• Die deutsche Nationalmannschaft und ihr Trainer Joachim Löw wähnten sich in der WM-Qualifikation auf einem guten Weg.
  • Das letzte Länderspiel vor der Nominierung des EM-Kaders aber wurde zu einem neuerlichen Rückschlag.
  • Nach der Niederlage gegen Nordmazedonien steht der Bundestrainer gefühlt wieder am Anfang seiner letzten Mission.
Eine Analyse

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Irgendwann ist immer das erste Mal und für Joachim Löw war es dann halt in seinem 33. und letzten WM-Qualifikationsspiel so weit: Das 1:2 gegen Nordmazedonien war erst die dritte Niederlage überhaupt in der langen Geschichte deutscher Qualifikationsspiele für eine Weltmeisterschaft und die erste nach fast 20 Jahren - nach dem legendären 1:5 am 1. September 2001 in München gegen England.

Auf seiner Abschiedstournee musste Löw, musste die deutsche Nationalmannschaft einen erneuten Tiefschlag hinnehmen. "Die Enttäuschung bei uns ist riesengroß", sagte der Bundestrainer nach dem Spiel bei RTL - viel mehr hatte ein sichtlich ratloser Löw aber kaum beizutragen zur Aufarbeitung einer - einmal mehr - historischen Niederlage.

In Löws Endphase werden die Intervalle der heftigen Einschläge immer kürzer, nach dem Total-Crash bei der WM in Russland vor knapp drei Jahren, einem sportlichen Abstieg in der sportlich eher zu vernachlässigenden Nations League ohne einen einzigen Sieg, dem unglaublichen 0:6 gegen Spanien im letzten November nun also eine Pflichtspielniederlage gegen die Nummer 65 der Weltrangliste.

Nach Löws angekündigtem Abschied nach der EM hatte der eine oder andere wohl auf eine Kehrtwende gehofft. Nun dürften die zweieinhalb Monate bis zum ersten Spiel aber mehr denn je von Zweifeln begleitet werden. Es ist eben der letzte Eindruck, der nun lange nachwirken wird. Die ordentlichen Eindrücke aus den beiden Spielen davor gegen Island und Rumänien sind deshalb fast schon wieder verwischt. Was also bleibt vom Start in die EM-Saison? Eine Bestandsaufnahme.

Die Aufbruchstimmung bleibt aus

Es bleibt wie so oft in den letzten Monaten und Jahren: Die deutsche Nationalmannschaft hat sich auf allen Spielfeldern redlich bemüht. Das gilt für die gut gemeinten, aber im klassischen DFB-Marketing-Jargon unters Volk gebrachten (politischen) Botschaften und selbstredend auch für die Leistungen der Mannschaft.

Nach dem Systemabsturz gegen Spanien war eine Reaktion erwartet worden, die in der ersten Halbzeit gegen Island auch kam. Allerdings auch nur da und gegen einen Gegner, der ein paar Tage später gegen Fußballzwerg Armenien 0:2 verlor.

Die leeren Stadien sind ein Problem, weil die direkte, unmittelbare Rückmeldung der Zuschauer fehlt. Stattdessen prangte in Duisburg erst "Ein Team" in großen Lettern auf der Tribüne, dann der Schriftzug "Ein Ziel". Auch das: Nett gemeint, aber wenig zielführend und gefühlt schon hundertfach im Kontext der Nationalmannschaft gesehen.

Die Lust am Produkt Nationalmannschaft bleibt auch nach diesen drei Spielen verhalten, eine Vorfreude auf eine EM an verschiedenen Standorten in Europa inmitten der Pandemie ist kaum zu verspüren. Das 1:2 gegen Nordmazedonien war zudem ein neuerlicher Stimmungskiller.

Die Gewinner und Verlierer

Leroy Sané hat sich gut präsentiert in diesen Tagen. Der Münchener setzte seinen Aufwärtstrend bei den Bayern auch im Nationaldress fort und konnte andeuten, dass an ihm im Sommer kein Weg vorbeiführen darf. Auch Serge Gnabry hat seinen Stellenwert nochmals unterstrichen.

In Abwesenheit von Toni Kroos durfte sich eine neu konzipierte und umgestellte Mittelfeldformation zeigen, Joshua Kimmich auf der Sechs und davor auf einer der Halbpositionen Leon Goretzka. Beide konnten Pluspunkte sammeln, aber auch nicht restlos überzeugen. Immerhin verfestigt sich der Eindruck, dass im Zentrum des Spiels kein Mangel an hochqualifizierten Fachkräften herrscht und der Bundestrainer am Ende eher die Qual der Wahl haben dürfte als ein Defizit.

