Dem Trainer der Nationalmannschaft von Costa Rica, Gustavo Matosas, wurde sein Job so fade, dass er letzte Woche freiwillig zurücktrat. Gut, dass unser Bundestrainer Jogi Löw noch einige Herausforderungen vor sich hat und genug zu tun haben sollte. Nichtsdestotrotz, was treibt ein Nationaltrainer ohne eine dauerhafte Mannschaft und wenn keine Länderspiele anstehen?

Eine Kolumne
von Alex Steudel, Freier Autor

Das Problem eines Nationaltrainers ist, dass fast nie irgendjemand da ist, mit dem man was machen kann, dass er nur alle Monate kurz seine Spieler sieht und trainiert. Und meistens haben die dann auch gar keine große Lust oder machen auf verletzt, damit sie wieder heim zu ihrer Playstation können.

Selbst einem wie Jogi Löw bleibt nichts anderes übrig, als dauernd am Mittwoch oder Samstag in irgendeinem Stadion rumzusitzen und auf einer Bratwurst rumzukauen und interessiert zu gucken und danach Reisekostenabrechnungen zu schreiben und vielleicht ein bisschen rumzutelefonieren.

"Hallo, ich bin's."

"Wer?"

"Dein Trainer."

"Aber der steht doch gerade vor mir."

"Der andere, Mensch!"

"Ach so, lange nicht mehr gesehen, wie geht's?"

"Gut. Und dir?"

"Auch gut."

"Toll, wir sehen uns dann in vier Wochen."

"Yo."

Wie der Gardinenladen unter den Shopping-Erlebnissen

Länderspielwochen sind für Spieler ungefähr das, was in meiner Kindheit das Einkaufengehen mit den Eltern war. Ich hoffte zwar immer darauf, an einer Spielwarenabteilung vorbeizukommen, wusste aber genau: Das wird mal wieder eine stinklangweilige Angelegenheit.

Meine Spielwarenabteilung heute sind Auftritte des DFB-Teams, ansonsten bietet mir der Weltfußball in Länderspielwochen nur Gardinenladen, Frauenabteilung (erstes OG) und Schuhgeschäft. Den Trainer geht’s nicht anders.

Mal ehrlich, wen interessiert es schon, wie am Dienstag in der WM-Vor-Qualifikation Guinea-Bissau gegen Sao Tomé und Pricipe gespielt hat (2:1 übrigens), oder welche Dramen sich zwischen San Marino und Zypern abspielten (keine, Ioannis Kousoulos traf aber zweimal). Genauso gut könnte ein Nationaltrainer in der Bundesliga am Donnerstag zu einem Freitagsspiel gehen.

Gustavo Matosas: "Der Job ist mir zu langweilig!"

Und weil das endlich mal ein Protagonist laut gesagt hat, bin ich neuerdings ein großer Fan von Gustavo Matosas. Obwohl er sieben Länderspiele für Uruguay gemacht hat, verband ich seinen Namen bisher mit Fußball wie Tiki-Taka mit dem HSV. Aber vergangene Woche hat er mein Herz gewonnen, als er etwas tat, was ich mich früher nie getraut hätte: Er hat Nein zum Gardinenladen gesagt, also seinen Job als Nationaltrainer von Costa Rica hingeschmissen, und zwar mit der besten und ehrlichsten Begründung aller Zeiten. Er sagte: Der Job ist mir zu langweilig!

Ich gebe zu, ich habe mich schon öfter gefragt, wie Nationaltrainer ihren Alltag bewältigen: Aufstehen, Zähneputzen, Kicker lesen, alte Spiele auf Sky und DAZN angucken, vielleicht mal in einem Taktikbuch blättern und ansonsten in der Wohnung auf und ab gehen – was soll daran spannend sein? Wenn ich mir jetzt noch vorstelle, wie dieser Mensch mit einem Löffel in der Hand Löcher in die Wand kratzt, bin ich schon kurz vor Clint Eastwood und "Flucht von Alcatraz".

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Alex Steudel, ehemals Chefredakteur der FIT FOR FUN und SPORT BILD, ist als freier Chefredakteur tätig und regelmäßiger Kolumnist bei Fever Pit'ch, dem täglichen Fußball-Newsletter von Journalist und Buchautor Pit Gottschalk.
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