Nur wenige Tage nach seiner Wiederwahl zum Fifa-Präsidenten ließ er die Bombe platzen: Sepp Blatter stellt sein Amt zur Verfügung. So kommentiert die nationale und internationale Presse den überraschenden Rücktritt des Schweizers.

"Spiegel Online": "Der jahrzehntelang als unantastbar geltende Blatter ist tatsächlich gegangen, das noch Minuten vor der Pressekonferenz Unvorstellbare ist Wirklichkeit geworden. Skepsis aber ist weiter angebracht. Denn die Krise der Fifa geht viel tiefer, als dass sie durch den überfälligen Rücktritt des Präsidenten allein gelöst werden könnte. Die Fifa hat in den vergangenen Jahrzehnten jeden Kontakt zur Basis verloren, zum Fußballvolk. Sie hat so dramatisch an Vertrauen eingebüßt, dass man sich nach der Blatter-Demission verzweifelt fragt, welchem seiner möglichen Nachfolger man eigentlich trauen kann. Wenn man überhaupt schon einmal von ihnen gehört hat."

Eine Nachricht erschüttert am Donnerstagabend die Sportwelt: Sepp Blatter tritt nur eine knappe Woche nach seiner Wiederwahl als Präsident des Weltfußballverbandes Fifa zurück. Die Reaktionen von Beobachtern und Profisportlern lassen nicht lange auf sich warten.

"Süddeutsche Zeitung": "Sich für vier Jahre wählen zu lassen und dann nach vier Tagen aufzugeben - natürlich hat das etwas von einer Flucht. Intern hat sich Sepp Blatter in den 17 Jahren seiner Präsidentschaft immer alle Probleme vom Hals zu halten gewusst. Aber mit den sieben Verhaftungen in Zürich kurz vor dem Fifa-Kongress hat die US-Justiz auf spektakuläre Weise die Initiative an sich genommen. Seither ist auch Blatters Leben unkalkulierbar geworden."

"Zeit Online": "Hurra! Der Fußball ist von dem Mann befreit, der ihn verkauft hat. Doch hoffentlich hält die Freude über Sepp Blatters Rücktritt als Fifa-Präsident über den Tag hinaus."

"Bild": "Der greise Fifa-Präsident stellt sein Amt zur Verfügung (...) Er hat die Fifa damit erlöst, denn Sponsoren, Fans und viele Freunde des Fußballs konnten es einfach nicht mehr ertragen, Sepp Blatter an der Spitze zu sehen."

"Faz.net": "Der Fußball allein hätte es wohl nie geschafft. Es war die amerikanische Justiz, die Blatter zum Rücktritt zwang. Nun muss unter den schwachen Funktionären jemand gefunden werden, der nicht Eitelkeit und Eigennutz frönt, sondern sich in den Dienst der Sache stellt."

"Rheinische Post": "Der Rücktritt hat offenbar mit den jüngsten Enthüllungen [...] im Fifa-Korruptionsskandal zu tun. [...] Es ist überaus wahrscheinlich, dass Blatter von all den Vorgängen gewusst hat, die dem Verband vorgehalten werden. Ebenso wahrscheinlich ist, dass er an den "Unregelmäßigkeiten", wie es so schön in der Anklage heißt, beteiligt war. Sein Rücktritt ist ein Schuldgeständnis."

GROßBRITANNIEN:

"The Times": "Sepp Blatters Rücktritt als FIFA-Präsident war längst überfällig. Es ist gut, dass er geht. Die Beweise der US-Ermittlern scheinen zu bestätigen, dass die FIFA durch und durch verdorben war, und von einem Klüngel in einer Fünf-Sterne-Welt unter der nachsichtigen Aufsicht Blatters geführt wurde. Die FIFA muss nun einen unwahrscheinlich anmutenden Prozess einleiten, um einen ehrlichen Führer zu suchen."

FRANKREICH:

"Libération": "FIFA Nostra. Heiliger Blatter, er hat uns bis zum Ende lachen lassen. (...) Was werden die 133 Verbandschefs denken, die für ihn gestimmt haben?"

"Le Figaro": "Blatter hat also die Waffen gestreckt. Gerade mal vier Tage nach seiner Wiederwahl an die Spitze der FIFA. Eine unglaublich dramatische Wendung, verursacht durch eine weitere Enthüllung."

