• Auch im Fußball gewinnt die Kommunikation über Social-Media-Kanäle immer mehr an Bedeutung.
  • So interviewen Vereine ihre Spieler selbst und Profis wie einst Mesut Özil verkünden ihren Rücktritt über die sozialen Medien. Manch einer sogar wegen Social Media.
  • Hierbei genießen Fußballer und Klubs Reichweiten, von denen Zeitungsredaktionen nur träumen können.
  • Muss der Fußballjournalismus deswegen mit der zunehmenden Bedeutung der digitalisierten Medienwelt um seine Relevanz kämpfen?
Eine Analyse
von Max Nölke

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"Abstand halten" ist zur Baseline unseres Alltags geworden. Das gilt für den Busfahrer und den Supermarktkassierer gleichermaßen wie für den Sportjournalisten und den Fußballprofi.

Nicht erst seit Beginn der Pandemie verbreiten Spieler und Vereine eigene Inhalte über ihre Social-Media-Kanäle oder die vereinsinternen Redaktionen. Nun aber, da der Journalist Distanz wahren muss, profitieren die Akteure mehr denn je von ihrer hausgemachten Berichterstattung.

Dabei genießen Fußballer und Klubs Reichweiten, von denen Zeitungsredaktionen nur träumen können. Zum Vergleich: Dem Instagram-Account des FC Bayern München folgen 24,4 Millionen Menschen, Toni Kroos gar 26 Millionen. Der Kanal des Sportmagazins "kicker" hat eine Followerschaft von 811.000 und ist damit der erfolgreichste Vertreter des deutschen Sportjournalismus.

Bei Twitter zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Der "Sportschau" folgen 625.000 Nutzer, Arsenal Londons Mesut Özil mit 25,2 Millionen mehr als 40 Mal so viele. Die meisten seiner Follower versprechen sich dabei Einsicht in Özils Gedankenwelt, die die Presse kaum exklusiver liefern wird.

Mesut Özil und der 22. Juli 2018

So geschehen am 22. Juli 2018: Nach der verpatzten WM wollte Özil nicht länger als Sündenbock gelten. Doch anstatt einem beliebigen Sportmedium ein Interview zu geben, veröffentlichte Özil eine Streitschrift in drei Akten über Instagram und Twitter, in der er seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündete.

Heraus kamen 2,7 Millionen Likes, mehr als 100.000 Kommentare und eine staatstragende Diskussion.

Vom "Spiegel" über den "Corriere della Sera" bis hin zur "New York Times": Die Tages,- Wochen- und Monatsblätter stürzten sich auf sein Statement. Statt auf kritische Nachfragen eingehen zu müssen, konnte Özil seine Sicht der Dinge unwidersprochen veröffentlichen. Und viele Medien druckten Özils Sätze im Wortlaut.

Journalistik-Professor: "Sehnsucht nach Informationsrelevanz"

Der gesellschaftlichen Relevanz des Sportjournalismus tun diese Strömungen allerdings keinen Abbruch, viel mehr öffnen sie neue Perspektiven, sagt Marcus Bölz im Gespräch mit unserer Redaktion.

"Neue Bühnen wie Social Media differenzieren den Fußballjournalismus aus, sie ersetzen ihn nicht." Bölz ist Professor der Journalistik mit Schwerpunkt Sportpublizistik an der Fachhochschule des Mittelstands in Hannover.

"In Deutschland gibt es eine Sehnsucht nach Informationsrelevanz", meint der Experte. Den meisten Fußballkonsumenten reiche es nicht, die Posts ihrer Stars in die Timeline gespült zu bekommen oder sich mit der Hofberichterstattung des Vereins zu begnügen. "Die wollen gute Geschichten, guten Journalismus haben."

Sportwissenschaftler Thomas Horky meint im "Spiegel"-Interview, wer die Nachricht letztendlich zuerst hatte, spiele keine große Rolle mehr. "Journalisten sollten in der Lage sein, über so etwas hinaus ihre eigenen Geschichten zu erzählen, die Einordnung und Bewertung hat genau so eine Relevanz wie die Nachricht an sich." Horky ist als freier Sportjournalist tätig, lehrt Journalistik an der Hochschule Macromedia in Hamburg und forscht zum Anstieg von vereinseigenen Medien.

