Die Branche darf sich nichts vormachen. Natürlich müsste eine ehrliche Gehaltsobergrenze die Zügellosigkeit im Profifußball stoppen und den Sport zurück in seine Bezahlbarkeit mit überschaubarem Risiko führen. Aber dazu bedarf es einer Einigkeit zwischen den Verbänden und Vereinen, die es so nicht gibt, niemals so geben wird und vermutlich noch nie gegeben hat.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk

Es reichen dem einen (in diesem Fall Karl Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern) ja schon ein paar kritische und vielleicht überzogene Bemerkungen in einem "Spiegel"-Interview, um dem anderen (DFB-Präsident Fritz Keller) Sozialarbeit auf Hartz-Vier-Niveau zu wünschen: Er solle vor seiner eigenen Haustür kehren. Solidarität: null.

So geht das ständig. Man muss Vertretern der reicheren Vereine nur eine gerechtere Verteilung der Fernsehgelder vorschlagen, um in der Liga eine Chancengleichheit zu fördern. Schon wird man wahlweise als Sozialist oder Romantiker verspottet. Und hier reden wir nur vom Gefälle innerhalb von Deutschland. International wird's extrem komplizierter.

Wenn schon die kleinsten Meinungsverschiedenheiten im öffentlichen Raum eskalieren: Wie will sich der europäische Klubfußball vor der EU in Brüssel dann als Einheit präsentieren, damit ein Regelwerk die Gehaltszahlungen gesetzlich zügelt?

Die guten Absichten, die DFB-Chef Keller gestern in einem 5-Punkte-Plan äußerte, sind aller Ehren wert. Aber auch das Papier, auf dem sie ausgedruckt werden?

Gehaltsobergrenze - das klingt bei Jahresgehältern, die das Hundertfache vom Gehalt der Bundeskanzlerin übersteigen, so zwingend logisch, dass man sich unweigerlich fragt: Warum gibt's die nicht schon längst? Die Antwort ist einfach: Weil die Grundlage dafür fehlt.

Wo Regelungen offiziell das Salär beschränken, wird es immer Wege geben, die besten Fußballspieler mit Zahlungen jenseits der Gehaltsobergrenzen an sich zu binden. Werbeverträge, Fotorechte, Zweitkonto: Haben nicht die Footballleaks-Enthüllungen die breite Kreativität an Bonus-Ausschüttungen offengelegt? Nicht mal der Fiskus bekam davon etwas mit und ab.

Der erneute Versuch birgt wahrscheinlich den kleinen Vorteil, dass eine Reduzierung von Spitzengehältern aktuell populär ist und mitten in der Coronakrise ein Momentum genießen könnte. Die Partner auf der anderen Seite des Verhandlungstisches, die Spieler und Berater, haben inzwischen weniger Gegenargumente. Ihr wichtigstes vielleicht: die Zeit.

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Es wird die Zeit kommen, dass sich die Dinge normalisieren, die üblichen Verdächtigen wieder ihre Mannschaften für die Champions League aufrüsten wollen und ihren Verstand mit den guten Absichten rechtzeitig zurücklassen. Man denke nur an Paris Saint-Germain oder Real Madrid: Teure Profispieler sind dort Selbstzweck.

Deutschland könnte sich dem Sog natürlich entziehen und zugunsten eines volksnahen Sports alle Ambitionen zurückstellen, die man mit Blick auf den Henkeltopf hegt. Wer mag daran glauben? Am Ende wollen alle die silberne Trophäe und damit sich selbst ein Stück in den Himmel heben. Auch wenn das so ist: Man kann Fritz Keller trotzdem nur viel Erfolg wünschen.

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