Mit seinem Engagement beim FC Liverpool übernimmt Jürgen Klopp weit mehr als nur einen darbenden Klub. Die schwierige Lage der "Reds" birgt jede Menge Chancen - aber eben auch Risiken.

Die letzten Zweifel wurden bereits am Donnerstagmorgen weggewischt. Der FC Liverpool gab da die Trennung von seinen beiden Co-Trainern Gary McAllister und Sean O’Driscoll bekannt. Beide waren erst im Sommer auf Geheiß von Brendan Rodgers an die Mersey gewechselt.

Dass neben dem am Sonntag geschassten Rodgers nun auch die beiden Assistenten wieder ihren Platz räumen mussten, war ein untrügliches Zeichen dafür, dass da bald drei Neue kommen würden. Und zwar: Zeljko Buvac, Peter Krawietz und natürlich Jürgen Klopp.

Am Abend landete Klopp dann auch mit Ehefrau Ulla, Assistent Peter Krawietz und seinem Berater Marc Kosicke im Schlepptau in Liverpool und bezog sofort Quartier im Hope Street Hotel, wo sich die komplette Entourage der "Reds" versammelt hatte - und wo Klopp dann einen Dreijahresvertrag unterschrieb, dotiert mit satten zehn Millionen Euro Gehalt pro Jahr. So wird es zumindest kolportiert.

Ganz sicher ist dagegen, dass Klopp beim FC Liverpool offene Türen einrennt.

Leider nicht geil: Beim FC Liverpool klappt bislang wenig

Der Klub befindet sich sportlich im luftleeren Raum, ist zermürbt von der langen Phase der Erfolglosigkeit. Das Trauma der dramatisch verpassten Meisterschaft vor etwas mehr als einem Jahr spukt dem Verein und seinen Fans noch immer in den Köpfen herum. Zuletzt klappte fast gar nichts mehr: Keine Defensivstrategie, eine Flut an Gegentoren, keine Offensivlösungen, keine erkennbare Spielidee. Und die wenigen verbliebenen Stars wanderten fast komplett ab.

Der FC Liverpool ist immer noch ein großer Klub, ein Mythos. Aber sie haben auch den Anschluss verpasst an die großen Klubs aus Manchester und London. Liverpool spielt in der Kategorie 1B, für ganz oben reicht es weder in der Tabelle, noch auf dem Transfermarkt. Für einen, der viel verändern muss und will, ist diese Situation im Grunde wie gemalt.

Nimmt man noch das Umfeld dazu, die Geschichte, das Arbeitermilieu, das den LFC umweht sowie die fanatischen Fans, liegen die Parallelen zu Borussia Dortmund im Jahr 2008 auf der Hand. Klopp, der sich in seiner Begeisterung gerne des Wortes "geil" bedient, sagt nun rund sieben Jahre später nach seiner Ankunft in England: "Ich bin hier, weil Liverpool ein geiler Verein ist!"

In Liverpool muss Klopp gar nicht so weit unten beginnen wie damals bei einem BVB, der in die sportliche Bedeutungslosigkeit abzurutschen drohte und einen Kader stellte der das pure Mittelmaß verkörperte und zunächst alles andere als geil war. Davon kann in Liverpool nicht die Rede sein. 200 Millionen Euro investierten die amerikanischen Besitzer der Fenway Sports Group zuletzt in die Mannschaft. Derzeit steht da ein zwar talentierter und auch junger Kader auf dem Papier, aber eben auch einer ohne die ganz großen Stars.

Fluch und Segen für Klopp

Joe Gomez (18), Jordan Rossiter (18), Jordan Ibe (19), Origy Divock (20), Emre Can (21), Alberto Moreno (23), Coutinho (23) oder Danny Ings (23) sind längst fester Bestandteil der Stamm-Mannschaft oder auf dem Sprung dorthin. Das ist Fluch und Segen zugleich. Natürlich kann man von den Jungspunden nicht auf Anhieb Wunderdinge erwarten, der Kader benötigt noch etwas mehr Erfahrung.

Auf der anderen Seite ist nicht nur Potenzial vorhanden, sondern auch die Aussicht auf große Entwicklungsschritte der Spieler. Und vor allem: Die Mannschaft ist hungrig. Satte Stars sucht man in Liverpool vergebens. Klopp hat in Dortmund bewiesen, wie nachhaltig und formidabel er eine Mannschaft entwickeln und nach seinen Vorstellungen umbauen kann.

Allerdings konnte er beim BVB in der Sommerpause einen klaren Schnitt machen, während er jetzt in Liverpool mitten in der Saison einsteigt und zumindest bis zur Winterpause mit diesem - nicht seinem - Kader arbeiten muss. Dann wird es Veränderungen geben. In welcher Form Klopp darauf Einfluss nehmen kann, wird sich zeigen. Das in England immer noch gerne praktizierte Modell des Teammanagers, also der Trainer und der Sportdirektor in Personalunion, ist für Klopp fremd.

Wer entscheidet bei Transfers?

In Liverpool wird eine Mischform verfolgt, Transfers nickt eine extra ins Leben gerufene Transferkommission ab. Ihr gehören neben dem Trainer auch der Vorstandsvorsitzende Ian Ayre, die Scoutingchefs David Fallows und Barry Hunter sowie Analyst Michael Edwards an. Von der Fenway Sports Group sitzt Mike Gordon im Gremium.

Wie die Entscheidungsfindung ablaufen wird und inwieweit Klopp da auch Kompromisse eingehen muss, ist noch nicht abzusehen. Anders als beim BVB, wo es zwischen ihm und Michael Zorc, sowie Hans-Joachim Watzke sehr kurze Wege gab, dürften die Debatten in Liverpool merklich anstrengender werden.

Klopp bedeutet Leidenschaft und Emotionen

Aber das ist noch Zukunftsmusik. Im ersten Schritt wird Klopp den Spielern wieder so etwas wie Spaß am Fußball vermitteln - und eine große Portion Leidenschaft und Emotionen. Dafür steht Klopp, da spielt es auch kaum eine Rolle, dass er seine Ansprachen nicht in seiner Muttersprache an Team und Fans richten kann. Beim FC Liverpool tritt er als Retter an - und vielleicht sogar als Vorreiter seiner Zunft, auch wenn Klopp auf der Pressekonferenz in amüsanter Anlehnung an José Mourinhos eigenwillige Selbstbezeichnung als "The Special One" erklärte: "I am the Normal One."

Trainer "Made in Germany" waren auf der Insel ja bisher eine Rarität. Aber wer könnte nun ein besserer Pionier sein als Jürgen Klopp mit seiner sympathischen Erfolgsgeilheit?