Vom Weltmeistertrainer zum Buhmann: Der vorläufige Abstieg des Jogi Löw

2014 ist Jogi Löw auf dem Höhepunkt seiner Trainerkarriere angekommen. Als Bundestrainer coacht er die deutsche Nationalmannschaft zum Weltmeistertitel in Brasilien. Sechs Jahre später wackelt sein Trainerstuhl mehr denn je. Eine Chronologie des Abstiegs.

Lange war das das einzige Bild, das wirklich zählte: Jogi Löw im Augenblick des Triumphs. Weltmeister in Brasilien an einem wunderbaren Tag im Sommer 2014.
Der Gewinn der WM macht Löw quasi unantastbar. Der DFB setzt auf ihn, hat absolutes Vertrauen - doch nur zwei Jahre nach dem Höhepunkt bekommt Löws Denkmal erste kleine Risse.
Bei der EM 2016 scheidet Deutschland zwar erst im Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich (0:2) aus, doch schon das ganze Turnier über gibt es Kritik am Spiel der deutschen Nationalmannschaft.
Im Laufe des Turniers zeigt sich, dass die deutsche Mannschaft vor allem in der Offensive ein Problem hat. Das wird vor allem an Löws Kaderplanung festgemacht. Ein Stoßstürmer von internationalem Format fehle, kritisiert die "Sportschau" nach dem Ausscheiden der DFB-Elf.
Allerdings muss Stürmer Mario Gomez, der bis dahin eine gute EM gespielt hat, im Viertelfinale gegen Italien verletzt ausgewechselt werden und fällt für den Rest des Turniers aus.
Löw will sich aber ein nach eigener Aussage "gutes Turnier" nicht kaputtreden lassen. Schon damals fällt auf, dass der Bundestrainer Kritik gerne süffisant weglächelt. Der Weltmeister-Trainer ist von sich und seinen Entscheidungen zu 100 Prozent überzeugt.
Der Gewinn des Confed Cup 2017 ohne Neuer, Müller, Hummels, Podolski und andere Weltmeister scheint der Vorbote einer hoffnungsvollen Zukunft oder doch zumindest einer erfolgreichen WM 2018 zu sein. Eine Hoffnung, die sich nicht bestätigen soll.
Deutschland reist als Titelverteidiger und zumindest Mitfavorit zur WM 2018 nach Russland. Doch schon nach dem ersten Gruppenspiel gegen Mexiko, das mit einer 0:1-Niederlage endet, macht sich Ernüchterung breit.
Trotz der Niederlage gibt sich Jogi Löw vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Schweden betont cool und lässig. Die Bilder sollen eine deutliche Nachricht in die Heimat senden: Der Bundestrainer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Und gegen Schweden gewinnt Deutschland tatsächlich. Glücklich zwar, aber immerhin.
Gegen Südkorea geht es im dritten Gruppenspiel um alles. Doch die Mannschaft versagt auf ganzer Linie: Die 0:2-Niederlage besiegelt das Ausscheiden von Löws Team. So schlecht hat noch nie eine deutsche Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft abgeschnitten.
Doch nicht nur sportlich brodelt es nach dem Ausscheiden. Schon vor der WM hatte ein Foto von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für Schlagzeilen gesorgt. Das frühe Ausscheiden gibt der Diskussion noch mehr Raum und vor allem Özil sieht sich schweren Angriffen ausgesetzt.
Weder Löw noch der DFB schaffen es, Özil aus dem Kreuzfeuer zu nehmen. Stattdessen wird die Diskussion zu einem Störfeuer in einer ohnehin noch nicht zusammengewachsenen Mannschaft.
Später wird auch von Grüppchenbildungen innerhalb der Mannschaft die Rede sein, auch Jogi Löw selbst gerät immer mehr in die Kritik: Kurz vor der WM hatte er seinen Vertrag bis 2022 verlängert, nun steht er plötzlich auf der Kippe. Doch Löw will keine Entscheidung übers Knie brechen, sondern erst alles ausführlich analysieren.
Am 29. August 2018, knapp zwei Monate nach dem Ausscheiden, ist es dann so weit. Jogi Löw lädt zur Pressekonferenz und erläutert die Gründe für das Abschneiden in Russland - und nimmt auch sich selbst dabei nicht aus der Kritik aus. Seine Taktik sei "fast schon arrogant" gewesen. Er habe Ballbesitzfußball "auf die Spitze treiben und perfektionieren" wollen.
Im Herbst 2018 startet die neu geschaffene Nations League und damit eine neue Chance für Löw zu zeigen, dass er noch der Richtige auf dem Posten des Bundestrainers ist. In der Gruppe mit den Niederlanden und Frankreich gelingt der DFB-Elf aber kein einziger Sieg.
Im März 2019 folgt dann die Entscheidung, die Löw bis heute verfolgt: Der Bundestrainer teilt Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng mit, nicht länger mit ihnen zu planen. Der Rausschmiss kommt für die drei Weltmeister völlig überraschend. Löw wird daraufhin unter anderem (aber nicht nur) von Verantwortlichen des FC Bayern schlechter Stil vorgeworfen.
Bis heute fordern Experten immer wieder die Rückkehr der drei Spieler in die Nationalmannschaft - vor allem angesichts der Tatsache, dass speziell Thomas Müller beim FC Bayern überragende Leistung zeigt. Löw ist in dieser Hinsicht jedoch nicht umzustimmen.
Im Herbst 2019 folgt die nächste herbe Niederlage für die deutschen Nationalmannschaft. In der EM-Qualifikation verliert die Elf von Jogi Löw gegen die Niederlande zu Hause nach einer 1:0-Führung zur Halbzeit noch mit 2:4.
Auch ein 6:1-Sieg über Nordirland im November 2019 kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Nationalmannschaft sportlich noch nicht richtig gefunden hat. Am Ende steht aber immerhin die ungefährdete Qualifikation für die Europameisterschaft.
Im Jahr 2020 bleiben die Erfolge aus. Gegen die Schweiz und Spanien gibt es in der Nations League zunächst nur Unentschieden, bis es dann am 17. November gegen Spanien die höchste Niederlage einer deutschen Nationalmannschaft seit 1931 hagelt: Nach 90 Minuten in Sevilla steht es aus deutscher Sicht 0:6.