Es musste unbedingt Thiago Alcantara sein. "Ich brauche Thiago. Thiago oder nix!", stellte Bayern Münchens Trainer Pep Guardiola vor nur wenigen Tagen unmissverständlich klar - und gab seinem Sportdirektor Matthias Sammer und Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge damit eine klare Hausaufgabe mit ins Wochenende: Verpflichtet mir diesen spanischen U21-Europameister. Und Sammer und Rummenigge machten Nägel mit Köpfen. Bereits am Sonntagabend war es so weit. Alcantara wechselt zum Triple-Sieger. Für satte 25 Millionen Euro. Aber wer ist dieser Alcantara eigentlich, den Guardiola da so dringend verpflichten wollte?

Der Mensch an sich mag Änderungen ja nicht besonders. Das kann einem aber auch Angst machen, wenn plötzlich alles, was vorher so einwandfrei funktioniert hat, über den Haufen geworfen wird.

Das Wichtigste zuerst: Thiago Alcantara ist ein "super, super Spieler". Das weiß Pep Guardiola ganz genau. Immerhin hat er das 22 Jahre alte Talent schon einmal selbst trainiert. Damals, in der Saison 2007/08 als Guardiola noch die B-Mannschaft Barcelonas unter seinen Fittichen hatte. Dem Urteil des Bayern-Trainers kann also getrost vertraut werden.

Aber auch Menschen, die noch kein Gottvertrauen in Guardiolas Urteilsvermögen haben, lassen sich sicherlich schnell von der Qualität des Offensivtalents überzeugen. Dazu muss man lediglich Alcantara am Ball beobachten. So viel Ballverliebtheit kennt man ansonsten von Superstars wie Lionel Messi. In Jugendzeiten galt diese Ballverliebtheit noch als Alcantaras größte Schwäche. Hatte er einmal den Ball, wollte er ihn einfach nicht mehr hergeben. Er war als Egoist verschrien. Noch heute versucht er öfter als andere mit einem feinen Dribbling am Gegner vorbeizuziehen. Doch er hat auch gelernt abzuspielen - ohne seinen Drang zum Tor zu vergessen. Ein wichtiger Punkt für Guardiola, der seine Mannschaften gerne schönen Offensivfußball spielen sieht.

"Wir brauchen seine Kondition"

Und Alcantara hat zu einem großartigen Offensivfußball wirklich einiges beizusteuern. "Thiago kann drei, vier, fünf Positionen spielen, ist sehr gut im Eins-gegen-Eins im Mittelfeld oder auch im Sturm", weiß Guardiola. Wäre er des Deutschen noch mächtiger, als er es ohnehin schon ist, Guardiola hätte sicherlich Lucien Favres Bonmot vom "polyvalenten Spieler" bemüht." Und noch ein Punkt ist dem Bayern-Trainer wichtig: "Wir brauchen seine Kondition." Tatsächlich scheinen bei Alcantara die Batterien nie leer zu gehen. Ein Sprint in der 90. Minute? Immer gerne. Auch wenn die beiden von ihrer Spielweise wenig verbindet, erinnert der Spanier dann doch irgendwie an den früheren Bayern-Spieler Ivica Olic - das ewige Duracell-Häschen.

Obwohl Alcantara noch jung ist, ist er keinesfalls unbedarft. Erst vor wenigen Wochen wurde er als Kapitän der spanischen U21 Europameister. Und heimste ganz nebenbei auch noch den Titel zum besten Spieler des Turniers ein - verdientermaßen. Wie man Titel gewinnt, weiß er also schon einmal. Eine wichtige Eigenschaft für Spieler des deutschen Rekordmeisters.

Aber was will man von dem Sohn eines brasilianischen Weltmeisters auch anderes erwarten? Iomar do Nascimento, genannt Mazinho, holte 1994 in den USA mit der Selecao den Jules-Rimet-Pokal. Auch der Rest der Familie ist sportverrückt: Alcantaras Mutter Valeria spielte lange Zeit professionell Volleyball. Sein Bruder Rafael läuft ebenfalls für den FC Barcelona auf - allerdings in der B-Mannschaft. Und Cousin Rodrigo steht bei Benfica Lissabon unter Vertrag. Wen irgendjemandem jemals ein Talent schon in die Wiege gelegt worden ist, dann wohl Alcantara.

Geboren in Italien

Geboren wurde der kleine Thiago übrigens im italienischen Lecce. Einige Zeit seiner Jugend verbrachte er in Brasilien, wo sein Vater seine Karriere ausklingen ließ. Mit 14 Jahren schließlich erklangen einmal mehr Europas Lockrufe. Der FC Chelsea wollte ihn, Barcelona auch. Alcantara entschied sich für La Masia, die Jugendschule Barcelonas. Damals konnte Barcelona das Handgeld für Alcantara wohl aus der Portokasse bezahlen.

Der FC Bayern überweist für den Mittelfeldspieler 20 Millionen Euro - weitere fünf Millionen Euro der vereinbarten Ablösesumme von 25 Millionen Euro resultieren aus den Einnahmen eines Freundschaftsspiels sowie indirekt aus einem Gehaltsverzichts Alcantaras. Nicht gerade wenig Geld. Aber Rummenigge konnte seinem neuen Startrainer diesen Personalwunsch einfach nicht abschlagen. "Thiago Alcantara war der große Wunsch unseres neuen Trainers Pep Guardiola", wurde der Vorstandsvorsitzende auf der Webseite des deutschen Rekordmeisters zitiert. Und allzu kühl und kompliziert durften die Verhandlungen auch nicht gelaufen sein. Denn Alcantaras Berater ist Pere Guardiola. Richtig, Peps Bruder.