Lebenslang ein Lauterer: An Fritz Walter biss sich Madrid einst die Zähne aus

Fritz Walter ist 33 Jahre alt, als er die deutsche Nationalelf als deren Kapitän am 4. Juli 1954 zum WM-Titel führt. Auf dem "Wunder von Bern" baut der ewige Ruhm eines Mannes auf, der in heutiger Zeit einen dreistelligen Millionenbetrag kosten würde. Doch ihn reizte nicht mal ein Angebot von Atlético Madrid.

Am 17. Juni 2002 verliert der deutsche Fußball eine seiner herausragendsten Persönlichkeiten. Fritz Walter, Kapitän der legendären Weltmeister-Mannschaft von 1954, stirbt im Alter von 81 Jahren. Bruder Ottmar, ebenfalls Teil der Wunderelf von Bern, gedenkt hier am 17. März 2003 an dessen Grab seinem Bruder. Ottmar Walter stirbt 89-jährig am 16. Juni 2013. Fritz Walter wäre am 31. Oktober 2020 100 Jahre alt geworden. Anlass, auf Momente seines Lebens zu blicken.
Fritz Walter gehört zu den wenigen deutschen Fußballlegenden, deren Name eine Spielstätte schmückt. Das Stadion auf dem berühmten Betzenberg in Kaiserslautern heißt seit dem 2. November 1985, also zwei Tage nach Walters 65. Geburtstag, Fritz-Walter Stadion. Davor sind Walter und seine vier Lauterer Weltmeister-Kollegen von 1954, Bruder Ottmar, Horst Eckel, Werner Kohlmeyer und Werner Liebrich (links) als Bronze-Figuren verewigt.
Eine der Bronzefiguren ist noch am Leben. Eckel ist seit Hans Schäfers Tod am 7. November 2017 der letzte Überlebende der Helden von Bern. So ist es Fritz Walters "Ziehsohn" Eckel, der am 1. Oktober 2020 in Mainz der Präsentation einer Sonderbriefmarke zu Ehren Walters beiwohnt. "Ich habe den Fritz als Spieler und als Mensch verehrt." Mit diesem Zitat Eckels ist dessen Vorwort zur Neuauflage des Walter-Buchs "3:2 - Deutschland ist Weltmeister" überschrieben.
Eckel, geboren am 8. Februar 1932, ist 1954 als 22-Jähriger jüngstes Mitglied des deutschen WM-Kaders, fast zwölf Jahre jünger als dessen Kapitän Fritz Walter. Der habe ihn in Kaiserslautern bereits als 17-Jährigen, so beschreibt Eckel in dem berühmten Buch, an die Hand genommen, "von da an bis zu seinem Lebensende." Walter habe auf dem Platz mit seiner Spielkunst überzeugt, "die die anderen in der Mannschaft ansteckte", so Eckel.
Diese Spielkunst zeichnet den körperlich eher schwächlichen Walter bereits in jungen Jahren aus. Als 18-Jähriger (im Bild) hat Walter in der Saison 1938/39 dank seiner vielen Tore für den 1. FC Kaiserslautern bereits erheblichen Anteil am Wiederaufstieg der "Roten Teufel" in die Gauliga Südwest, die damals höchste, aber geografisch aufgeteilte deutsche Spielklasse. Walter gerät ins Blickfeld des damaligen Reichstrainers Sepp Herberger.
Stefan Mayr schreibt dazu in seinem Buch "Unter Bombern - Fritz Walter, der Krieg und die Macht des Fußballs": "Der Reichstrainer nimmt sein grünes Notizbuch und notiert: Fritz Walter, 1. FC Kaiserslautern. 'Alles klar', raunt Herberger seinem Gausportwart Hohmann (Karl, Ex-Nationalspieler, Anmerk. d. Verf.) zu. 'Walter stach sofort als großartiger Spieler heraus.'" Das Bild zeigt Walter (Mitte) neben Ludwig Durek (links) und Albert Sing vor dem 1:1 gegen Spanien in Berlin. Es ist Walters 17. Länderspiel. Er geht leer aus, hat aber zuvor bereits 12 Länderspieltore erzielt.
