Auf eine Sache bleibt bei Weltmeisterschaften einfach Verlass: Die deutsche Nationalmannschaft ist Dauergast in den K.o.-Runde des Weltturniers. Bei der 17. Teilnahme an einer WM hat Deutschland wie immer die Vorrunde überstanden. Die ersten drei Partien gegen Portugal, Ghana und die USA sollen aber erst der Auftakt der Mission "vierter WM-Titel" gewesen sein, das Achtelfinale am Montag gegen Algerien ist der Scheitelpunkt von im besten Fall sieben Spielen bei diesem Turnier. Oder doch schon die Endstation?

Seit es die Runde der letzte 16 gibt, ist eine DFB-Auswahl da noch nie gescheitert. Die Eindrücke aus den ersten drei Partien stimmen im Hinblick auf das Algerien-Spiel zuversichtlich, hat sich die deutsche Mannschaft insgesamt doch gut präsentiert. Und trotzdem gibt es auch Dinge, die dem Bundestrainer bisher nicht gefallen konnten. Eine deutsche Zwischenbilanz.

Das macht Hoffnung:

Vor dem Turnier war viel über die Fitness und den Leistungsstand besonders einiger Schlüsselspieler gerätselt worden. Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Miroslav Klose reisten nach kürzeren oder längeren Verletzungspausen ins Trainingslager. Die medizinische Abteilung hat alle vier aber rechtzeitig noch so fit bekommen, dass sie allesamt der Mannschaft helfen können. Zwar reicht es bei Khedira und Schweinsteiger immer noch nicht für 90 Minuten und Klose ist ein Opfer des Systems - aber alleine die Gewissheit, jederzeit zumindest partiell auf ihre wichtigen Dienste zurückgreifen zu können, gibt der Mannschaft Sicherheit. Schweinsteigers Leistung gegen die USA macht zudem Lust auf mehr.

Deutschland kann jederzeit mit exzellenten Ergänzungsspielern von der Bank eine Partie noch nachhaltig beeinflussen. Schweinsteiger, Klose, Mario Götze, Andre Schürrle, Lukas Podolski oder Julian Draxler versprechen besonders in der Offensive eine ganze Reihe von Alternativen. Mit Kevin Großkreutz, bisher noch ohne Einsatz, wartet ein taufrischer Allrounder gleich für mehrere Planstellen im Team als wichtiger Rollenspieler im Hintergrund.

Der viel beschworene Teamgeist schient nicht nur auf dem Papier zu existieren, sondern wird innerhalb der Mannschaft auch gelebt. Das ist ein enormer Fortschritt etwa zur EM-Endrunde vor zwei Jahren, als sich Bayern- und Dortmunder Spieler nicht grün waren und die Mannschaft in Grüppchen zerfiel. Die Chemie innerhalb der Truppe stimmt. Und wenngleich auch nicht alle gleich beste Freunde miteinander sind, vereint doch der Fokus auf das eine gemeinsame Ziel.

Deutschland hat gezeigt, dass es nicht nur personell, sondern auch spieltaktisch für schwer auszurechnen ist. Das von Löw mit dem Gedanken an mehr defensive Stabilität im Zentrum ins Leben gerufene 4-3-3 hat sich trotz einiger Schwierigkeiten gegen Ghana alles in allem ganz ordentlich bewährt. In der Offensive sind die Spieler durch ständige Positionswechsel für den Gegner schwer zu fassen. Mit Klose und/oder Schweinsteiger lässt sich problemlos auf das eigentliche Grundsystem des 4-2-3-1 umstellen.

Die Offensivstandards waren in Löws mittlerweile fast achtjähriger Amtszeit als Bundestrainer immer ein Makel. Jetzt stehen nach drei Spielen immerhin zwei Treffer nach einem ruhenden Ball zu Buche, Thomas Müller traf auch im Anschluss an eine Ecke. Gerade bei diesem Turnier, bei dem mit jeder Partie noch mehr körperliche Substanz verloren geht, ein überaus markanter Pluspunkt, der sogar noch wichtiger werden könnte.

Die Partie gegen Ghana war ein guter Testlauf für das, was in einem Alles-oder-Nichts-Spiel in der K.o.-Phase auf Deutschland warten könnte: Dass die Mannschaft gegen Ghana noch einmal zurück ins Spiel gekommen ist, bedeutete nicht nur den einen, wichtigen Punktgewinn. Sondern hat dem Team auch gezeigt, dass es in der Lage ist, auch mit Unwägbarkeiten umzugehen und den Schalter noch einmal umlegen zu können.

Das macht Sorgen:

Vor dem Aufbäumen gegen Ghana gab die Mannschaft eine Partie aber auch fahrlässig aus der Hand, die sie eigentlich ganz gut im Griff hatte. Trotz etlicher erfahrener Spieler auf dem Platzt gingen Spielkontrolle, Ordnung und Übersicht phasenweise völlig verloren. Das erinnerte an die Partien gegen Schweden (in der WM-Qualifikation) und Chile und Kamerun (beide im Vorfeld der WM). Selbst gegen Portugal gab es leise Anzeichen der üblichen Problemfelder (Kontrollverlust, defensives Umschaltspiel, Unkonzentriertheiten Einzelner), so lange der Gegner elf Spieler auf dem Platz hatte.

Die Besetzung der beiden Außenverteidigerpositionen bleibt ein Wagnis. Die vier gelernten Innenverteidiger gewähren eine prinzipielle Robustheit und Lufthoheit in der Defensive. Darunter leidet aber im Umkehrschluss dann jeweils die Offensive. Weder Benedikt Höwedes noch Jerome Boateng können nachhaltigen Druck nach vorne entfachen. Zu einem Experiment mit Großkreutz (rechts) oder Neuling Erik Durm (links) konnte sich Löw noch nicht durchringen. Dass es der Bundestrainer nun ausgerechnet in der K.o.-Phase versuchen wird, ist nahezu ausgeschlossen. Die Versetzung von Lahm aus der Mittelfeldzentrale nach rechts hinten wird allenfalls dann aktuell, wenn Löw vom 4-3-3 abrückt.

Apropos Lahm: Der Kapitän hat sich bisher nicht immer als der Mr. Zuverlässig erwiesen, als der er bekannt ist. Schlimme Fehler wie gegen Portugal und Ghana - da sogar mit einem Gegentor als unmittelbare Folge - kennt man so von Lahm nicht. Deutschland braucht aber einen Lahm in absoluter Topform, um auf dem Weg ins Finale eine echte Chance zu haben. Immerhin war gegen die USA schon eine Steigerung zu erkennen. Ebenso wie bei Mesut Özil, der dieser WM noch nicht seinen Stempel aufdrücken konnte. Deutschland braucht aber beide in Topform, wenn es mit dem vierten Titel klappen soll.