Jede Fußball-Weltmeisterschaft sucht ihre großen Stars. In Brasilien haben sich Neymar, Lionel Messi, James Rodriguez oder Thomas Müller in Position geschossen. Die Einheimischen haben jedoch eine andere Wahl getroffen: Der große Star – oder besser: Die großen Stars des Turniers sind die aus aller Welt angereisten Fans der WM-Teams.

Die Brasilianer empfangen ihre Gäste nicht nur mit großer Gastfreundschaft, sondern häufig auch mit großem Interesse am unbekannten Wesen. Klar, die Sombrero tragenden Mexikaner sind stets ein Blickfang. Auch die Fans westafrikanischer Mannschaften wie Ghana oder Kamerun stoßen bei den Einheimischen mit ihren traditionellen Roben auf Begeisterung.

Das DFB-Team hat in Brasilien viele Fans - nicht nur aus Deutschland.

Doch auch entsprechend gekleidete Anhänger der deutschen Nationalelf sind stets begehrte Fotomotive. Der gemeinsame Marsch der deutschen Schlachtenbummler vom Stadtzentrum in Salvador zur Arena Fonte Nova vor dem Spiel gegen Portugal etwa wird von zahlreichen Schaulustigen begleitet, die diese ungewöhnliche Prozession weißer Trikots in Foto und Video festhalten. Auch die örtliche Damenwelt nutzt die Anwesenheit der seltenen Gäste, um sich mit spitzen Schreien in Szene zu setzen.

Wie auf dem Roten Teppich

In Fortaleza haben die Behörden zwischen die Endhaltestelle des Shuttle-Busses und dem Stadion Castelao einen 1,8 Kilometer langen Fußweg gesetzt. Durch hüfthohe Absperrgitter von der einheimischen Bevölkerung getrennt, geht es unter sengender Sonne gen Arena. Vor dem Kräftemessen zwischen der DFB-Auswahl und Ghana fühlt man sich wie ein Filmstar auf dem Roten Teppich bei der Oscar-Verleihung. Denn die abgeschirmten Brasilianer bestaunen und bejubeln die sonderbaren Gäste aus "Alemanha". Selbstverständlich zählt die staunende Masse nicht zur privilegierten und mit WM-Tickets ausgestatteten Mittel- oder Oberschicht Brasiliens. Die Begeisterung der Fortalezer hat wohl eher damit zu tun, dass die WM für lange Zeit die letzte Gelegenheit sein wird, einen Europäer aus nächster Nähe zu Gesicht bekommen.

Überhaupt gleicht der Marsch zum WM-Stadion allerorts einem Stelldichein der Stars und Sternchen. Deshalb werden erfüllte Fotowünsche mit Blitzlichtgewitter belohnt. Ob Kinder im Grundschulalter, die etwas verschüchtert um ein Motiv bitten oder ältere Damen, die die letzte WM im eigenen Land bereits erlebt haben: Alle wollen ein Andenken von ihrer Weltmeisterschaft. Die 500 Meter von der U-Bahn-Station Artur Alvim zum Westeingang der Arena der Corinthians in Sao Paulo sind unmöglich unter einer Stunde zu bewältigen. So groß ist der Andrang.

Völkerverständigung in Reinform

Die Partie zwischen Belgien und Südkorea, die zeitgleich im Stadion läuft, scheint nebensächlich. Für die vielen hundert Einheimischen, die die Straßen entlang der Abzäunung säumen, zählt nur das Gefühl, dabei zu sein. Dabei zu sein bei einem Turnier der Vielfältigkeit. Es ist Völkerverständigung in ihrer reinsten Form, die die Fans aus aller Welt in Brasilien hautnah erleben. Mexikaner treffen auf Südkoreaner, Afrikaner trinken mit US-Amerikanern, Deutsche stehen zusammen mit Südamerikanern. Und überall mischen sich Brasilianer unter die Menge, die offensichtlich nahe des Stadions beheimatet sind. Die meisten von ihnen tragen ein Trikot der ansässigen Corinthians, die anderen eines ihrer Selecao. Beim Anblick der zahlreich in Gelb gekleideten Menschen wird einem dann doch eines klar. Es gibt noch einen Star bei dieser Weltmeisterschaft. Er heißt Neymar. Er ist allgegenwärtig und Hoffnungsträger sowie Popstar zugleich. Auch wenn man als deutscher Fan nicht an diesen Ruhm herankommt, verleihen einem die herzlichen Brasilianer ein warmes Gefühl. Und das bleibt bestehen: Jeder Fan ist ein Star.