Der FC Bayern ist in der Champions League ausgeschieden. Der deutsche Rekordmeister braucht aber dennoch keinen Umbruch, meint der ehemalige Bayern-Trainer und zweimalige CL-Gewinner Ottmar Hitzfeld im Exklusiv-Interview mit unserem Portal und widerspricht damit den Kritikern.

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Ottmar Hitzfeld hat als Trainer des FC Bayern und mit Borussia Dortmund die Champions League gewonnen. Im Gespräch mit unserem Portal erklärt der 69-Jährige unter anderem, woran es bei den Bayern im Halbfinale gegen Real Madrid gehapert hat und warum er Niko Kovac den Job als Cheftrainer der Münchner unbedingt zutraut.

Herr Hitzfeld, der Sportchef des AS Rom hat nach dem Ausscheiden seiner Mannschaft gewettert: "Das Finale müsste Bayern gegen Rom heißen." Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Ottmar Hitzfeld: Ja, natürlich, dass Bayern im Finale stehen müsste, da stimme ich natürlich zu. Aber Liverpool hat es auch verdient, sie waren gegen Rom in beiden Spielen die stärkere Mannschaft.

Bei Real gegen Bayern, hat allerdings der FCB dominiert. Wenn die Effizienz besser gewesen wäre und sie die zwei Blackouts bei den Gegentoren vermieden hätten, dann wäre Bayern sicher im Finale.

Nach dem CL-Aus war der Tenor, dass man offensichtlich irgendetwas falsch mache oder irgendetwas fehle, um diese großen Spiele zu gewinnen. Wie sehen Sie das? Was fehlt den Bayern?

Ich glaube, es hat ein bisschen Überzeugung gefehlt, weil man so nah am Ziel nicht schon wieder gegen eine spanische Mannschaft ausscheiden wollte. Ich finde nicht, dass den Bayern spielerisch oder qualitativ etwas fehlt.

Ramos hat es ganz gut gesagt: Real hatte einfach den festen Glauben. Wenn man zweimal hintereinander die Champions League gewonnen hat, dann ist man überzeugt, dass man sie auch ein drittes Mal gewinnt. Dieser Glaube, diese totale Überzeugung, war vielleicht ausschlaggebend.

"Der FC Bayern braucht keinen Umbruch"

Braucht der FC Bayern einen Umbruch, um in den nächsten Jahren weiter international mithalten zu können? Im Hinblick auf die Spieler wird oft eine Verjüngungskur gefordert, stattdessen wird Bayern wieder mit Robben und Ribéry verlängern.

Ich war mit dem Abschneiden der Bayern und der Art und Weise, wie sie gespielt haben, sehr zufrieden.

Man gehört zu den besten Mannschaften der Welt, wenn man im Halbfinale der Champions League steht. Und in diesem Halbfinale waren die Bayern sogar noch besser als Real Madrid. Von daher ist es total überflüssig, Bayern zu kritisieren, oder zu sagen, man muss einen Umbruch gestalten.

Wenn die sportliche Leitung überzeugt ist, dass Ribéry und Robben noch ein Jahr Topleistung bringen können - was ich auch glaube - dann ist es die richtige Entscheidung zu verlängern. Und parallel kann man dann andere Spieler nachziehen, wie Serge Gnabry oder Kingsley Coman.

Ist es ein Vorteil für Kovac, dass er den FC Bayern nicht als Triple-Sieger übernehmen muss? Nach einem perfekten Jahr könnte er ja nur verlieren.

Das spielt eigentlich gar keine so große Rolle, weil bei Bayern die Erwartungshaltung immer hoch ist. Jetzt ist die Mannschaft im nächsten Jahr vielleicht noch ein wenig hungriger, das ist durchaus möglich.

Aber ich sehe keinen großen Unterschied, wenn sie jetzt die Champions League gewonnen hätten. Die Erwartungshaltung an einen neuen Trainer sind immer sehr hoch. Jeder Trainer, der bei Bayern ist, muss ein paar Titel gewinnen.

Wird das die größte Herausforderung für Niko Kovac, diese Erwartungshaltung, die er so als Trainer ja noch nicht erlebt hat?