Auf Vereinsebene führt Walter, der seine Kriegsgefangenschaft tatsächlich aufgrund der Fußballbegeisterung des damaligen russischen Hauptmanns Georgi Schukow überlebt, den 1. FC Kaiserslautern in die Meisterschaftsendspiele 1948, 1951, 1953 (im Bild), 1954 und 1955. Den zweiten Titel am 21. Juni 1953 in Berlin leitet Walter mit seinem 1:0 beim 4:1 über den VfB Stuttgart ein. Der damalige DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens gratuliert und überreicht die Meisterschale.
Der Kapitän des Meisters ist auch der der Nationalelf und für diese als 33-Jähriger noch immer unverzichtbar. Auf dem Weg zur WM 1954 in der Schweiz hat es die DFB-Auswahl mit Norwegen und dem damals noch selbstständigen Saarland zu tun. Die deutsche Elf marschiert ungeschlagen durch die Qualifikation. In Hamburg gibt es am 22. November 1953 nach einem 0:1-Rückstand ein 5:1 über zähe Norweger zu feiern (im Bild). Walter schießt das 4:1, sein 25. Länderspieltor.
5:1 heißt es auch im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1954 - allerdings für den Außenseiter Hannover 96. Walter (rechts) will mit dem FCK am 23. Mai in Hamburg den Titel verteidigen, ehe es 19 Tage später zur WM in die Schweiz geht. Eckels 1:0 in der 13. Minute scheint die Dinge aus Pfälzer Sicht in die richtige Bahn zu lenken, ehe Hannover kurz vor der Pause ausgleicht und nach dem Seitenwechsel und einem Eigentor Werner Kohlmeyers noch drei Mal trifft. Eine Sensation.
Mit dieser Klatsche im Gepäck tritt die Nationalmannschaft, deren halbe Stammelf aus Lauterern besteht, erstmals seit 1938 bei einer WM an. Walter schreibt in seinem Buch "3:2" über die "Niedergeschlagenheit" nach dem verlorenen Finale gegen Hannover: "Es vergehen noch ein paar Tage, ehe ich sie im Kreis der Kameraden ganz überwinde." In der Schweiz dann überwindet Außenseiter Deutschland die Türkei und Jugoslawien, ehe Nachbar Österreich beim 6:1 im Halbfinale chancenlos ist. Walter versenkt zwei Foulelfmeter, hier den zum 5:1.
Am 4. Juli 1954 kommt es zu einem der legendärsten Fußballspiele der Geschichte. Siegessicher führt Ungarns Kapitän Ferenc Puskas (links) seine Kameraden zum Finale gegen Deutschland in Bern aufs Feld. Fritz Walter (Mitte), erinnert sich in "3:2", dass sich die Fotografen auf die Ungarn stürzen: "'Die rechnen wohl überhaupt nicht mit uns', sage ich zu Toni (Torwart Turek, Anmerk. d. Verf.) und über ihn hinweg zu seinem Nebenmann Eckel."
In München ist einen Tag später "jede Ordnung aufgehoben", so Walter in seinem Erinnerungsbuch. "Was sich in der Münchner Innenstadt abspielt, haben wir uns in den kühnsten Träumen nicht vorzustellen gewagt." Keine Spur von der "gemütlichen Bierruhe der Bayern." Dafür fließt der Gerstensaft im Anschluss an die Triumphfahrt im Löwenbräukeller in Strömen. Walter wird zum ersten Ehrenspielführer des DFB ernannt. "Die Begeisterung erreicht ihren Siedepunkt."
Plötzlich ist die deutsche Mannschaft der Gradmesser in der Fußballwelt - und zehn Jahre nach Kriegsende auch Botschafter. Nach dem 2:3 in Moskau gegen die Sowjetunion am 21. August 1955, dem Walter im gleichen Jahr die beiden abschließenden Kapitel seines Buchs "Spiele, die ich nie vergesse" widmet, werden zwischen Oktober 1955 und Januar 1956 Tausende deutscher Kriegsgefangener in die Heimat freigelassen.
