Das schlechteste Länderspieljahr in der Ära Joachim Löws geht mit den Partien gegen Russland und die Niederlande zuende. Nach der blamablen WM droht als negativer Schlusspunkt der Abstieg in die B-Gruppe der Nations League. Diagnose: "Die Mannschaft" stellt keine Weltklasse mehr dar. Bis auf einen.

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Berti Vogts, 1996 mit der Nationalmannschaft Europameister, lobte in seiner Kolumne für t-online Joshua Kimmich als besten Rechtsverteidiger der Welt. Damit würde der Bayern-Allrounder, den Löw erfolgreich ins defensive Mittelfeld verschoben hat, aus dem gehobenen Mittelmaß herausragen, in das viele seiner Kollegen nach der WM abgerutscht sind.

Manuel Neuer

Das gilt beispielsweise für Manuel Neuer. Zwischen 2013 und 2016 gab es weltweit keinen besseren Torwart. Neuer wurde viermal in Folge als der Weltbeste ausgezeichnet. Eine schwere und langwierige Fußverletzung hat den 32-Jährigen diesen Nimbus gekostet.

Statistisch spielt der Bayern-Keeper seine schlechteste Saison in München. Er wehrt nicht mal die Hälfte der Schüsse ab, die auf sein Tor kommen (46,2 Prozent). Innerhalb der Bundesliga rangiert Neuer mit diesem Wert nach elf Spieltagen nur auf Rang 19 der Torleute.

Für die WM wurde Neuer in letzter Sekunde fit. Schon damals schien die Zeit gekommen, im Kasten der Nationalmannschaft Marc-André ter Stegen zu vertrauen.

Marc-André ter Stegen

Die Nummer eins des FC Barcelona war in Topform und stand - im Gegensatz zu Neuer - voll im Saft. Löw setzte den früheren Gladbacher aber auf die Bank. Für die Länderspiele gegen Russland und die Niederlande sagte ter Stegen ab, patzte stattdessen bei Barcelonas 3:4 daheim gegen Betis. Erst wenn ter Stegen auch im DFB-Tor die Nummer eins ist, gehört er auch zur Weltklasse.

Die verkörperten über Jahre auch Mats Hummels und Jerome Boateng. Die Innenverteidigung des Weltmeisters suchte rund um den Fußball-Globus ihresgleichen. Damit es es vorbei. Das beweisen die schwache WM in Russland und das durchwachsene erste Bundesliga-Drittel beim FC Bayern.

Jerome Boateng

Für die Aufgaben gegen Russland und die Niederlande verzichtet der Bundestrainer auf Boatengs Dienste. Sportlich nachvollziehbar. Die Nichtnominierung durch Löw trägt angesichts von Boatengs steigender Verletzungsanfälligkeit und sinkender Schnelligkeit Züge einer schleichenden Verabschiedung des 30-Jährigen.

Verweisen kann er trotzdem noch auf die viertbeste Quote gewonnener Zweikämpfe in der Bundesliga (71,8 Prozent).

Mats Hummels

In dieser Kategorie ist Boatengs Nebenmann Hummels auf 59,1 Prozent abgestürzt. Hummels findet sich unter ferner liefen wieder, gehört im Kampf Mann gegen Mann nicht mehr zu den besten 50 Verteidigern der Liga.

Auch Sami Khedira, Toni Kroos und Thomas Müller gehörten vor der WM noch zur Weltklasse. Khedira hat Löw seit dem frühen Aus in Russland kaltgestellt und zum Sündenbock gestempelt. Kroos hat mit Real Madrid in den vergangenen drei Jahren die Champions League gewonnen und war die Schaltzentrale der Königlichen.

Toni Kroos

Mit seiner Unantastbarkeit aber ist es vorbei. Das spanische Fachblatt "Marca" attestierte Kroos kürzlich nachlassende "Verlässlichkeit und Präzision". Bis zum 7. November 2018 wies Kroos keine Torbeteiligung auf.

