Von Fürth bis nach Buenos Aires: Die heißesten Fußball-Derbys der Welt

Es sind die Spiele, die sich die Fans alljährlich im Fußball-Kalender rot anstreichen: Siege im Derby zählen mitunter mehr als Meisterschaften und Pokale. Wir präsentieren die brisantesten Begegnungen weltweit.

Die Bundesliga-Geschichte des FC Bayern beginnt 1965 mit einem 0:1 gegen den Stadtrivalen 1860. Der wird am Saisonende Deutscher Meister. Inzwischen warten die Fans seit 2008 und einem Duell im DFB-Pokal, im Bild, voller Sehnsucht auf das nächste Derby. Der finanziell chronisch klamme TSV 1860 hat im Laufe des 21. Jahrhunderts den Anschluss an den Rekordmeister verloren. Die Stadtrivalen trennten zeitweise drei Ligen.
Vor 100 Jahren, in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, genügen zwei Vereine, um die komplette deutsche Nationalmannschaft zu stellen: der 1. FC Nürnberg und die damalige SpVgg Fürth. Mittlerweile beschäftigen beide Klubs höchstens noch deutsche Ex-Nationalspieler und können als etablierte Zweitligisten von der Bundesliga nur träumen.
Als der FC St. Pauli 1977 erstmals in der Bundesliga aufkreuzt, ist Lokalrivale Hamburger SV Europapokalsieger der Pokalsieger. St. Pauli gewinnt das erste Bundesligaduell trotzdem mit 2:0. Seitdem nimmt der Underdog mit dem Freibeuter-Image regelmäßig die Gelegenheit wahr, den feinen HSV zu ärgern. Dabei hilft, dass der seit 2018 zu seinem Leidwesen erstmals zweitklassig spielt.
Ähnlich wie zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli verhält es sich auch zwischen Eintracht Frankfurt und Kickers Offenbach. Hier die Diva, dort das hässliche Entlein. Der OFC fühlt sich vom - neben dem Frankfurter Stadion ansässigen - DFB seit Jahrzehnten ungerecht behandelt und dümpelt in der Regionalliga umher. 1959 aber hieß das Finale um die Deutsche Meisterschaft Frankfurt gegen Offenbach. Die Eintracht gewann mit 5:3 nach Verlängerung.
Aus Deutschland nach Europa, zunächst nach Italien: Als sich 1906 einige Mitglieder von Juventus Turin über das intellektuelle Gehabe des Vorstands ärgern, gründen sie den FC Turin, neun Jahre nach Juve. 1927 begegnen sich die beiden Rivalen, als es für Torino um die Meisterschaft geht. Da das 1:0 des FC Turin aber auf Bestechung beruhen soll, wird Torino der Titel aberkannt.
Die Gründungsgeschichte Inter Mailands verhält sich ähnlich: 1908 fühlen sich Mitglieder des AC Mailand im Klub von jeder Mitsprache ausgeschlossen und gründen einen weltoffeneren Verein. Es entsteht der FC Internazionale. Schon 1910 ist Inter erstmals Meister. Dessen Fans halten Milans Anhang gerne die Abstiege in die Serie B 1980 (zwangsversetzt) und 1982 (sportlich) vor.
Die Roma trägt die Farben der Stadt, Rot und Gelb, Lazio das Himmelblau der griechischen Nationalflagge, da die Gruppe ihrer Gründer sich den olympischen Idealen verpflichtet fühlte. 2004 verbrüdern sich die Hooligans beider Seiten und verprügeln nach einem abgebrochenen Derby vor dem Olympiastadion die Polizei. Bilanz: 151 verletzte Beamte, 21 verletzte Hools.
Das älteste Derby der Welt wird in England gespielt, zwischen Nottingham Forest, rotes Trikot, und Notts County. Seitdem es in England die Premier League gibt, seit 1992, sind beide Klubs weitgehend aus dem Rampenlicht verschwunden. Kurios: Forest gewann öfter den Europapokal der Landesmeister (1979 und 1980) als die englische Meisterschaft (nur 1978).
Beide Klubs aus Manchester haben sich im frühen 21. Jahrhundert an ausländische Investoren verkauft. Der US-Unternehmer Malcolm Glazer übernimmt ab 2003 nach und nach Rekordmeister United, Scheich Mansour bin Zayed al-Nahyan aus Abu Dhabi pumpt seit 2008 City mit Millionen voll. Für beide Vereine zahlt sich das aber nur auf nationaler Ebene aus.
Wenn der FC Liverpool auf den FC Everton trifft, herrscht traditionell freundschaftliche Atmosphäre. Die Engländer sprechen vom "Friendly Derby". Eventuell schweißt die Fans die Trostlosigkeit ihrer Stadt zusammen. In manchen Vierteln Liverpools herrschen 25 Prozent Arbeitslosigkeit. Der Fußball ist das Lebenselixier. Der frühere Rekordmeister Liverpool holt 2020 seine erste Meisterschaft seit 30 Jahren.
