Karl-Heinz Schnellinger wird 80 Jahre alt: Last-Minute-Ausgleich im Jahrhundertspiel

Karl-Heinz Schnellinger war schon ein Star, als es die Bundesliga noch nicht gab. Als sie kam, verschwand der Rheinländer nach Italien. Er spielte bei vier Weltmeisterschaften, schoss ein legendäres Tor, wurde aber nie Weltmeister. Anschließend kehrte der Weltklasse-Verteidiger kurz nach Deutschland zurück und wurde der älteste Bundesliga-Debütant.

Nur ein Jahr später mischte Schnellinger (r.) bereits auf der ganz großen Bühne mit. Bundestrainer Sepp Herberger berief das 19-jährige Talent zur Titelverteidigung in Schweden 1958 in seinen WM-Kader. Dabei war Schnellinger damals mit der SG Düren 99 nur in der 2. Liga West am Ball. Bei der WM kam Schnellinger in der Vorrunde gegen die Tschechoslowakei und im verlorenen Spiel um Platz drei gegen Frankreich (im Bild) zum Einsatz.
Nach der WM 1958 wechselte Schnellinger zum 1. FC Köln. Mit den Geißböcken wurde er 1962 Deutscher Meister. Der Titelverteidigung ein Jahr später stand im Endspiel von Stuttgart Borussia Dortmund im Weg. Immerhin markierte Schnellinger beim 1:3 den Kölner Treffer. Es war sein letzter Auftritt für den FC. Das Lire-Paradies Italien rief.
Dort traf Schnellinger auf andere Deutsche: Helmut Haller, dessen DFB-Karriere zeitgleich mit der von Schnellinger verlief, war schon 1962 aus Augsburg nach Bologna gewechselt. Nach jeweils einem Jahr in Mantua und bei der Roma wurde Schnellinger 1965 beim AC Mailand heimisch.
Höhepunkte waren die Stadtderbys gegen Inter. Am 8. März 1970 (Bild) wurde Schnellingers Einsatz gegen die Schwarz-Blauen nicht belohnt. Alessandro Mazzola und dessen Kollegen triumphierten mit 1:0.
Es waren die Zeiten, als der internationale Spielkalender noch Platz für eine Weltauswahl hatte. In der verteidigte Karl-Heinz Schnellinger (obere Reihe in der Mitte) am 23. Oktober 1963 anlässlich des 100-jährigen Bestehens des englischen Fußballverbands im Londoner Wembley-Stadion. Schnellinger durfte beim 1:2 gegen Englands Nationalmannschaft durchspielen.
Da Schnellinger noch nicht in der Bundesliga mitmischte, bot nur der Europapokal ab und an die Gelegenheit, sich mit Nationalmannschaftskollegen wie Franz Beckenbauer zu messen. 1967/68 warf Milan den Titelverteidiger FC Bayern München im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger aus dem Wettbewerb und besiegte im Endspiel auch noch den Hamburger SV.
In der Nationalmannschaft hatte Schnellinger inzwischen an zwei weiteren Weltmeisterschaften teilgenommen. 1962 in Chile (im Bild die Mannschaft vor dem 2:0 über den Gastgeber am 6. Juni 1962) kam das Aus im Viertelfinale durch ein 0:1 gegen Jugoslawien.
1966 in England kam Schnellinger dem WM-Titel so nah wie nie davor - und nie mehr danach. Im Endspiel im Wembley-Stadion gegen den Gastgeber fiel eines der berühmtesten Tore der Fußball-Geschichte, das 3:2 für England durch Geoffrey Hurst.
1966 konnten englische Anwohner das Training der deutschen Nationalmannschaft noch bequem von der Terrasse aus verfolgen und sich die Ballfertigkeit von Schnellinger und Beckenbauer anschauen.
Anschließend wurde das Nationaltrikot am offenen Fenster getrocknet. Das gestreifte Design wurde aber nur im Training verwendet.
Vier Jahre später in Mexiko nahm Bundestrainer Helmut Schön Schnellinger vertrauensvoll zur Seite. Am Tag darauf gelang gegen Peru im zweiten WM-Gruppenspiel der zweite Sieg.
Im Viertelfinale kam es zum Wiedersehen mit England. Der Titelverteidiger führte bis zur 68. Minute mit 2:0, Schnellinger und Kollegen standen vor dem Aus. Dank einer unglaublichen Energieleistung aber drehte die DFB-Auswahl den Spieß um und schaffte dank eines 3:2 nach Verlängerung die Revanche für Wembley.
Als Verteidiger war Schnellinger nicht fürs Toreschießen zuständig. In der letzten Minute des "Jahrhundertspiels" gegen Italien machte der damals 31-Jährige 1970 in Mexiko jedoch eine Ausnahme und sorgte mit seinem Ausgleich zum 1:1 für eine der spannendsten Verlängerungen der Fußball-Geschichte. Die aber endete mit 4:3 für die Italiener.
Vier Jahre danach verließ Schnellinger seine italienische Wahlheimat und heuerte als 35-Jähriger doch noch in der Bundesliga an. Als Kapitän des Neulings Tennis Borussia Berlin traf er auch wieder auf den "Kaiser". Der steckte mit dem FC Bayern nach der Supersaison 1973/74 in der Krise. Auch im Duell mit TeBe reichte es am 2. November 1974 vor nur 14.837 Zuschauern für den Meister lediglich zu einem 2:2.
Nach seiner Karriere ließ sich Schnellinger als Geschäftsmann in Segrate bei Mailand nieder und arbeitete als Generalvertreter für Einbauküchen und als PR-Mann im Catering-Bereich. Im Fußballgeschäft tauchte Schnellinger nicht mehr auf. "Stellen Sie sich vor", sagte er der dpa, "ich habe für Deutschland mehr als 40 Länderspiele gespielt, vier Weltmeisterschaften, und dann ist der Dank, dass man 200 Euro im Monat bekommt. Da kann man nichts machen, da kümmert sich keiner drum, das ist den Leuten egal."