In 100 Tagen beginnt die Weltmeisterschaft in Brasilien mit dem Eröffnungsspiel des Gastgebers gegen Kroatien. Das größte Einzelsportereignis der Welt wirft seine Schatten längst voraus, die Vorfreude auf das Turnier in Südamerika hält sich bislang allerdings noch etwas in Grenzen.

Die Organisatoren der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien haben in den letzten Wochen und Monaten zu viele negative Schlagzeilen produziert. Die üblichen Verdächtigungen um etwaige Verzuge beim Stadionbau begleiten mittlerweile so gut wie jedes Turnier in jedem Land. Dass in Brasilien aber aufgrund schlampiger Sicherheitsvorkehrungen mittlerweile bereits sechs Bauarbeiter ihr Leben lassen mussten, ist nicht zu entschuldigen.

Bei den Stadien in Curitiba, Manaus und Sao Paulo gibt es immer noch großen Nachholbedarf, die Bauarbeiten hinken dem eigentlichen Plan weit hinterher. Die Infrastruktur im Land genügt bei weitem nicht den Ansprüchen eines Großereignisses. "Wir haben eine Chance verpasst, der Welt ein anderes Brasilien zu zeigen", klagte WM-Legende Carlos Alberto Parreira vor zwei Wochen.

Der Technische Direktor der Selecao wirft der Regierung vor, viel zu lange abgewartet und gemauschelt zu haben und so den notwendigen Ausbau etwa der Flughäfen verzögert zu haben:
"Es gibt noch Ausschreibungen für März, drei Monate vor der WM. Das ist ein schlechter Witz. Man hat uns die WM vor sieben Jahren gegeben, und erst jetzt werden Bauten für die Flughäfen vergeben? Das alles ist ein totales Versäumnis."

Rücksichtsloses Vorgehen dämpft WM-Stimmung in Brasilien

Die Stimmung in Brasilien schwankt weiter zwischen vorsichtiger Euphorie und Skepsis. Mittlerweile sind nur noch rund 50 Prozent der Bewohner für die WM im eigenen Land. Bei der Vergabe des Turniers vor rund fünf Jahren waren es noch 80 Prozent gewesen.

Aber immerhin: Die Leistungen der Selecao lassen Brasilien tatsächlich vom sechsten Titel der Geschichte träumen. Auch immer mehr Nationaltrainer sehen im Gastgeber neben Spanien den großen Favoriten.

Allerdings haben die Menschen in Brasilien das rücksichtslose Vorgehen der Organisatoren in bestimmten Stadtteilen, mitsamt Zwangsenteignungen ganzer Straßenzüge, nicht vergessen.

Die Proteste rund um den Confed Cup im letzten Sommer nehmen sich derzeit lediglich eine Auszeit. Pünktlich zum Turnierbeginn rechnen die Behörden mit deren Wiederbelebung. Das ist schlecht für das Premiumprodukt der FIFA.

Das weiß auch ihr Präsident Sepp Blatter. Und trotzdem will er den Kritikern weiter die heile Welt verkaufen. "Die Begeisterung steigt, die Erwartungshaltung nimmt zu in Brasilien und in der Welt. Wir haben eine wunderbare WM in einer wunderbaren Umgebung vor uns", sagte Blatter kurz vor dem Jahreswechsel. Seitdem war vom Patron aus der Schweiz kaum noch etwas zu hören.

Alle WM-Spielorte sollen rechtzeitig fertig werden

Immerhin meldete sich sein Generalsekretär noch zu Wort. "Wir können keine Spiele ohne Stadion organisieren. Die Situation hat einen kritischen Punkt erreicht", stellte Jerome Valcke nach der Inspektionsreise nach Curitiba fest. "Um ehrlich zu sein, ist die aktuelle Situation nicht gerade ideal."

Mitte Februar dann rang sich die FIFA dazu durch, Curitiba als WM-Spielort zu halten. Ein enormes Risiko, hinkt der Bau der "Arena da Baixada" doch weiterhin um Monate dem Zeitplan hinterher.
"Curitiba ist definitiv spät dran, aber in den letzten drei Wochen wurde viel gearbeitet. Es gibt keine andere Entscheidung, als dass Curitiba eine von zwölf WM-Stadien sein wird", sagte Valcke und verspricht: "Am 15. Mai wird das Stadion komplett fertig sein."

Unterkunftsprobleme auch bei der deutschen Elf

Probleme gibt es jedoch auch mit den Unterkünften. Das erfährt 100 Tage vor dem ersten Spiel auch die deutsche Mannschaft. Ihr Quartier "Campo Bahia" im Nirgendwo bei Porto Seguro wird nicht, wie angekündigt, im März fertig sein, sondern erst Ende April.

Wenn alles gut läuft.

"Das ist kein Problem. Wir werden mit deutscher Gründlichkeit hier auf brasilianischem Boden optimale Voraussetzungen schaffen", wischt Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff die Zweifel vom Tisch.

Der Fahrplan der DFB-Elf?

Auch Bundestrainer Joachim Löw kämpft an verschiedenen Fronten. Löw hat vor dem ersten Länderspiel des Jahres gegen Chile große Verletzungssorgen und einige Spieler, die nach langen Pausen noch längst nicht wieder bei einhundert Prozent sind. Auf der Pressekonferenz vor dem Freundschaftsspiel gegen Chile mahnte Löw seine Spieler: "Die Uhr tickt. Nur wer sie hört, wird eine reelle Chance haben, dabei zu sein."

Noch bis zum 8. Mai haben die Spieler Zeit, sich dem Bundestrainer anzubieten. Dann wird Löw einen erweiterten Kader nominieren, der bis zum 2. Juni auf 20 Feldspieler und drei Torhüter reduziert werden muss. Wer zu diesem Kader gehören wird, lässt sich heute nur für ganz wenige Spieler sicher sagen.

Aber wenigstens stehen die Planungen bis zur Abreise am 7. Juni. Am 13.05. steht zunächst das Testspiel gegen Polen in Hamburg auf dem Programm. Am 19. Mai beginnt die Abstellungsfrist der FIFA für alle Spieler - mit Ausnahme derer, die am Champions-League-Finale in Lissabon teilnehmen. Anders als bei den beiden Turnieren zuvor wird die Mannschaft nur ein Trainingslager abhalten. Ende Mai geht es ins Passeiertal in Südtirol, abgeschlossen wird die Strecke vom Testspiel gegen Kamerun am 01. Juni.

Zeit zum Ausspannen mit der Familie finden die Spieler dann in den Tagen danach, bevor das Benefizländerspiel gegen Armenien (06.06.) den Abschluss der Vorbereitungsphase bildet. "Unsere WM-Vorbereitung unterteilt sich in einen Block, den wir im Passeiertal absolvieren, sowie einen weiteren vor Ort in Brasilien", erklärt Assistenztrainer Hansi Flick.

"Wir wollen frühzeitig unser Mannschaftsquartier beziehen, um genug Zeit zu haben, uns zu akklimatisieren." Bereits neun Tage vor dem ersten Gruppenspiel gegen Portugal wird die Mannschaft nach Brasilien fliegen.
Derzeit hält sich aber auch beim DFB-Tross die Vorfreude auf das Endturnier in Grenzen. "An die WM verschwende ich derzeit keinen Gedanken, das ist noch zu weit weg und wir haben andere Aufgaben vor der Brust", sagt etwa Bayerns Toni Kroos.

Vorfreude hört sich 100 Tage vor der WM anders an.