In London sind Derbys an der Tagesordnung. Arsenal ist 1904 der erste Klub aus der englischen Hauptstadt, der in die damalige First Division aufsteigt und 1931 der erste Londoner Klub, der Meister wird. Tottenham schafft es 1909 in die First Division und gewinnt 1963 als erster englischer Klub einen Europapokal. Arsenals Fans feiern, je nach Saisonverlauf, in den Pubs den "St. Totteringham's Day". Dies ist der Tag, an dem die Spurs rein rechnerisch in der Tabelle an den Gunners nicht mehr vorbeiziehen können.
In Spaniens Hauptstadt Madrid bestimmt das Derby zwischen Real und Atlético den fußballerischen Lebensrhythmus. 2014 und 2016 bildet das Duell der beiden Lokalrivalen im Endspiel der Champions League sogar den Kampf um Europas Krone. Real braucht zum Sieg 2014 die Verlängerung und 2016 sogar das Elfmeterschießen. Nur ein Deutscher hat beide Trikots getragen: Bernd Schuster, der Real Madrid später auch trainiert.
In Deutschland heißt es beispielsweise bei den Schalker Fans, denen vereinsseitig eine Kapelle zur Verfügung steht, Fußball sei Religion. Auf die Rivalität zwischen Celtic und den Rangers in Glasgow trifft dies tatsächlich zu. Sie gründet auch auf dem Gegensatz zwischen Katholiken (Celtic) und Protestanten (Rangers). Das Stadtderby heißt "Old Firm". Rekordmeister Rangers ist Celtic nur noch um drei Meistertitel voraus (54 zu 51).
Nur ein knapper Kilometer trennt in Portugals Hauptstadt Lissabon die Spielstätten Benficas und Sportings. Sozial jedoch ist die Entfernung zwischen den beiden Stadtrivalen bedeutender. Benfica gilt als Klub des Volkes, Sporting als jener der feineren Gesellschaft. Sporting hält mit einem 16:1 über Apoel Nikosia seit dem 13. November 1963 den Rekord für den höchsten Sieg im Europapokal.
Galatasaray Istanbul gegen Fenerbahce Istanbul, das heißt in der türkischen Metropole auch: Aristokratie gegen Bürgertum. Fenerbahce, für das auch der frühere deutsche Nationalspieler Max Kruse, links im Bild, stürmte, war Lieblingsklub des türkischen Staatsgründers Atatürk. Umfragen zufolge ist jeder dritte Türke ein Anhänger Fenerbahces. Und dessen Fans gelten als die fanatischsten der Türkei.
Die Saison 2003/04 ist in die griechische und europäische Fußball-Geschichte eingegangen. Im Herbst stehen erstmals drei Vereine aus einer Stadt in der Champions League: Olympiakos Piräus, Panathinaikos Athen (im Bild deren Duell vom 21. Juni 2020) und die AEK Athen. Alle drei Lokalrivalen scheitern in der Vorrunde. Die EM am Ende der Saison aber gewinnt sensationellerweise Griechenlands Nationalmannschaft.
Die Roter Stern und Partizan begegnen sich in der serbischen Hauptstadt Belgrad im sogenannten "ewigen Derby", auf Serbisch: "veciti derbi". Ihre Wurzeln haben die beiden großen Rivalen, in deren Schatten auch der OFK Belgrad mitmischt, in der Studentenschaft (Roter Stern) und im Militär (Partizan). Partizans Fans werden "Totengräber" genannt, weil das Stadion des Vereins nahe einem Friedhof liegt.
1932, als Wien der kontinental-europäische Nabel der Fußballwelt ist, tummeln sich in der Stadt an der Donau nicht weniger als 25 Profivereine. Ihre bekanntesten sind bis heute Rapid und Austria Wien. Ihnen gelingt es, auch weit außerhalb des eigenen Stadtbezirks Fans zu gewinnen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheitert Investor Frank Stronach beim Versuch, aus der Austria ein "Real Mitteleuropas" zu formen.
In den beiden Jahrzehnten zwischen den beiden Weltkriegen, also zwischen 1919 und 1938, bestimmt die Fußballstadt Prag den Rhythmus des europäischen Fußballs entscheidend mit. Die Derbys zwischen Slavia und Sparta sind regelmäßig Duelle um den Meistertitel. Sparta führt in dieser Bilanz mit 20:18 Meisterschaften.
Spartak Moskau, der Verein aus dem hügeligen Stadtteil Krasnaja Presnja in den weißen Trikots, bekennt sich mit seinem Vereinsnamen zu seinem Rebellentum. Spartakus war der Anführer des dritten Skalvenkriegs im antiken Rom. Ein Jahr jünger, gegründet 1923, ist der Zentrale Klub der Armee, ZSKA. Rund um die Duelle beider Klubs ist ein massives Polizeiaufgebot nötig, um die berüchtigen russischen Hooligans zu bändigen.