"Ouest-France": "Die überraschende Bekanntmachung hat die Wirkung einer Bombe für die Fußballwelt. Ein unfassbares Erdbeben nach den Maßstäben des Geschäfts Fußball. Er (Blatter) hielt sich für unzerstörbar, unbesiegbar, unverzichtbar."

SCHWEIZ:

"Neue Zürcher Zeitung": "Dem Weltfußball dürften turbulente Wochen bevorstehen, wobei die zentralen Aspekte nicht nur Blatters Nachfolge, sondern auch die Beweggründe für seinen Abgang betreffen werden. Es gibt Spekulationen, Blatter gehe nicht einfach dem FIFA-Frieden zuliebe, sondern kapituliere vor juristischen Untersuchungen. Der Walliser steht zwar seit Jahren einer von Korruption geprägten Organisation vor, doch kriminelle Machenschaften sind ihm noch nicht nachgewiesen worden."

"Tagesanzeiger": "'Schlangenkopf' oder 'Jesus'? Fast weltweit verehrt, in seiner Heimat verachtet: Der Walliser machte sich während seiner 17-jährigen Amtszeit nicht nur Freunde. (...) Paradoxerweise wurde er als Vertreter Europas ausgerechnet auf seinem Kontinent am meisten kritisiert, nicht zuletzt auch in seinem Heimatland."

"Blick:" "Und jetzt geht er doch? Dann hat er etwas falsch gemacht? Liegt gegen ihn etwas Belastendes vor? Oder reicht ihm die Wiederwahl von letzter Woche für sein Vermächtnis? Oder sind es private Gründe? Noch am Kongress im Hallenstadion in Zürich-Oerlikon beteuerte Blatter, den Fußball vom Ruch der Korruption befreien zu wollen – als Präsident. (...) Bei seinem Abgang gestern tönt er anders, verbittert, geknickt."

ÖSTERREICH:

"Die Presse": "Eines aber dürfen alle Kritiker nicht vergessen: Blatter hat die Fifa zu dem gemacht, was sie ist; ein Unternehmen mit zwei Milliarden Dollar Jahresumsatz, ein Weltkonzern. Die Vermarktung des WM-Pokals ist ein Selbstläufer, jeder Amateur könnte es. (...) Blatter war ein Top-Manager mit Kontakten, Geschäftssinn und Verhandlungsgeschick. Die Fifa hat unter seiner Leitung den Fußball an den Bestbieter verkauft, ja; aber extrem hochpreisig. Und ausschließlich an dieser Summe wird nun sein Nachfolger gemessen."

RUSSLAND:

"Kommersant": "Der Korruptionsskandal des Fußball-Weltverbandes hat eine sensationelle Fortsetzung erhalten. Der Rückzug von Joseph Blatter ist eine unangenehme Nachricht für Russland, das einer von Blatters treuesten Verbündeten im Kampf um den Präsidentenstuhl war."

"Rossijskaja Gaseta": "Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam die Erklärung des vergangene Woche gewählten FIFA-Präsidenten Joseph Blatter. (...) Blatter wurde bei irgendetwas erwischt. Ein Mensch bei völlig gesundem Verstand und Gedächtnis kann nicht innerhalb weniger Tage so drastisch seine scheinbar unerschütterliche Haltung ändern."

"Sowjetski Sport": "Es ist offensichtlich, dass nur ein sehr ernster Grund Blatter zum Rücktritt bewegen konnte, der immer taub gegen Kritik und Korruptionsvorwürfe in seiner Organisation war."

"Sport Express": "Der Rücktritt Blatters ist eine Tatsache, die für die russischen Interessen unangenehm und beunruhigend ist. (...) Aber da bislang nichts Ernstes (gegen Russland) bekanntgeworden ist, dürfte Blatters Rückzug keine fatalen Folgen für unsere Weltmeisterschaft (2018) haben."

ISRAEL:

"YNET": "FIFA wird in der nächsten Zeit mit der Wahl eines neuen Präsidenten beschäftigt sein und die Beschäftigung mit den palästinensischen Beschwerden wird sich verzögern. Sollte UEFA-Chef Michel Platini gewählt werden, wären das gute Nachrichten für Israel. Platini war zuletzt die wichtigste Kraft bei der Unterstützung Israels gegen die Forderung der Palästinenser nach einem Ausschluss (aus der FIFA). Aber auch wenn der Prinz Ali bin al-Hussein aus Jordanien gewählt wird ist das nicht unbedingt schlecht für Israel."

(zusammengestellt von cai)