"Das Wunder von Bern" von Regisseur Sönke Wortmann zieht 50 Jahre nach dem WM-Titel, von dem es handelt, die Fans in die Kinos, aber nicht mehr ins "Universum" in Kaiserslautern. Das dort am 16. August 1956 von Weltmeister Fritz Walter gemeinsam mit Geschäftspartner Friedrich von Kondratowicz eröffnete Lichtspielhaus besteht bis 1967. Walters Ehefrau Italia sitzt sogar an der Kasse. Walter hat schon 1941 einen Fußballer in dem Kinofilm "Das große Spiel" verkörpert.
Im März 1957 erklärt Walter (Zweiter von links) seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Damalige Zeitungen berichten davon, er übernähme am 1. Juli 1957 die Generalvertretung einer großen Polstermöbelfabrik. Herberger aber lässt ihn nicht gehen und überredet seinen verlängerten Arm zum Comeback. Walter bestreitet als 37-Jähriger auch die WM in Schweden. Dessen König Gustaf VI. Adolf begrüßt Walter vor dem 2:2 in der Vorrunde gegen die Tschechoslowakei.
Schon drei Tage vor dem Match gegen die damalige CSSR hat sich Walter im Auftaktspiel gegen Argentinien verletzt. Diese Blessur behindert Walter auch drei Tage nach seinem Einsatz gegen die CSSR noch. Der legendäre DFB-Masseur Erich Deuser legt deshalb vor dem Training Hand an und bearbeitet Walters linken Oberschenkel. Links Hans Cieslarczyk.
Titelverteidiger Deutschland dringt bis ins WM-Halbfinale vor. Die Auseinandersetzung mit Gastgeber Schweden wird für Walter (links) nach 61 Länderspielen und 18 Jahren im Nationaltrikot ein schmerzhafter Abschied, nicht nur wegen der 1:3-Niederlage. Nach einer Stunde führt er den wegen Nachtretens des Platzes verwiesenen Erich Juskowiak gemeinsam mit Hans Schäfer vom Feld. Eine Viertelstunde darauf wird Walter brutal gefoult und ist fortan nur noch Statist.
Als WM-Dritter beendet Fritz Walter nach einem 3:6 gegen Frankreich im Sommer 1958 seine internationale Karriere, und im Jahr darauf auch seine nationale. Höhepunkt bleibt der WM-Sieg 1954. "Eine Geschichte von Mut, Freundschaft und Teamgeist", lautet der Untertitel der Neuauflage des Walter-Buchs "3:2". Dieser Teamgeist, dieses oft beschriebene Motto "elf Freunde müsst Ihr sein", zeigt sich in den Treffen der Helden von Bern, wie hier zehn Jahre nach dem Endspielsieg in Frankfurt am Main.
Fünf Jahre später, am 5. Juli 1969, treffen sich die Berner Helden bei Alt-Bundestrainer Herberger in Weinheim-Hohensachsen. Der zeigt bei dieser Gelegenheit in seinem Garten, was er auch als 72-Jähriger noch draufhat. Helmut Rahn, Max Morlock, Ottmar Walter, Fritz Walter und Hans Schäfer, von links, staunen. Über Fritz Walter sagt Herberger einst in der Illustrierten "Bunte": "Fritz Walter ist ein Phänomen, ein Naturtalent, vielleicht das größte unter all den großen, die der deutsche Fußball hatte."
Als Fritz Walter am 31. Oktober 1970 seinen 50. Geburtstag feiert, ist der 1. FC Köln zum Bundesligaspiel zu Gast auf dem Betzenberg. 32.000 Zuschauer sehen an diesem 13. Spieltag keine Tore. So bleibt das Sehenswerteste die Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes durch den damaligen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und späteren Bundeskanzler, Helmut Kohl, an den späteren Namenspatron des Stadions.