Hans-Joachim Watzke feiert am 11. Februar sein zehnjähriges Dienstjubiläum. Seinen vielleicht wichtigsten Coup hat der Geschäftsführer von Borussia Dortmund bereits am Vortag präsentiert: die Vertragsverlängerung von Marco Reus. Die Hoffnung des BVB ist klar: Man will um den Superstar das Team der Zukunft aufbauen. Aber kann das auch gelingen?

Europäische Topklubs standen Schlange, doch Marco Reus entschied sich für seine Heimat. Dem vom Abstieg bedrohten Bundesliga-16. Borussia Dortmund ist im Transferpoker um den umworbenen Nationalspieler ein ermutigender Coup geglückt. Trotz zahlreicher Angebote verlängerte der Angreifer seinen bis 2017 datierten Vertrag bis zum 30. Juni 2019. Mit Genugtuung kommentierte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Einigung: "Marco kann in Dortmund eine Ära prägen, so wie es vor ihm Uwe Seeler in Hamburg oder Steven Gerrard in Liverpool getan hat." Und Sportdirektor Michael Zorc ergänzte euphorisch: "Er ist ein ganz wichtiger Baustein für Borussia Dortmunds sportliche Zukunft."

Reus soll eine Ära prägen

Die Botschaft ist klar: Um Reus soll ein neuer erstarkter BVB entstehen. Dass der Offensivkünstler trotz Abstiegsbedrohung dem Verein die Treue hält, ist sicherlich ein starkes Zeichen für seine abwanderungswilligen Teamkollegen. Auch Leistungsträger wie Mats Hummels oder Ilkay Gündogan könnten sich ermutigen lassen, ihre Verträge zu verlängern.

Absage an den FC Bayern München, Absage an Real Madrid: Marco Reus sorgt für einen Paukenschlag und verlängert seinen Vertrag bei Borussia Dortmund vorzeitig. Doch was steckt wirklich hinter dem Reus-Deal? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Doch vor allem die mediale Aufmerksamkeit, die Reus Vertragsverlängerung hervorgerufen hat, birgt Risiken. Ganz Fußballdeutschland weiß inzwischen, wie viel Reus neuerdings verdient (rund acht Millionen Euro jährlich) - auch seine Teamkollegen. Das erschwert Vertragsverhandlungen und schürt Neid unter dem Teamkollegen. Es ist fraglich, ob sich beispielsweise ein Mats Hummels mit einem viel niedriger dotierten Vertrag zufrieden geben wird - und vor allem, wie lange der BVB derartige Ausgaben stemmen kann.

Noch ist das Festgeldkonto der Borussen laut eigener Aussage gut gefühlt. Viele Fans dürften sich jedoch noch lebhaft an die nicht allzu lang vergangenen Zeiten erinnern, als der BVB kurz vor der Insolvenz stand.

Denn was man nicht vergessen darf: Der Verein ist derzeit auch deshalb finanziell gefestigt, weil der BVB in den vergangen Spielzeiten stets mit Millioneneinnahmen aus der Champions League planen konnte. Diese fallen in der nächsten Saison nach der desaströsen aktuellen Spielzeit weg. Bei aller Euphorie um den Reus-Coup ist also vor allem aus wirtschaftlicher Sicht ein wenig Zurückhaltung geboten. Ein Königstransfer wie beispielsweise Andre Schürrle beim VfL Wolfsburg ist beim BVB kaum machbar - auch wenn der Reus-Verbleib vielleicht auch namenhafte Spieler zum BVB locken könnte.

Viel eher muss der BVB versuchen, nachhaltig zu arbeiten, Talente zu finden, zu verpflichten, weiterzuentwickeln und, wenn möglich, langfristig an den Verein zu binden. Das erfordert gute Talentscouts - und ein bisschen mehr Glück als bei den vergangenen Transfers.

Und: Bevor der BVB anfängt, die Mannschaft der Zukunft zu bauen, wird er sich erst einmal von einigen teuren Spielern trennen müssen. Auf der Verkaufsliste könnten der erschreckend ineffiziente Stürmer Ciro Immobile (Jahresgehalt: ca. zwei Millionen Euro) und der oft glücklose Henrikh Mchitarjan landen.

Bleibt Marco Reus wirklich?

Bis Marco Reus als Führungsspieler tatsächlich eine Ära prägen kann "wie Uwe Seeler in Hamburg oder Steve Gerrard in Liverpool", muss sich bei Borussia Dortmund vor allem die sportliche Lage deutlich verbessern, um weiterhin aus wirtschaftlicher Sicht schlagkräftig zu bleiben - und um den Spieler zu halten.

Denn auch wenn sein Vertrag für die zweite Liga gilt, ist kaum vorstellbar, dass Reus' Liebe zu seinem Verein so weit geht, dass er lieber gegen den TSV 1860 München als gegen die Bayern in der Allianz Arena aufläuft. Kann der Klub die Talfahrt nicht endgültig stoppen, wird Reus den BVB trotz aller Treueschwüre im Sommer verlassen - neue Ära hin oder her.

(ska/dpa)