Etwas paradox verlief das Casting in der Defensive: Emre Can auf ungewohnter Position, Antonio Rüdiger als Abwehrchef und Matthias Ginter konnten tatsächlich ein bisschen auf sich aufmerksam machen - allerdings bleibt das Niveau im Vergleich zu anderen Spitzennationen überschaubar. Deutschland fehlen Innenverteidiger von Topformat, darüber können auch die zarten Fortschritte des Trios nicht hinwegtäuschen. Insofern ist vielleicht auch der aussortierte Mats Hummels ein möglicher Gewinner der letzten Tage.

Die Chelsea-Angreifer Kai Havertz und Timo Werner konnten ihre Chancen nur halb oder gar nicht nutzen. Havertz hatte einige starke Momente, zeigte aber auch, warum er in London auch nach mehr als einem halben Jahr noch gehörige Anlaufschwierigkeiten hat. Werners Status als Ergänzungsspieler hat sich zementiert, sein Fehlversuch gegen Nordmazedonien könnte ihm noch länger nachhängen.

Marc-André ter Stegen bleibt ein Pechvogel, zum wiederholten Male erwischte die Nummer zwei im Tor ausgerechnet ein Spiel, das der Rest der Mannschaft grandios in den Sand setzte. Wobei es an ter Stegens Rolle hinter Manuel Neuer und innerhalb der Mannschaft ohnehin keinen Zweifel gibt.

Kriegen Jogi Löw und die Mannschaft bis zur EM die Kurve?

Ein Verlierer ist definitiv auch der Bundestrainer selbst. Löw wirkte regelrecht konsterniert in der Aufarbeitung der Partie, nach den betont gelassenen Auftritten der letzten Tage kam da nicht mehr viel. Seine taktischen Kniffe mit drei aufbauenden Spielern in der ersten Linie und vielen Positionsrochaden im Angriff zeigten immer mal wieder Wirkung, aber keine nachhaltigen Effekte, auf die man bei der EM guten Gewissens bauen könnte.

Und es schwindet weiter die Hoffnung, dass Löw der Mannschaft die entscheidenden Impulse geben, dass er beim Turnier doch noch einmal die Kurve kriegen könnte.

Während es in einigen Mannschaftsteilen ein Überangebot an geeigneten Spielern gibt, herrscht anderswo Mangel. Deutschland hat als einzige Topnation immer noch keinen Mittelstürmer, auf den Außenbahnen in der Defensive wird weiter munter ausprobiert, ohne eine dauerhafte Lösung zu finden.

Das ist nicht Löws Schuld, rüttelt aber gewaltig an der dringend benötigten Homogenität der Mannschaft. Das kann gut gehen - in einer EM-Gruppe mit Frankreich, Portugal und Ungarn aber auch ganz schnell das Aus bedeuten. Und auf Sicht, also für Löws Nachfolger, bleiben die Probleme, die auch der aktuelle Bundestrainer teilweise seit mehr als einem Jahrzehnt mit sich herumschleppt.

Zumal, und das müssen sich Löw und das vorhandene Personal dann doch ankreiden lassen, es an der einen oder anderen Stelle nicht nur sportlich etwas zu dünn ist, sondern auch einige sogenannte weiche Faktoren fehlen. Wo sind die Widerstandsfähigkeit und Durchsetzungskraft, die kollektive Anstrengung, sich gegen drohendes Unheil zu stemmen?

Zu uninspiriert, zu wankelmütig, zu gleichgültig

Es bleibt der Verdacht, dass das alles zu brav ist. Oder zu uninspiriert, zu wankelmütig, zu gleichgültig. "Uns bleibt nichts anderes übrig, als weiterzumachen. Es ist nicht unser Anspruch und nicht zu erklären. Es ist aber so und das müssen wir jetzt akzeptieren. Es tut umso mehr weh, dass jetzt zwei Monate nichts passieren wird, bevor wir uns wiedersehen", sagte Interimskapitän Ilkay Gündogan am RTL-Mikrofon und sprach damit einen anderen Punkt an.

Es wird eine lange Zeit werden bis zum nächsten Länderspiel Anfang Juni. Die Rufe nach gestandenen Charakteren für diese Mannschaft auf der Suche nach sich selbst werden bis dahin nicht verstummen, sie werden im Gegenteil wohl immer noch lauter werden. Die deutsche Nationalmannschaft bleibt eine begabte Truppe, daran gibt es nichts zu deuteln. Aber es fehlt ihr immer mal wieder am nötigen Selbstverständnis, an der Konstanz und vielleicht auch am einen oder anderen zusätzlichen Charakterkopf auf dem Platz und in der Kabine.

Löw muss endlich eine Entscheidung treffen, wie er mit Mats Hummels und Thomas Müller, vielleicht sogar noch mit Jerome Boateng umgehen will. Womöglich wartet auch der Rest der Mannschaft auf dieses Signal. Der Schwebezustand dauert nun schon lange genug an.

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