Es herrscht Eiseskälte zwischen den Vereinen, wenn Borussia Dortmund heute Abend den FC Bayern München zum Supercup-Finale empfängt (18:00 Uhr/live im ZDF). Das erste, oftmals belächelte Pflichtspiel der Saison bietet einiges an Gesprächsstoff.

Schon seit Monaten fliegen zwischen den Verantwortlichen die Giftpfeile hin und her. Nun erreichte der Zoff zwischen Dortmund und den Bayern vor dem DFL-Supercup einen neuen Höhepunkt: Der Dortmunder Führungsriege um BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke schmeckte es überhaupt nicht, dass sich Karl-Heinz Rummenigge wiederholt zu vermeintlichen Vertragsinhalten des Dortmunder Mittelfeldspielers Marco Reus geäußert hatte. In einer Stellungnahme wünschte sich Sportdirektor Michael Zorc, dass "Rummenigge mal den Mund halten sollte". Für Watzke waren diese Worte nicht genug. Er sagte als Konsequenz für das permanente Störfeuer aus München das gemeinsame Mittagessen vor dem heutigen Aufeinandertreffen ab. Laut dem Kicker gab er als Grund bei der DFL "eine tiefgründige Disharmonie" zwischen den Vereinen an. Die Beziehung beider Vereine dürfte so schlecht sein wie noch nie.

Der Zank überschattet den DFL-Supercup, bei dem es am Abend im Dortmunder Signal-Iduna-Park zum deutschen "Clasico" zwischen der Borussia Dortmund und dem FC Bayern kommt. Die heutige Ausgangslage ähnelt dabei der vor einem Jahr, als die Dortmunder mit 4:2 gegen den frisch gebackenen Triple-Sieger gewannen, verblüffend: Wieder reisen die Bayern mächtig selbstbewusst als frühester Meister aller Zeiten zum BVB und wieder möchte die Borussia ein erstes Ausrufezeichen setzen, nachdem sie das vergangene Saisonfinale und damit den DFB-Pokal ausgerechnet gegen den FC Bayern verloren hat.

Nicht mehr als ein Vorgeschmack

Viele Fußball-Fans messen dem ersten Schaulaufen in der neuen Saison gewöhnlich nicht allzu große Bedeutung bei. Die Protagonisten ließen im Vorfeld des Spiels jedoch keine Zweifel daran, dass sie dieses Spiel ernst nehmen. Bayern-Trainer Pep Guardiola untermauerte auf der Pressekonferenz den Ehrgeiz seiner Spieler: "Es ist der erste Titel der Saison. Ein Finale ist kein Test, wir wollen gewinnen." Für Bayern-Torwart Manuel Neuer liegt die Brisanz vor allem am Gegner: "Gegen den BVB gibt es keine Freundschaftsspiele, jeder ist heiß." Kevin Großkreutz ließ die Münchner indes in der "Welt am Sonntag" wissen, dass auch die Dortmunder heiß auf das Spiel sind: "Wir wollen auf jeden Fall den ersten Titel der Saison holen."

Das Duell kann durchaus als ein Vorgeschmack auf die neues Saison gewertet werden. Die Trainer Jürgen Klopp und Pep Guardiola können noch einmal einen Eindruck davon bekommen, wo ihre Mannschaft sportlich vor der ersten DFB-Pokalrunde am kommenden Wochenende und dem Ligastart in der nächsten Wochen steht.

Überbewerten sollte man die Partie jedoch nicht. Beide Mannschaften mussten fast die komplette Vorbereitungszeit auf ihre WM-Fahrer verzichten und absolvierten die meisten Testspiele mit einem Rumpfkader, der zu großen Teilen aus Nachwuchsspielern bestand. Dass beide Mannschaften daher noch längst nicht so spielen, wie es sich ihre Trainer vorstellen, und die Spieler nach dem späten Urlaub noch nicht bei hundert Prozent angelangt sind, zeigten auch die jüngsten Niederlagen gegen Liverpool (Dortmund) und eine Allstar-Mannschaft der amerikanischen Liga MLS (FC Bayern).

Doch auch nach der Rückkehr der WM-Stars bleiben die Kader ausgedünnt: Bei Dortmund fehlen weiterhin Nuri Sahin, Ilkay Gündogan, Marco Reus und Jakub Blaszczykowski verletzungsbedingt, Guardiola kann nach wie vor nicht auf Franck Ribery, Bastian Schweinsteiger, Rafinha und Thiago zurückgreifen. Vor diesem Hintergrund sagte Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge dem "Kicker": "Wir fahren da hin und werden versuchen, ein gutes Spiel zu zeigen, aber überbewerten werden wir es nicht."

Robert Lewandowski hinterlässt beim BVB eine große Lücke

Lediglich das Sturm-Duell verleiht dem Spiel - abgesehen vom Streit der Vereinsoberen - eine gewisse Brisanz: Im Sommer wechselte Zuschauerliebling Robert Lewandowski von Dortmund nach München und kehrt nun für das erste Pflichtspiel an seine alte Wirkungsstätte zurück. In Dortmund, wo Lewandowski seine bisher größten Erfolge erzielt hatte, hinterließ der polnische Stürmer eine riesige Lücke. Die soll nun der italienische Nationalspieler Ciro Immobile schließen. Der Zugang vom FC Turin muss sich jedoch erst noch an den neuen Fußball unter Klopp gewöhnen. Während Lewandowski in der Vorbereitung bereits reihenweise traf, blieb Immobile in seinen ersten Einsätzen für die Borussia bislang hinter den Erwartungen zurück. Das Spiel gegen die Bayern bietet ihm nun die Möglichkeit aus dem Schatten Lewandowskis zu treten und auf sich aufmerksam zu machen.

Nach dem Sieg im vergangenen Jahr meinte Jürgen Klopp auf der Pressekonferenz: "Das Gute am Supercup ist: Der Sieger freut sich, der Verlierer ist nicht traurig." Sportlich gesehen gibt es am Wochenende in der ersten Runde des DFB-Pokals sicher mehr zu verlieren, ein Sieg im Prestige-Duell kann aber schon vor dem Saisonbeginn für Selbstbewusstsein sorgen - und bei den Vereins-Bossen für Genugtuung.