Der Chemnitzer FC steht erneut wegen seiner rechtsextremen Fans in den Schlagzeilen. So erging es in der Vergangenheit auch schon Borussia Dortmund. Das Problem rechtsextremer Anhänger betrifft aber weit mehr als jene beiden Fußballvereine. Wie kommt es überhaupt, dass Rechtsextremisten im Fußball derartig präsent sind? Wie verbreitet sind sie? Und was können Fans und Vereine dagegen tun?

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Sie treten meist in einheitlichen Farben auf, vorzugsweise dunkel gekleidet. Viele Klamotten sind versehen mit Symbolen und Schriftzeichen. Martialisch, direkt, nicht selten in Frakturschrift. Eindeutige "Erkennungsmerkmale" gibt es äußerlich aber nicht. Was sie vereint, ist die politische Gesinnung: Rechtsextremismus.

Rechtsextreme Fußball-Fans gibt es in Deutschland haufenweise. Einige Gruppen existieren seit vielen Jahren. Unterschiedlich ist aber ihre Präsenz, Außenstehende können die Strukturen kaum überblicken.

Chemnitz: Ex-Kapitän Frahn steht rechter Szene nah

Jüngstes Beispiel: Die Vorkommnisse beim Chemnitzer FC. Thomas Sobotzik war als Sportdirektor des Drittligisten Anfang September zurückgetreten, weil er in der Vergangenheit von den eigenen Fans etwa als "Hurensohn" oder "Drecks-Jugo" beleidigt worden war und die - unter anderem - rassistischen Beleidigungen gegen seine Person nicht mehr aushalten konnte.

Die Negativschlagzeilen hatten begonnen, als im Stadion für einen toten Rechtsextremisten eine Trauerbekundung abgehalten worden war. Zudem hatte sich der Verein von Publikumsliebling und Kapitän Daniel Frahn getrennt. Ihm war Nähe zur rechten Szene vorgeworfen worden.

Die Gewaltbereitschaft in deutschen Stadien nimmt zu - könnte man meinen. Gibt es einen Rechtsruck in Fußball-Deutschland?

Rechtsextremismus in Stadien ist nur schwer messbar

Rechtsextremismus in deutschen Fußballstadien lässt sich nur schwer messen. "Es gibt kein Zentralregister für rechtsextreme Vorfälle im Fußball und seinen Fanszenen", sagt Robert Claus, Fan-Forscher von der Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit, im Gespräch mit unserer Redaktion. Belastbare Zahlen, ob Rechtsextremismus unter Fangruppen zugenommen hat, liegen also nicht vor.

Doch der Fall des Chemnitzer FC schockiert. Ultras der Gruppierung "Kaotic Chemnitz" bedrohten Sportdirektor Sobotzik, beschimpften ihn als "Judensau". Im Fadenkreuz stand auch der Insolvenzverwalter des Vereins, Klaus Siemon.

Die Gruppe "NS Boys" (NS steht hierbei offiziell für "New Society") soll an den Krawallen nach dem Mord des Geflüchteten Daniel H. vergangenen Sommer beteiligt gewesen sein.

Radikale Gruppierungen als Spiegelbild der Gesellschaft?

Das Chemnitzer Beispiel zeigt, dass sich politische und gesellschaftliche Strukturen im Fußballstadion widerspiegeln. Einige Fans wollen ihre politische Gesinnung nicht verbergen – ganz im Gegenteil, meint Fan-Forscher Claus.

"Viele Ursachen liegen in der Situation in den neuen Bundesländern Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger Jahre", sagt er. Zu Zeiten der rassistischen Übergriffe in einigen ostdeutschen Regionen hätten sich viele Hooligan-Vereinigungen gegründet.

Rechte Fangruppen gibt es in ganz Deutschland

Sind rechtsextreme Fans ein reines Fußballproblem, vielleicht sogar ein rein ostdeutsches? Keineswegs. Rechtsextreme Fans finden sich im Sport überwiegend, wenn direkte Konfrontation Natur der Sportart ist, zum Beispiel bei Mannschaftssportarten oder im Kampfsport, erklärt Claus.