24 Stunden FC Bayern

Weil die internationalen Referenzpunkte Real Madrid, FC Barcelona und Manchester United schon längst ihre eigenen Fernsehsender hatten, zog Deutschlands Primus mit und ging vor drei Jahren mit "FCBayern.tv" live.

Seit jeher beschallt der Vereinssender seine Abonnenten in Dauerschleife mit täglich 24 Stunden FC Bayern München. Einzelne Formate werden in 75 Ländern ausgestrahlt. "Wir haben die Möglichkeit, selbst die Botschaft rauszusenden", sagte Marketingvorstand Andreas Jung seinerzeit zum Launch, Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge fügte an: "Hier kriegt man vor allem die News, die gesichert der Wahrheit entsprechen."

Mittlerweile haben beinahe alle Bundesligisten eigene Formate. Für die Klubs bedeutet das: Keine kritischen Nachfragen, keine lästigen Autorisierungsprozesse, klar dosierte Informationen.

Die Medienabteilungen können nach Belieben selbst die Themen setzen. "Sachlich gesehen, kann es aber keine Konkurrenz sein", sagt Thomas Horky. "Klubmedien sind ein PR-Angebot und haben mit der kritischen Rolle des Journalismus nichts zu tun." Horky erkennt sogar eine Chance für den unabhängigen Sportjournalismus, eine Rückbesinnung auf traditionelle Maßstäbe, wie "Kritik, Kontrolle und der Kuration von Meinungen und Themen".

Der Journalismus und die heiligen Kühe

Auch Marcus Bölz mindert die Sorge, dass der unabhängige Journalismus durch das Mehr an gesteuerten Formaten untergeht. "Hierzulande geht der Sportjournalismus stark mit der Fankultur einher. Beides hat einen sich bewahrenden Charakter."

Ein Beispiel: 2007 schloss die DFL einen Vertrag mit der Firma "Sirius SportMedia" zur Vermarktung der Bundesliga ab. Im Raum stand der Plan, die Bundesligaspiele nur noch über Pay-TV laufen zu lassen und dort zu vertreiben – auf Kosten der ARD-"Sportschau".

Im Lager des Verbandes Deutscher Sportjournalisten glaubte man zwar nicht an einen "Propaganda-Sender der Deutschen Fußball Liga (DFL)", dennoch bestand die Angst um eine Zäsur in der freien Berichterstattung.

Geschäftsführer Christian Seifert sagte damals: "Ich kann die Bedenken nicht zerstreuen, dass es die 'Sportschau' weiter um die bisherige Uhrzeit geben wird." Der Aufschrei war groß, die Idee ganz schnell wieder vom Tisch. "So etwas funktioniert in Deutschland nicht, wir haben unsere heiligen Kühe", meint Experte Bölz.

Josh Hope: Ein Social Dilemma

Twitter, Instagram und Co. lassen sich hingegen nicht so leicht abmoderieren. Social Media, Journalismus und Fußball werden auf unabsehbare Zeit aneinandergekoppelt sein. Wo der gemeinsame Weg hingeht, wird der Umgang miteinander zeigen.

Vor einigen Wochen beendete der Australier Josh Hope im Alter von 22 Jahren seine Fußballkarriere. Angefangen hatte alles mit einem verschossenen Elfmeter. Die anhaltenden Hasskommentare und Drohungen im Netz hätten schließlich zu einem mentalen Zusammenbruch geführt. "Irgendwer schrieb mir, ich sei tot, wenn ich noch einen weiteren Elfmeter verschießen würde", erzählte Hope, der für Melbourne Victory spielte, dem Sportportal "sportbible". "Das wird zum Teufelskreis, weil du so viel Angst hast, es zu verkacken." Anfang des Monats fiel schließlich der Entschluss, sich vom Fußballgeschäft vorläufig abzuwenden, irgendwann wolle er zurückkehren. Sein vorläufiges Karriereende verkündete Josh Hope per Instagram-Post.

Verwendete Quellen:

  • Communicatio Socialis: "Die Selbstberichterstattung des Sports."
  • Gespräch mit Marcus Bölz: Journalistik-Professor an der Fachhochschule des Mittelstands Hannover. Schwerpunkt Sportpublizistik.
  • Spiegel: "Bundesliga-Rechte Kritik an Kirch und DFL."
  • Sportbible: "A-League Player Josh Hope Quits Professional Football Aged 22 Beacause Of "Relentless" Online Abuse."
  • Welt: "FC Bayern.TV startet. Nach 20 Minuten kommt schon die erste Wiederholung."