Nein, das kennt er ja als Bayern-Spieler.

Das kann er also transferieren?

Ja. Niko Kovac weiß, was ihn erwartet, dass nur Siege zählen, dass nur die deutsche Meisterschaft zählt. Das Double sollte er am besten so nebenbei machen (lacht). Das ist total überzogen, aber das ist eben die Erwartungshaltung. Man ist in München eben doch sehr erfolgsverwöhnt.

Wie schätzen Sie ihn im Umgang mit Superstars ein? Das hatte er ja in dieser Form auch noch nicht.

Das kann er. Er hat bisher keine einfachen Mannschaften trainiert. Frankfurt hat zum Beispiel viele verschiedene Nationalitäten - und die alle unter einen Hut zu kriegen, ist auch nicht einfach.

Also trauen Sie ihm zu, dass er Erfolg hat als Bayern-Trainer?

Ja, natürlich. In der kroatischen Nationalmannschaft hatte er auch mit einigen schwierigen Spielern zu tun. Da hat er es geschafft, Ruhe in die Mannschaft zu bringen bei der WM 2014 in Brasilien.

Er ist ein Leader, eine Autoritätsperson. Von daher wird er sich auch bei Bayern durchsetzen.

Wie bewerten Sie die Taktik der Bayern, vermehrt auf ehemalige Spieler mit Stallgeruch zu setzen, wie Hasan Salihamidzic und Niko Kovac?

Das gehört zum FC Bayern. Man sagt, wir wollen eigene Leute nachziehen, die das Bayern-Gen in sich tragen, die wissen, wie Bayern funktioniert.

Und mit Hasan Salihamidzic, finde ich, hat man eine gute Lösung gefunden, weil er die Fachkompetenz als Ex-Spieler hat und auch sehr gut zu Bayern passt.

Gibt es ehemalige Spieler, die Sie in Zukunft auch bei den Bayern sehen in der einen oder anderen Funktion?

Da möchte ich jetzt nicht spekulieren.

Sie haben eng mit Uli Hoeneß zusammengearbeitet. Wie schwer fällt es ihm tatsächlich, Kontrolle abzugeben?

Es wird ja von Uli Hoeneß erwartet, dass er alles macht. Wenn er das nicht täte, würde er auch kritisiert werden.

Er kennt das Geschäft, er hat unglaublich viel Erfahrung, ist gerade im sportlichen Bereich top. Und wirtschaftlich sowieso.

Das passt. Das kann man schon noch ein paar Jahre so machen.

DFB-Kader: "Es geht natürlich nach Leistung"

Ist es ein Vorteil für die deutsche Nationalmannschaft, dass die Bayern-Nationalspieler wie Mats Hummels oder Thomas Müller nach dem CL-Ausscheiden noch hungrig auf den ganz großen Titel sind?

Das kann durchaus sein. Das hat aber immer Vor- und Nachteile.

Jetzt ist man zwar hungriger, weil man den Champions-League-Gewinn nicht erreicht hat. Aber man ist auch enttäuscht. Und wenn man gewonnen hätte, hätte man mehr Selbstbewusstsein und würde sich auf die WM noch mehr freuen. Das gleicht sich aus.

Nach welchen Kriterien außerhalb der reinen Leistung wählt ein Bundestrainer eigentlich seine Spieler aus? Worauf wird Jogi Löw besonders achten?

Jogi Löw hat riesige Erfahrung. Er hat seine eigenen Kriterien, nach denen er seine Spieler beurteilt. Es geht natürlich schon nach Leistung, aber eben nach der Leistung, die ein Spieler in der Nationalmannschaft gebracht hat.

Es kann jemand in der Bundesliga einen Durchhänger haben, deshalb hat er aber trotzdem Chancen in der Nationalmannschaft dabei zu sein. Und Jogi Löw wird nicht so viel experimentieren. Er wird den Spielern das Vertrauen geben, die schon in den letzten Länderspielen dabei waren.

Löw hat immer wieder betont, dass er bei der WM auf Manuel Neuer setzen will – ergibt das Sinn? Immerhin hat Neuer fast ein Jahr lang nicht gespielt.

