auch heutzutage, trotz tickender Uhr und bösen Warnungen, würde Löw Boateng mit nach Brasilien nehmen. Abwehrspieler sind rar geworden in der deutschen Nationalmannschaft. Aber Strafe muss sein und sollte es Boateng wagen, sich vor der WM noch einmal mit fremden Frauen zu unterhalten, dann wird auf dem Flug nach Brasilien ein Sitz in der ersten Klasse frei. Denn dann muss der Jerome Economyclass fliegen.

WM-Song mit Udo Jürgens

Für Musikfans und Modekenner gibt es nur einen wahren Skandal: der Auftritt der DFB-Elf im ZDF mit dem WM-Song "Fußball ist unser Leben" - "eines der bedeutendsten Werke der modernen profanen Chorliteratur", wie es der offenbar wenig begeisterte Moderator betitelte. Eine derart schlecht angezogene und pomadig auftretende Mannschaft hat es wohl selten gegeben. Der einzige, der halbwegs elanvoll die Hüften bewegt ist Uli Hoeneß. Der Rest des in Vertreteranzüge gesteckten Haufens singt dem Playback so weit hinterher, dass das Zuschauen wehtut.

Wer es heutzutage wagen würde, die Nationalelf im Fernsehen so schlecht aussehen zu lassen, müsste mit harten Sanktionen rechnen. Gesangsstunden statt Playstation und Jogi Löw würde den Spielern ein Jahr lang ihre Outfits vorschreiben.

Lukas Podolski ohrfeigt den Capitano

Es war die 67. Minute des WM-Qualifikationsspiels gegen Wales 2009. Ein böser Blick, ein Klatschen und die schleichende Demontage des Capitano hatte begonnen. Lukas Podolski war in diesem Spiel die Hand ausgerutscht. Sie landete im Gesicht von Michael Ballack. Der Alt-Nationalspieler war danach högschd erregt: "Er ist ein junger Spieler und hat noch viel zu lernen. Ich hatte ihm da etwas zu sagen, und er war damit nicht einverstanden. Es ging um eine taktische Sache. Das hat er einzusehen und darf nicht handgreiflich werden." Handgreiflich werden ist grundsätzlich immer böse, liebe Kinder. Das hat der Onkel Ballack ganz richtig erkannt. Der eigentliche Skandal ist jedoch, dass der Bösewicht ganz ohne Strafe davonkam und Ballack damit schon unmissverständlich klar gemacht wurde, wer hier auf wen zu hören hat.

Heute könnte sich Löw natürlich nicht mehr erlauben, so etwas einfach durchgehen zu lassen. Podolski bekäme in jedem Fall ein Jahr lang Karnevalverbot und Ballack, nun ja, Ballack würde wohl auch heute ganz unzeremoniell aus der Nationalelf befördert werden.