Berlin (ddp). Vor dem Anpfiff der Fußball-WM-Endrunde 2006 am 9. Juni grassierte im Gastgeberland etwas scheinbar typisch Deutsches: die Angst - vor Terroranschlägen, Hooligans, gefälschten Eintrittskarten und dem Vorrunden-Aus von Klinsmanns Nationalelf.

Einen Monat später ist das ganze Land freudetrunken über ein großartiges Turnier, begeisternden deutschen Offensivfußball und eine fast ungetrübte Dauerparty von Millionen Menschen auf den Fanmeilen.

Die deutsche Mannschaft reißt die Zuschauer von der ersten Partie an mit: Doch während das 4:2 gegen Auftaktgegner Costa Rica in München zwar standesgemäß, aber nicht ekstatisch gefeiert wird, entfesselt Oliver Neuville mit seinem Tor in letzter Minute zum 1:0-Sieg im zweiten Gruppenspiel gegen Polen eine ungeahnte Begeisterung, welche Deutschland bis ins Halbfinale tragen sollte.

Während Miroslav Klose, Lukas Podolski und Co. weiter treffen, zeigt Deutschland buchstäblich Flagge: Schwarz-Rot-Gold wird zur Pflichtfarbe für Trikots, Hüte, Röcke und Bikinis. In den Stadien und auf den Fanmeilen bei den deutschen Spielen singt man die Nationalhymne. Die warnende Debatte vor nationalistischen Aufwallungen bleibt diesmal kurz - selbst Dauermahner können dem fröhlichen, unverkrampften «Partyoitismus» etwas abgewinnen.

Die ausländischen Gäste sind von ihren freundlichen, hilfsbereiten Gastgebern überrascht - das waren nicht die sauertöpfischen, humorlosen Menschen, auf die man sie zu Hause vorbereitet hatte. Auch die befürchteten Ausschreitungen deutscher, polnischer oder englischer Hooligans bleiben die Ausnahme. Nur in Köln und Düsseldorf kommt es während der Vorrunde zu vereinzelten Zusammenstößen.

Sportlich beginnt das Turnier ohne Überraschungen. In der Vorrunde scheiden Publikumslieblinge wie die Elfenbeinküste mit ihrem Ausnahmespieler Didier Drogba oder Ghana aus, im Achtelfinale muss das junge spanische Team den französischen Haudegen um den reaktivierten Zinedine Zidane den Vortritt lassen, und der spätere Weltmeister Italien benötigt gegen Australien einen geschenkten Elfmeter zum 1:0 in der Nachspielzeit.

Umso größer ist das Erstaunen im Viertelfinale, als der bis dahin enttäuschende amtierende Weltmeister und hochgewettete Turnierfavorit Brasilien gegen Frankreich sang- und klanglos 0:1 ausscheidet. Zidane zeigt in dieser Partie sein immer noch enormes Spielvermögen, und die Zauber-Samba-Truppe um Ronaldinho, Ronaldo, Kaka und Robinho bekommt keinen Stich.

Im Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien in Berlin gleicht Klose zunächst die Führung von Argentiniens Ayala aus. Nach der Verlängerung schlägt dann die große Stunde von Jens Lehmann, der zwei Elfmeter hält, Deutschland ins Halbfinale gegen Italien bringt und dessen ominöser Spickzettel für Schlagzeilen sorgt. Den Zettel mit den bevorzugten Torecken der Elfmeterschützen hatte er hinter einem seiner Schienbeinschoner versteckt und streckt ihn als psychologischen Kniff den Gauchos demonstrativ entgegen.

Wohl auch deshalb verlieren mehrere Argentinier im anschließenden Handgemenge die Nerven und langen übel hin. Leider auch der beste deutsche Spieler, Thorsten Frings, der auf Protest der Italiener von der FIFA fürs Halbfinale gegen ebendiese gesperrt wird. In Dortmund geht der deutsche Traum vom Finale erst in den letzten Minuten der Verlängerung durch Tore von Grosso und del Piero zu Ende.

Mit einem Sieg gegen Portugal im kleinen Finale in Stuttgart und einer riesigen Schlussparty am Brandenburger Tor in Berlin tröstet sich die DFB-Elf und das Fußball-Volk, während vom Finale Italien gegen Frankreich bezeichnenderweise Zidanes Unbeherrschtheit in Erinnerung bleibt, als er Materazzi nach dessen Provokation mit einem Kopfstoß niederstreckt und seine glänzende Karriere mit einer Roten Karte beendet.

Weltmeister wurde Italien - trotz Fußball-Skandal. "24 Jahre, drei Tage, 120 Minuten und fünf perfekte Elfmeter", so rechnete die große Sportzeitung Tuttosport vor, mussten die Tifosi auf den Moment warten, als Kapitän Fabio Cannavaro im silbernen Konfetti-Regen den Goldpokal in den Berliner Abendhimmel reckte und ein ganzes Land in einen kollektiven Freudentaumel stürzte. An historischen Zentren der Hauptstadt Rom ging nach dem goldenen Schuss Elfmeter-Krimi gar nichts mehr: Piazza Venezia, Piazza del Popolo und Via Veneto waren von feiernden Menschen überfüllt. Kein Wunder: Allein rund 200.000 Menschen fieberten beim Endspiel-Spektakel im Circus Maximus mit.

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