Das ist eine Gewissensfrage. Jogi muss gut überlegen, was er macht. Manuel Neuer ist der weltbeste Torhüter, aber er hat keine Spielpraxis. Er muss schon noch das ein oder andere Spiel machen, bevor er zur WM fahren kann.

Laut Klaus Augenthaler soll Neuer sogar darüber nachdenken, die WM sausen zu lassen, um seine eigene Gesundheit nicht zu gefährden. Was würden Sie ihm als Trainer raten?

Man erwartet eine ehrliche Antwort von dem betreffenden Spieler. Er muss das selbst einschätzen, ob er der Mannschaft weiterhelfen kann. Die Entscheidung bleibt ihm selbst überlassen. Der Spieler muss total überzeugt sein, dass er das schaffen kann.

Überhaupt muss man Jogi Löw in diesen Tag wohl nicht um seinen Job beneiden. Die Aufgabe der Kader-Zusammenstellung scheint dieses Jahr besonders schwer. Es stellt sich ja nicht nur die Torwartfrage, sondern zum Beispiel auch die Frage ob Gomez oder Wagner. Wen würden Sie mitnehmen?

Was ich machen würde, spielt ja keine Rolle. Jogi kennt die Spieler sehr gut, ihre Trainingsleistung, ihre Leistung in den Spielen der Nationalmannschaft.

Er kennt die Mitspieler, er weiß genau, welche Spieler am besten zusammenpassen. Und das sind Kriterien, nach denen er entscheiden wird.

Spielt es vielleicht auch eine Rolle, gerade bei Positionen, die doppelt besetzt sind, wer sich besser im Mannschaftsgefüge unterordnen kann, wer auch aus der zweiten Reihe heraus mit einer positiven Einstellung helfen kann?

Natürlich. Das ist ein wichtiges Kriterium, wenn man den Kader mit 23 Mann benennt. Es geht darum, dass Spieler gut zur Truppe passen. Ein Spieler ist vielleicht nicht so stark wie andere, aber mit ihm passt das Mannschaftsgefüge dann besser zusammen.

Interessent wird auch, welche BVB-Spieler Löw mitnehmen wird: Wie schätzen Sie die Chancen von Mario Götze ein?

Bei Götze hängt viel von seiner Form ab und ob er in den letzten Spielen mit Borussia Dortmund auftrumpfen kann. In den vergangenen beiden Partien hat er sehr gut gespielt. Löw wird ihn sicherlich auf der Rechnung haben, wenn er in Topform ist.

Haben Sie schon Spieler im Auge, die die WM prägen könnten? Irgendjemand, der vielleicht auch als Newcomer durchstarten könnte?

Eigentlich nicht. Die Spieler, die auch die Champions League und die nationalen Meisterschaften geprägt haben, werden sich auch bei der WM hervortun. Neue Spieler gibt es eigentlich kaum auf dem Markt.

Interessant wird eher die Frage, ob Neymar fit wird. Er könnte eine WM für Brasilien prägen.

Für Deutschland kann ich mir vorstellen, dass Thomas Müller wieder der wichtigste Mann wird. Das wäre ihm zu wünschen.

Deutschland kann ja im Achtelfinale auf die Schweiz treffen – kann die Nati dem Weltmeister gefährlich werden? Wem drücken Sie in einem solchen Duell die Daumen?

Da hab ich zwei Herzen in meiner Brust. Als Deutscher und ehemaliger Schweizer Nationaltrainer sehe ich so eine Partie recht relaxt. Aber es ist natürlich klar, wenn der Weltmeister auf die Schweiz trifft, dann ist Deutschland Favorit.

Ich habe zwar mit der Schweiz zwar gegen Deutschland mal mit 5:3 gewonnen und das war vielleicht ein gutes Omen für die Schweiz. Sie glauben daran, dass sie Deutschland schlagen können, aber wie schon gesagt, da ist der Weltmeister trotzdem absoluter Favorit.

Schafft Deutschland die Titelverteidigung?

Ja. Deutschland hat sehr gute Chancen. Das sind immer Kleinigkeiten, die entscheidend sind. Am Schluss muss alles passen. Aber Deutschland ist in der Verfassung, um den Titel zu verteidigen.