Vier Tore, nur drei Spieler pro Team, kein Torhüter mehr: In Bayern sollen ab der kommenden Saison weitreichende Änderungen für die Kleinsten gelten. Die Vorteile der Reform liegen auf der Hand, trotzdem steht der bayerische Fußball-Verband auch massiv in der Kritik.

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Noch schlummert der Wandel im Hintergrund, aber eigentlich ist er längst schon in vollem Gange. In der vergangenen Woche hat der Bayerische Fußball-Verband (BFV) eine Rundmail verschickt mit dem wenig spektakulären Betreff: "Bestellaktion von Toren für Mini-Fußball". Der Inhalt aber hatte es wahrlich in sich. Im Amateurbereich hat die Mail für großes Aufsehen gesorgt und für sofortige, teilweise scharf geführte Debatten.

Der BFV möchte als erster Landesverband des DFB einen Neuausrichtung in der Kinderausbildung und -förderung und stellte konkret seine Pläne für den Bereich der G- und F-Jugenden vor. Für die 2.968 Vereine des BFV sieht die Reform für die Altersbereiche der U6 und U7 (G-Jugend), sowie der U8 und U9 (F-Jugend) auf zunächst freiwilliger, also nicht bindender Basis die Abkehr vom "klassischen" 6 gegen 6 plus Torhüter vor.

Stattdessen wird eine Variante des so genannten Funino präferiert, also: 3 gegen 3 oder 5 gegen 5 ohne Torhüter auf vier deutlich kleinere statt zwei "normal" große Tore und mit festgelegten Schusszonen.

Auch die U10, der jüngere Jahrgang also im E-Jugend-Bereich, soll in Turnierform spielen, im 5 gegen 5 plus einem Torhüter, der allerdings nach jedem Spiel wechseln muss. Einen festen Torhüter soll es demnach erst ab der U11 geben. In einigen Pilotligen wurden die Reformpläne bereits getestet. An der Basis, und um die geht es bei der Ausbildung der Kleinsten, rumort es seitdem gewaltig.

Sehr viele Vorteile in der Ausbildung

Die Verbandsvertreter führen einige stichhaltige Gründe für die Reform ins Feld, die auch nicht von der Hand zu weisen sind. Um der darbenden Ausbildung einen neue Richtung und einen frischen Impuls zu verleihen und auf die zahlreichen Probleme zu reagieren, sei die Reform unabdingbar.

"Im jetzigen 7 gegen 7 steht die Hälfte der Mannschaft rum und hat kaum den Ball. Im 3 gegen 3 bist du permanent ins Spiel eingebunden und hast viel mehr Aktionen. Also wirst du auch ein besserer Fußballer", sagt Florian Weißmann, Jugendleiter beim BFV, der das Gesicht der "Richtlinie für den Minifußball" ist.

In einer von Prof. Dr. Dr. Matthias Lochmann von der Universität Uni-Erlangen durchgeführten Studie wird klar, wie sehr sich die einzelnen Parameter für den jeweiligen Spieler erhöhen und ihn letztlich in allen Bereichen besser schulen.

60 Prozent mehr Ballkontakte hat jeder Spieler, spielt dazu fast doppelt so viele Pässe wie im 7 gegen 7, die Anzahl der Schüsse ist fast dreimal so hoch und es fallen exorbitant mehr Tore. Fast noch entscheidender: Die Zahl der Dribblings verfünffacht sich in einigen Teilbereichen sogar.

Durch das kleinere Spielfeld und andere klare Regeln wie etwa den Selbstpass, der ein Andribbeln bei einem Freistoß, Eckball oder Einwurf gestattet, durch die Richtungswechsel wegen der beiden zu attackierenden Tore, das stete Umschaltspiel, die Raumfindung und Positionierung der Spieler oder das Bilden von Dreiecken im Ballbesitz werden wichtige Grundlagen geschaffen für die höheren Altersstufen.

"Wunderbar und nachahmenswert"

Dazu kommt natürlich der Faktor Spaß. Im 3 gegen 3 kann sich kein Spieler verstecken oder unbeteiligt bleiben. Das soll es gerade schwächeren Spielern ermöglichen, sich einzubringen, statt nur teilnahmslos zu verharren.

Dieser Inklusionsgedanke soll der Drop-Out-Quote massiv entgegenwirken: Von der E-Jugend bis hinauf zur A-Jugend kehrt fast 50 Prozent der - zumeist schwächeren, weil in der Ausbildung vernachlässigten - Spieler dem Fußball irgendwann den Rücken.

"Ich finde diese Idee wunderbar und absolut nachahmenswert", sagt einer, der früher mal Jugendtrainer war und mittlerweile die Profis einer Bundesligamannschaft anleiten darf. Mainz' Trainer Sandro Schwarz ist ein Verfechter der Idee und stellt im Gespräch mit unserer Redaktion die Vorzüge aus seiner Sicht heraus.

"Die Ballaktionen sind in diesem Lernalter das Wichtigste überhaupt. Nur so entwickelt sich ein Ball- und Raumgefühl und damit letztlich auch die technischen und kognitiven Fähigkeiten der Kinder."

Dass sich bereits in jungen Jahren kein Torhüter "spezialisieren" kann, sei dagegen ein zu vernachlässigender Faktor. In der Tat ist es oft genug der Fall, dass sich ein Keeper regelrecht langweilt oder aber in einem Kleintor der G- oder F-Jugend gleich eine Flut an Gegentoren kassiert.

Dazu ist der Verweis auf die veränderten Anforderungen an einen Torhüter auch durchaus zulässig: Selbst die derzeit Besten der Besten haben bis zu einem gewissen Alter noch selbst im Feld gespielt, unter anderem Manuel Neuer.

Ein weiteres Beispiel ist Wolfsburgs Koen Casteels, der bis zu seinem 15. Lebensjahr in der höchsten belgischen Junioren-Spielklasse noch zwischen Tor und Feld pendelte.

Reform von oben herab

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Argumente, die gegen die Reform sprechen.

Im Grundsatz der Kritik steht die Frage, warum sich die Verbände nicht mehr im Stande fühlen, Kindern den "klassischen Fußball" beizubringen und stattdessen immer wieder neue Ausbildungs- und Spielformen auf die Agenda setzen.

Zudem sehen manche Kritiker Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Gruppen von zehn bis 15 Spielern pro Jahrgang und Turniere mit sechs Mannschaften werden zu einem organisatorischen Kraftakt.

Im 3 gegen 3 würde dies mindestens sieben Partien gleichzeitig bedeuten, wenn jedes Team mit drei Spielern plus einem Rotationsspieler bestückt würde. Unter Umständen könnten es zehn oder mehr Partien sein.

Da der BFV die Anschaffung der Mini-Tore auf die Klubs abwälzt und ein Tor bis zu 119 Euro kosten könnte und nur noch mit Bällen der Kategorie 3 gespielt werden dürfte, würde das eine zusätzliche finanzielle Belastung für die notwendigen Materialien bedeuten.

In Bayern soll es ab dem 1. Juli losgehen mit der Beta-Phase auf freiwilliger Basis. Das Ziel sei, "dass es irgendwann eventuell mal die einzige Spielform ist", sagte BFV-Verbands-Jugendleiter Weißmann dem "Bayerischen Rundfunk".

Verwendete Quelle:

  • www.br.de: "E-Mail für Dich: Bayerns Fußballverband verwirrt seine Klubs"
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