"Das Freund-Feind-Schema begünstigt die Lage", sagt er. Im Fußball oder im Eishockey etwa falle ein Fan dann "durch die Anonymität der Masse nicht auf", sagt er.

Zudem gibt und gab es rechte Fangruppen auch in vielen westdeutschen Fußball-Stadien, etwa bei Borussia Dortmund, Eintracht Braunschweig, dem MSV Duisburg oder Werder Bremen.

2013 löste sich die antifaschistische Ultra-Gruppierung "ACU" von Alemannia Aachen auf nach zu heftigen Anfeindungen durch die rechtsextreme Aachener "Karlsbande" und Neonazi-Gruppe "Kameradschaft Aachener Land". In Bremen existierte bis 2015 die "Standarte Bremen", einzelne Mitglieder der Hooligan-Truppe wurden zur rechtsextremistischen Szene gezählt und vom Verfassungsschutz beobachtet.

Rechtsextreme drohen BVB-Boss Watzke mit Mord

Auch der BVB hatte jahrelang ein massives Problem mit rechter Gewalt. 2013 wurden zwei Fanbetreuer von rechten Fans auf der Toilette zusammengeschlagen. Die Hooligan-Gruppe "0231 Riot" attackierte in der Vergangenheit nicht nur Gästeanhänger, sondern auch linksorientierte BVB-Fans, die ihre Gesinnung offen zur Schau trugen.

Der Gruppe wird ein guter Kontakt in die Neonazi-Szene nachgesagt. Anfang 2017 hatte sie eine Morddrohung gegen Vorstandsboss Hans-Joachim Watzke an eine Wand gesprüht: "Aki Watzke, aus der Traum... bald liegst du im Kofferraum."

Kurz zuvor war die Südtribüne gesperrt worden - wegen Ausschreitungen während eines Fußballspiels. "0231 Riot" sollen damals zwischen 60 und 80 Hooligans angehört haben.

"Diese Gruppe ist keine BVB-Gruppe, die sind auch nicht in unserer Ultraszene", sagte Watzke später.

Prävention und Intervention: Wie sich der BVB gegen Rechtsextremismus stellt

Um das Rechtsextremismus-Problem zu lösen, hat sich der BVB Hilfe von außen geholt. "Bei den Handlungsmöglichkeiten der Vereine im Kampf gegen Rechtsextremismus muss man unterscheiden zwischen Intervention und Prävention", erklärt Claus, der den BVB beraten hat.

Intervenieren könne der Verein etwa mit Plakat- und Stadionverboten. Viel wichtiger sei es, "Bildungsangebote zu schaffen, damit junge Fans gar nicht erst in rechte Spektren abgleiten".

Dies geschehe über Fanbetreuung und Netzwerkarbeit in der Stadt sowie Kommunikation nach innen und außen. "Es ist wichtig, dass die Vereine nicht nur auf Symbolaktionen setzen", betont er. Der BVB beispielsweise organisiert für seine Fans Fahrten in Konzentrationslager. Ein Angebot, das viele friedliche Fans annehmen.

Was Fans tun können: Eine klare Botschaft senden

Auch Schweigen sei eine Botschaft, sagt Claus und plädiert ausdrücklich dafür, sich als Verein zu positionieren. Dabei gebe es noch mehr Arten als die direkte Konfrontation mit den Fans im Stadion. Beispielsweise Plakate, Veranstaltungen und eine klare Meinungsäußerung.

Für Borussia Dortmund sind die Anhänger besonders wichtig. Rechtsextreme BVB-Fans gibt es noch immer, aber: "Sie werden durch entsprechende Reaktionen aus der Fanszene oder vom Verein erwidert", erklärt Claus.

Das sei ein großes Zeichen im Kampf gegen Rechtsextremismus. Nicht nur im Fußball.

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