Dann bereitete er beim 5:0 bei Viktoria Pilsen in der Champions League das 1:0 und 2:0 vor und setzte mit seinem Tor zum 5:0 selbst den Schlusspunkt. Trotz dieses Ausschlags der Leistungskurve nach oben, baut Real angeblich vor.

Spanische Medien berichten von einem Wechsel des Argentiniers Ezequiel Palacios nach Madrid. Der 20-Jährige soll zu Jahresbeginn 2019 von River Plate aus Buenos Aires kommen. Er bekleidet Kroos' Position.

Thomas Müller

Kroos' einstiger Bayern-Kollege Thomas Müller gehört mit seinen 29 Jahren beim FC Bayern zu dem Teil, den Kingsley Coman im "kicker" "alternde Mannschaft" nannte. Die alte Louis-van-Gaal-Regel, dass Thomas Müller "immer" spiele, gilt nicht mehr.

Das wirkt sich auch auf die Nationalelf aus. Müller wartet dort seit acht Monaten auf ein Tor und kam in den letzten drei Partien von 270 möglichen nur 65 Minuten lang zum Einsatz.

Marco Reus

Eigentlich gehört auch Marco Reus in die Kategorie Weltklasse. Dortmunds Kapitän war aber in der Vergangenheit zu oft verletzt, um den diesen Durchbruch geschafft zu haben. Auch aktuell ist Deutschlands Fußballer des Jahres 2012 angeschlagen und fehlt gegen Russland und die Niederlande.

Dortmunds Kapitän spielt mit seinen 29 Jahren bislang allerdings so stark wie nie zuvor. Von seiner Reife profitiert der Tabellenführer der Bundesliga. Gemeinsam mit den Frankfurtern Luka Jovic und Sébastien Haller ist Reus mit 13 Scorerpunkten (acht Tore und fünf Vorlagen) der gefährlichste Stürmer der Bundesliga.

Löw lässt gegen Russland mit Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sané drei junge, hungrige und schnelle Angreifer beginnen. Sie haben das Potenzial große internationale Karrieren, aber noch keine Weltklasse.

Gleiches gilt für Mitglieder der Offensive wie Julian Draxler, Julian Brandt, Kai Havertz oder Leon Goretzka.

Leon Goretzka

Bayern-Neuling Goretzka, 23 Jahre alt und beim Gewinn des Confed Cups 2017 ins Rampenlicht gerückt, fordert den Umbruch: "Es ist der richtige Weg, dass jetzt die jungen, hochveranlagten Spieler mehr in die Verantwortung genommen werden sollen, um für die Zukunft gewappnet zu sein", sagte der frühere Schalker im "kicker".

In der Innenverteidigung gehört die Zukunft Niklas Süle und Antonio Rüdiger. Sie genügen bereits gehobenen Ansprüchen und sind auf dem Weg, Boateng und Hummels auf Sicht zu ersetzen. Aber auch Süle und Rüdiger ist noch keine Weltklasse zu attestieren.

Joshua Kimmich

Bleibt nur Kimmich. Der Shootingstar der EM 2016 hat sein Vorjahresniveau trotz Bayern-Krise in etwa gehalten ("kicker"-Durchschnittsnote in der Bundesliga 3,18, in der Vorsaison 3,06). Kimmich hat im Länderspieljahr nur neun Minuten verpasst, stand immer in der Startelf. Mit erst 23 Jahren ist der Schwabe zum Anführer der Mannschaft gereift.

Kimmich ist vielseitig verwendbar, beweist Ruhe am Ball, treibt das Spiel nach vorne, flankt gefährlich. Auch wenn sich seine fünf Torvorlagen in der laufenden Saison noch auf den Vereinsfußball beschränken. Kimmich ist zu einem Weltklassespieler gereift. Der momentan letzte in Löws Aufgebot.

Verwendete Quellen:

  • kicker.de
  • transfermarkt.de
  • weltfußball.de